Soziales

In der Pandemie werden Tiere zu Wegwerfware

Marion Luppen
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Von Marion Luppen
| 26.01.2022 17:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die vier Hähne verstehen sich prächtig – solange keine Mädels in der Nähe sind. Fotos: Ortgies
Die vier Hähne verstehen sich prächtig – solange keine Mädels in der Nähe sind. Fotos: Ortgies
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Im Lockdown hilft der Hund über die Einsamkeit hinweg, doch dann wächst dem Halter die Verantwortung über den Kopf. Das Tierheim Aurich bekommt die Folgen zu spüren. Das Problem betrifft nicht nur Hunde und Katzen.

Aurich - Mike, Freddie, Roger und Brian verstehen sich prächtig. „Aber nur, solange keine Mädels in der Nähe sind“, sagt Anett Kulke. „Kommt da jetzt eine Henne und die kriegen das mit, dann gibt’s Ärger.“ Ärger ist untertrieben, es käme zu blutigen Kämpfen. Denn Mike, Freddie, Roger und Brian sind Hähne. Die vier Junggesellen sind in der Katzen-Auffangstation des Tierheims Aurich untergekommen, wo sie von Hundetherapeutin Anett Kulke gefüttert werden. „Komm mal her, Schatz, du bist doch so verfressen“, sagt die 56-Jährige zu Freddie, der gierig nach den Körnern in ihrer Hand pickt.

Was lustig klingt, ist für das Tierheim Aurich ein akutes Problem: Es ist nicht auf die Haltung von Geflügel ausgelegt. Die Mitarbeiter wissen nicht, wohin mit den Tieren. „Es gestaltet sich sehr schwierig, Hähne zu vermitteln“, sagt Tierheimleiterin Andrea Kerzel. Die vier Hähne sind in Wittmund ausgesetzt worden. Einem Geflügelzüchter wurden sie vor gut zwei Wochen von Unbekannten über den Zaun ins Außengehege geworfen. Nun will sie niemand haben.

„Wir sind hier nur auf Hunde und Katzen ausgelegt“

Kerzel vermutet, dass sich in diesem Fall jemand Hühner zugelegt hat und dann männliche Küken geschlüpft sind, die er nicht gebrauchen kann. Notfalls müssten die Hähne getötet werden, denn im Tierheim könnten sie „auf keinen Fall“ bleiben. Ihre Betreuung sei mit strengen Hygieneauflagen verbunden und viel zu personalintensiv. „Wir sind hier nur auf Hunde und Katzen ausgelegt.“

Freddie frisst der Tierheim-Mitarbeiterin aus der Hand.
Freddie frisst der Tierheim-Mitarbeiterin aus der Hand.

Kerzel zählt die vier Hähne zu den sogenannten Corona-Tieren. So bezeichnet die 55-Jährige ein Phänomen, das nach ihrer Beobachtung seit dem vergangenen Jahr verstärkt auftritt: Menschen schaffen sich Tiere an, weil sie im Lockdown einsam sind oder im Home-Office mehr Zeit haben. „Jetzt merken sie, dass Tiere Arbeit machen und dass sie sich vermehren.“ Die Verantwortung wachse ihnen über den Kopf, auch finanziell, und sie wollten die Tiere wieder loswerden.

Kaninchen auf der Restmülltonne

Am 14. Januar wurden vor der Tür des Auricher Tierheims am Eheweg in Sandhorst drei Kaninchen ausgesetzt. In dem Karton, der auf der Restmülltonne stand, hockten drei Löwenköpfchen – zwei Weibchen und ein Bock. Der Bock ist in einer Pflegestelle untergekommen und mittlerweile kastriert. Die beiden Weibchen sind glücklicherweise nicht trächtig, wie ein Test beim Tierarzt ergeben hat. All diese Kosten muss das Tierheim tragen.

Tierheimleiterin Andrea Kerzel zeigt eines der ausgesetzten Löwenkopfkaninchen.
Tierheimleiterin Andrea Kerzel zeigt eines der ausgesetzten Löwenkopfkaninchen.

Die Kaninchen machen einen vernachlässigten Eindruck. Sie sind dünn, haben kaum Muskelmasse und viel zu lange Krallen. Für Kerzel ein sicheres Zeichen dafür, dass sie keinen Auslauf hatten. Die Tierheimleiterin vermutet, dass sie Kindern als Spielzeug geschenkt wurden und dann achtlos ihr Leben im Käfig fristen mussten. Dass sie vor dem Tierheim ausgesetzt wurden und nicht im Wald, mache die Sache nicht besser. Es bleibe eine Straftat. Die Polizei sei informiert, doch für gewöhnlich verliefen solche Fälle im Sande.

Nagetiere als Zeitvertreib

Die Hähne und die Kaninchen sind nur zwei Beispiele. Kerzel berichtet von einer Vielzahl verhaltensauffälliger Hunde, die neuerdings im Tierheim landen. Menschen hätten sich im Lockdown einen Hund zugelegt und seien nun überfordert. Oder sie hätten sich eine Katze angeschafft und stellten nun fest, dass ihnen das Geld für die Kastration fehlt. Nagetiere wie Ratten, Hamster und Degus dienten manchen Menschen als Zeitvertreib im Lockdown. Kerzel spricht von „Wegwerf-Tieren“, die einfach ausgesetzt würden.

Andere Tierheime machten ähnliche Erfahrungen, sagt die Auricherin. Auch Iris Holzapfel vom Tierheim Weener hatte kürzlich im Gespräch mit dieser Zeitung gesagt, dass sich in letzter Zeit vermehrt Menschen meldeten, die mit ihren neu angeschafften Hunden überfordert seien. Das Tierheim Emden hingegen konnte diese Beobachtung auf Anfrage der Redaktion nicht bestätigen. Das Aufkommen an Fundtieren sei nicht anders als vor der Pandemie.

Kerzel, die gelernte Friseurin ist, engagiert sich seit 1989 für das Tierheim Aurich. Seit 14 Jahren leitet sie es. Die 55-Jährige hat schon viel Leid gesehen. Dennoch geht es ihr jedes Mal nahe, zu erleben, wie verantwortungslos manche Menschen mit Tieren umgehen. „Das trifft mich immer noch.“ Dennoch gebe sie nicht auf. „Jedes Leben zählt.“

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