Frankfurt

Münzwurf im Fußball: Früher war nicht alles besser

Udo Muras
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Von Udo Muras
| 26.01.2022 15:34 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Das Los brachte Spannungen, wie bei der Auseinandersetzung zwischen Frank Rijkaard (li) und Rudi Völler (re). Foto: Imago Images/Sven Simon
Das Los brachte Spannungen, wie bei der Auseinandersetzung zwischen Frank Rijkaard (li) und Rudi Völler (re). Foto: Imago Images/Sven Simon
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Was früher gang und gäbe war, war trotzdem nicht immer besser, weiß Kolumnist Udo Muras. Denn es ist noch nicht lange her, dass bei Fußballspielen nicht das Können entschieden hat, sondern der Münzwurf.

Als Kolumnist mit Faible für die Fußballhistorie muss ich mir gewiss zuweilen den Vorwurf gefallen lassen, der „Früher war alles besser“-Fraktion anzugehören. Dafür habe ich schon viel zu oft die gegenwärtigen Zustände angeprangert, gerade in Sachen Kommerzialisierung und Spannungstötern des Spiels, obwohl das ja zwei Antipoden sind, wie den Entscheidern allmählich mal aufgehen sollte. Ein Vorfall aus Übersee, sprich der NFL, auf den ich aufmerksam gemacht wurde, verpflichtet mich aber zu der Beteuerung, dass auch ich nicht alles besser fand, was früher gang und gäbe war. 

Ich denke an den Münzwurf, der im American Football bei Gleichstand in der „Overtime“ die Möglichkeit gibt, per Touchdown das Spiel zu entscheiden. Glückt das, kommt die andere nämlich nicht mehr dran. Das wäre so als wenn beim Elfmeterschießen die gewinnen, die 1:0 führen – was die anfangende Mannschaft durchaus begrüßen würde. 

Im Fußball war es aber mal noch krasser: Wurden doch tatsächlich noch bis weit nach der 11-Freunde-Zeit Spiele, die anders keinen Sieger fanden, per Gottesurteil, also Münzwurf, entschieden. Waldhof Mannheim kam auf diese Weise 1940 in sein einziges Pokalfinale, das es dann wenigstens verloren hat.

Italien hingegen gewann sein so erreichtes Finale um die Europameisterschaft 1968 im eigenen Land, was FIFA und UEFA allmählich nach Alternativen suchen ließen. Zu viel Ärger und Unverständnis hatten sich angehäuft darüber, dass Fortuna, die sich im Spiel schon oft genug einmischte, nun auch noch auf derart unsportliche Weise über Sieg und Niederlage entscheiden durfte. Zumal es doch Alternativen gab. 

Ein Deutscher hatte 1970 die beste Option erfunden, das heute längst schon gute alte Elfmeterschießen. Ein Hoch auf den Schiedsrichter Karl Wald, seit einiger Zeit pfeift er im Fußballhimmel. Die Deutschen hatten auch allen Grund dazu, die Münze war nie auf ihrer Seite. Okay, sie fiel auch nur zweimal, aber das war schlimm genug.

1965 entschied sie im Landesmeisterpokal gegen den 1. FC Köln, nachdem sie sich den Spaß gemacht hatte, beim ersten Versuch noch hochkant im Morast von Rotterdam stecken zu bleiben. Dann fiel sie im zweiten Versuch auf die Seite des FC Liverpool. Bis zum verlorenen Finale Dahoam der Bayern 2012 gegen Chelsea hat es keinen unglücklicheren deutschen Verlierer mehr gegeben.

Im Februar 1966 verstand auch Hannover 96 die Fußballwelt nicht mehr, nach drei wackeren Schlachten gegen den FC Barcelona wurden die Niedersachsen aus dem Messepokal hinauskomplimentiert. 

Dreimal bescherte die Münze den Deutschen übrigens ihre WM-Gegner: 1954 bekamen sie die Türken statt den Spaniern, auf die sich Sepp Herberger akribisch vorbereitet hatte, aber es ging ja alles gut, wie wir heute wissen. 1970 kam Marokko per Münzwurf nach Mexiko und bereitete uns unerquickliche 90 Minuten und 1990 entschied keine Münze, aber eben das Los auf den Achtelfinalgegner Niederlande, der gleichauf mit Irland gelegen hatte.

So wurde uns das „Lama-Drama“ geschenkt – Rijkaard spuckte Völler an – und ein Spiel, von dem ich freilich behaupten würde, es war besser als jedes andere mit unseren Nachbarn, das da noch kam. Aber das nur nebenbei.

 Es ändert nichts an dem Grundgedanken, dass Lose und Münzen im Sport keine Sieger küren sollten, obwohl sie natürlich für einen gewissen Pragmatismus standen. Was sonst tun, fragten sich die Funktionäre etwa nach dem Endspiel ohne Ende 1922 zwischen dem HSV und dem 1. FC Nürnberg, das wegen einbrechender Dunkelheit abgebrochen wurde. Damals gab es noch kein Flutlicht.

Der DFB führte deshalb zum 1. Januar 1924 das Golden Goal ein, es hieß nur anders und wurde alsbald wieder abgeschafft, dafür gab es umso mehr Wiederholungsspiele in Meisterendrunden und Pokale. Womöglich auch aus kommerziellen Gründen? Nein, früher war nicht alles besser. 

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