Analyse

„Spaziergänge“: Alte Inhalte in neuem Gewand

Claus Hock
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Ein Kommentar von Claus Hock
| 25.01.2022 16:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die „Maßnahmenkritiker“, hier am Montagabend in Norden, fühlen sich in „der Presse“ falsch dargestellt. Dass sich die jetzigen „Spaziergänge“ und Demonstrationen auf die gleichen fadenscheinigen Quellen stützen wie seit Beginn der Pandemie, wird entweder verschwiegen, ignoriert oder als „Wahrheit“ verkauft. Foto: Hock
Die „Maßnahmenkritiker“, hier am Montagabend in Norden, fühlen sich in „der Presse“ falsch dargestellt. Dass sich die jetzigen „Spaziergänge“ und Demonstrationen auf die gleichen fadenscheinigen Quellen stützen wie seit Beginn der Pandemie, wird entweder verschwiegen, ignoriert oder als „Wahrheit“ verkauft. Foto: Hock
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Nach der Auflösung von „Querdenken Ostfriesland“ war es in Ostfriesland lange verhältnismäßig ruhig, was Demonstrationen anging. Nun bekommt die „maßnahmenkritische“ Bewegung ein neues Momentum.

Ostfriesland - Die harmlos daherkommenden sogenannten „Spaziergänge“ und die Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen sind eine Weiterführung der in Ostfriesland in der Bedeutungslosigkeit versunkenen „Querdenker“. Die „Köpfe“ haben gewechselt, auch das Auftreten nach Außen ist ein anderes, aber die Hintergründe und Grundlagen sind die gleichen.

Das haben die vergangenen Wochen gezeigt, seitdem Ende November und Anfang Dezember sowohl Demos als auch die nicht-angemeldeten Spaziergänge an Fahrt aufnahmen. Unsere Zeitung hat sich die Entwicklung, auch in den Kanälen und Gruppen des Kommunikationsdienstes „Telegram“ genauer angesehen und analysiert.

Alte Inhalte in neuem Gewand

An den Inhalten, die auf den Demonstrationen geäußert werden, hat sich seit der „Querdenken“- Bewegung nicht viel geändert. Aktuell werden nur Einzelthemen wie Kinder und Impfung verstärkt in den Vordergrund gedrängt. Der ideologische Unterbau ist dabei aber der gleiche geblieben. „Alternative Medien“ wie die rechtsgerichteten und verschwörungsideologischen Seiten „Tichys Einblick“ oder Reitschuster spielen immer noch genau die gleiche Rolle wie der verschwörungsideologisch agierende „Corona Ausschuss“. Auch Behauptungen aus dem rechten amerikanischen QAnon-Umfeld werden weiter in ostfriesischen Telegramgruppen verteilt. Die „Mainstream“-Medien werden als gesteuert und falsch berichtend wahrgenommen.

Aus diesen Gruppen rekrutieren sich auch viele der Teilnehmer an den „Spaziergängen“. Nur nach Außen ist man hingegen stets bemüht, eben diese Hintergründe nicht zu kommunizieren, damit sowohl „Spaziergänge“ als auch die angemeldeten Demonstrationen für eine möglichst breite Masse anschlussfähig bleiben. So laufen auf den Veranstaltungen verunsicherte Menschen neben denen, die regelmäßig verschwörungsideologische Inhalte konsumieren und diese auch verbreiten.

Leer im Fokus

In den vergangenen Wochen und Monaten gab es Versuche, die sogenannten „Spaziergänge“ in verschiedenen Orten in Ostfriesland zu etablieren. Das führte dazu, dass es beispielsweise auch in Pewsum oder auf dem Uplewarder Deich „Spaziergänge“ oder ähnliche Veranstaltungen gab, ebenso in Weener, Wiesmoor und anderen Orten. Es zeichnet sich allerdings eine Tendenz ab, dass die Maßnahmengegner in Aurich, aber vor allem in Leer ihre abendlichen Spaziergänge begehen. Es ist nachweislich so, dass beispielsweise auch Organisatoren der Demonstrationen in Emden montagsabends nicht in Emden „spazieren“, sondern nach Leer fahren. Am vergangenen Montag war in Emden auch entsprechend kein „Spaziergang“ einer größeren Gruppe festzustellen.

Vielerorts in Ostfriesland regtsich mittlerweile Protest gegen die "Spaziergänge" und Demonstrationen der Maßnahmenkritiker. Zuletzt fand am vergangenen Montag eine Menschenkette mit mehr als 300 Teilnehmern auf dem Norder MArktplatz statt. Foto: Hock
Vielerorts in Ostfriesland regtsich mittlerweile Protest gegen die "Spaziergänge" und Demonstrationen der Maßnahmenkritiker. Zuletzt fand am vergangenen Montag eine Menschenkette mit mehr als 300 Teilnehmern auf dem Norder MArktplatz statt. Foto: Hock

Die Teilnehmer zog es wahrscheinlich nach Leer oder nach Norden. In Leer waren an diesem Montag rund 350 „Spaziergänger“ unterwegs, mehr als noch in der Woche davor. Unter diesen Teilnehmern waren auch nachweislich viele Nicht-Leeraner, darunter auch Mitglieder aus dem „Organisationsteam“ der Emder Demo. In Aurich scheinen sich die Teilnehmerzahlen im Bereich von 150 anzusiedeln. Für Norden wurde am vergangenen Montag gezielt mobilisiert, da zeitgleich zum „Spaziergang“ eine Menschenkette als Gegenprotest auf dem Marktplatz angekündigt war. Der Erfolg war überschaubar: rund 120 Spaziergänger fanden sich am Norder Tor ein und marschierten, begleitet von der Polizei, durch die Stadt. An der Menschenkette, die sich für ein solidarisches Miteinander und für das Impfen aussprach, nahmen mehr als 300 Menschen teil.

Streit um beste Strategie

In den einschlägigen Telegram-Gruppen gehen bei den Teilnehmern unterdessen die Diskussionen los. Es gibt vermehrt Auseinandersetzungen darüber, ob die „Spaziergänge“ als Demonstration angemeldet werden sollten oder nicht. Zu Beginn dieser Demonstrationsform brüsteten sich viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer damit, dass man der Polizei „entwischt“ sei oder beschwerte sich darüber, dass die Polizei die „Spaziergänger“ am Laufen gehindert habe. Vor allem aus diesem Teilnehmerfeld gibt es Kritik daran, die Veranstaltungen im Vorfeld anzumelden. Es ist unter anderem zu lesen, dass man sich damit den Regeln des Systems unterwerfen würde. Auch gab es vereinzelt Vorschläge, einfach ganz viele „Spaziergänge“ mit zwei bis vier Teilnehmern anzumelden, um die Behörden mit Anmeldungen zu fluten.

Anderen wiederum ist es egal, ob angemeldet wird oder nicht. Diese Teilnehmer sehen vor allem eine hohe Teilnehmerzahl als bedeutsam an. Mit dem Setzen auf „Masse“ ist es auch zu erklären, dass es eine zunehmende Tendenz zu wenigen großen „Spaziergängen“ statt zu vielen kleineren gibt. Zum Teil werden auch Fahrgemeinschaften zu den Demos gebildet.

Ein Verantwortlicher, mehrere Demos

Ein Problem, mit dem die damalige „Querdenken“-Bewegung zu kämpfen hatte, war das Fehlen einer Leitfigur. Der Anmelder und Hauptorganisator der „Querdenken“-Demonstrationen in den Jahren 2020 und 2021, Frank Kramer, hatte sich irgendwann aus der Organisation zurückgezogen. Daraufhin schlief auch die „Querdenken“-Bewegung in der Region zunehmend ein.

Aktuell tut sich allerdings eine neue Leitfigur hervor: Frank Blaß. Der Surwolder, der ursprünglich aus Süddeutschland kommt, war schon in seiner früheren Heimat als Redner und Teilnehmer auf „Querdenken“-Demonstrationen. In den vergangenen Wochen taucht er immer häufiger in Ostfriesland als Redner und Veranstalter auf. So übernahm er die Organisation und Leitung der Demonstrationen in Papenburg, nachdem die dortige Anmeldung durch einen AfD-Politiker für Kritik bei den Teilnehmern gesorgt hatte. Aber auch in Emden ist Blaß aktiv: Wie die Stadt Emden auf Nachfrage bestätigt, war Blaß zwar nicht der Anmelder der Demonstrationen im Dezember und Januar, aber der Versammlungsleiter vor Ort.

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Zudem spricht Blaß bei Kommentaren rund um die Organisation zu den Emder Demos von „wir“. Auch als Redner trat er auf. Blaß ist in zahlreichen Telegram-Gruppen vertreten und mobilisiert immer wieder zu „Spaziergängen“ und Demonstrationen. Zum Teil bietet er sich mit seinem „Musikwagen“ als Teilnehmer an. Die angesprochenen Punkte sind unterdessen nur eine Momentaufnahme. Es ist zunehmend zu beobachten, dass die Diskussion und Organisation vor allem der „Spaziergänge“, zumindest solange diese nicht angemeldet werden, in geschlossene Gruppen verlegt werden.