Flyer in Emden

„Eltern stehen auf“: Falsche Fakten flattern in Emder Postkästen

Claus Hock
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Von Claus Hock
| 24.01.2022 16:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Im Boltentorviertel und im Stadtteil Constantia sind Flyer von „Eltern stehen auf“ verteilt worden. Foto: C. Hock
Im Boltentorviertel und im Stadtteil Constantia sind Flyer von „Eltern stehen auf“ verteilt worden. Foto: C. Hock
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Flyer des Vereins „Eltern stehen auf“ werden seit Jahresbeginn vermehrt in Emden verteilt. Die Inhalte machen Panik vor einer Corona-Impfung.

Emden - Unbekannte verteilen seit mindestens Anfang Januar Broschüren der Initiative „Eltern stehen auf“ in Emder Briefkästen. Zuletzt wurden die sechsseitigen Flyer des in Nürnberg registrierten Vereins im Emder Stadtteil Constantia verteilt, aber auch im Boltentorviertel sind sie schon aufgetaucht.

Was und warum

Darum geht es: Flyer des Vereins „Eltern stehen auf“ werden seit Jahresbeginn vermehrt in Emden verteilt. Die Inhalte machen Panik vor einer Corona-Impfung.

Vor allem interessant für: diejenigen, die einen solchen Flyer im Postkasten hatten und sich beim Inhalt unklar waren

Deshalb berichten wir: Leserinnen und Leser hatten uns auf die Flyer aufmerksam gemacht.

Den Autor erreichen Sie unter: c.hock@zgo.de

„Auf der ersten Seite ist zu lesen: test/impfzwang-frei, quarantäne-frei, abstands-frei, masken-frei. Auf den folgenden Seiten wird ausführlich die Gefährlichkeit von Impfungen beschrieben. Es findet sich kein Wort zur Gefährlichkeit einer Corona-Erkrankung“, beschreibt Volker Kähler den Flyer, den er Anfang Januar in seinem Briefkasten fand. Kähler sorgt sich, dass „nicht wenige“ auf diese Flyer hereinfallen. Der Flyer spricht sich mehrfach gegen eine Impfung von Kindern aus, die getroffenen Behauptungen laufen aber auf eine grundlegende Impfablehnung hinaus.

Unvollständige Zahlen

Auch unserer Redaktion liegt der Flyer vor. Die Initiative „Eltern stehen auf“ gibt es ungefähr seit Mai 2020, entstanden ist sie aus der „Querdenken“-Bewegung. Der Nürnberger Verein bezeichnet in dem Flyer die Covid-19-Impfung als „experimentelle Gentherapie“ und „Flächenstudie“. Der Verein gibt vor, sich um das Wohl der Kinder zu sorgen, tut dies aber auf Grundlage von Halbwahrheiten und bewussten Auslassungen. Ein Beispiel: Unter „Risiken & Nebenwirkungen“ werden viele Zahlen genannt. So heißt es in dem Flyer, dass dem Paul-Ehrlich-Institut bis Ende Mai 2020 „79.106 Einzelfallberichte zu Verdachtsfällen von Nebenwirkungen oder Impfkomplikationen“ gemeldet worden seien.

Faktencheck; Ende vergangenen Jahres hat das Paul-Ehrlich-Institut den Sicherheitsbericht zu Nebenwirkungen und Impfkomplikationen der Covid-19-Impfungen von 27. Dezember 2020 bis 31. November 2021 veröffentlicht. Betrachtet werden in diesem Zeitraum 123.347.849 Impfungen. Zu diesen Impfungen wurden 196.974 Verdachtsfälle im gleichen Zeitraum gemeldet. Klingt viel – und der Flyer von „Eltern stehen auf“ hört auch an dieser Stelle auf. Das ist typisch für die Panikmache dieser und ähnlicher Initiativen, denn die Kerninformation wird ausgelassen: Die Melderate betrug für alle Impfstoffe zusammen 1,6 Meldungen pro 1.000 Impfdosen, für schwerwiegende Reaktionen 0,2 Meldungen pro 1.000 Impfdosen“ [Hervorhebung von uns], so das Paul-Ehrlich-Institut. Hinzu kommt, dass eine Meldung nicht auch einen tatsächlichen mit der Impfung in Zusammenhang stehenden Befund beinhalten muss.

So heißt es auch an anderer Stelle im Bericht: „Nach derzeitigem Kenntnisstand sind schwerwiegende Nebenwirkungen [...] sehr selten und ändern nicht das positive Nutzen-Risiko-Verhältnis der Impfstoffe.“ Von den „hohen“ Zahlen bleibt also nur: Es gibt sogenannte „unerwünschte Reaktionen“ auf die Impfung, diese treten aber vor allem als schwerwiegende Nebenwirkungen nur sehr selten auf. In der endgültigen Bewertung wirft das Paul-Ehrlich-Institut übrigens auch einen Blick auf die Daten anderer Länder. Auch die im Flyer genannten Todesfälle sind ähnlich zu hinterfragen. Ein entsprechendes Kapitel gibt es im Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts, der fortlaufend aktualisiert wird.

Unbelegte Panikmache

Der Rest des Kapitels sowie große weitere Teile des Flyers ergehen sich in einer meist unbelegten Panikmache. „Es findet sich kein Wort zur Gefährlichkeit einer Corona-Erkrankung“, hat auch Kähler beispielsweise festgestellt. Stattdessen werden Schlagworte wie „Unfruchtbarkeit“, „Langzeitfolgen“ und so weiter in den Raum geworfen.

„Man muss sich nicht wundern, wenn Eltern durch derartige Pamphlete verunsichert werden“, sagt Kähler, der das Vorgehen von „Eltern stehen auf“ als „perfide“ bezeichnet. Es sei für ihn „schwer zu begreifen, dass sich so viele Menschen durch obskure Quellen, wie den Messenger-Dienst ,Telegram’ informieren und gleichzeitig die Ausführungen diverser Fachleute in den öffentlichen Medien für Fake-News halten, beziehungsweise eine Verschwörung dahinter vermuten.“

Dabei kommt der Flyer nicht ohne Quellen aus. Angegeben werden das Paul-Ehrlich-Institut, das Robert-Koch-Institut oder die Bundesärztekammer. Zum Teil sind die Internetadressen aber veraltet und nicht mehr abrufbar. Als sogenannte „Quellen“ werden aber auch eindeutig dem verschwörungsideologischen Umfeld zuzurechnende Seiten angegeben. Hinweise gibt es auch auf Initiativen aus dem „Querdenken“-.Umfeld wie „Ärzte für Aufklärung“ oder den sogenannten Corona-Ausschuss, dessen Behauptungen schon mehrfach widerlegt wurden. Verteilt wurden die Flyer von „Eltern stehen auf“ auch auf den vergangenen Demonstrationen in Emden von Teilnehmern des Umzuges. Auch auf früheren Demonstrationen waren die Flyer schon im Umlauf.

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