Umwelt

Industrie in Delfzijl: Die unsichtbare Gefahr von nebenan

Gordon Päschel
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Von Gordon Päschel
| 23.01.2022 18:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Bernd Meyerer, Dr. Sandra Koch und das Industriegebiet auf der anderen Seite der Ems: Die beiden Vorstandsmitglieder der Bürgerinitiative Saubere Luft Ostfriesland sehen den Aufbau immer neuer Anlagen in Delfzijl mit großer Skepsis. Den Ausstoß von Schadstoffen an der Grenze zum Weltnaturerbe Wattenmeer halten sie für gefährlich. Foto: Päschel
Bernd Meyerer, Dr. Sandra Koch und das Industriegebiet auf der anderen Seite der Ems: Die beiden Vorstandsmitglieder der Bürgerinitiative Saubere Luft Ostfriesland sehen den Aufbau immer neuer Anlagen in Delfzijl mit großer Skepsis. Den Ausstoß von Schadstoffen an der Grenze zum Weltnaturerbe Wattenmeer halten sie für gefährlich. Foto: Päschel
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Auf niederländischer Emsseite in Delfzijl sollen zwei weitere Chemie-Anlagen gebaut werden. In Emden wächst aus Sorge vor Umweltgiften das Unbehagen. Denn Messungen alleine bringen keine Entwarnung.

Emden - Auf dem Deich in Wybelsum weht ein frischer Wind. Die Sicht ist klar – das gegenüberliegende Emsufer wirkt an diesem Sonntag zum Greifen nah. Doch das, was drüben auf der niederländischen Seite zu sehen ist, sieht wenig einladend aus: In einem Wald aus Windrädern zeichnet sich auf einer Länge von mehreren hundert Meter die Silhouette eines Gewerbeparks ab. Es sind die Schwerindustrieanlagen von Delfzijl. Aus Schloten steigt Rauch auf.

Was und warum

Darum geht es: die Sorge vor Umweltgiften und industriellen Schadstoffen, die von Delfzijl nach Ostfriesland gelangen könnten

Vor allem interessant für: Diejenigen, die in Reichweite der Industrieanlagen leben. Die Hauptwindrichtung treibt die Luft in die Krummhörn und nach Hinte, aber auch ins nahe gelegene Emden und ins Rheiderland.

Deshalb berichten wir: Am Donnerstag informierte die Stadt Emden im Umweltausschuss des Rates über zwei zusätzlich geplante Chemiewerke in Delfzijl.

Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de

Dr. Sandra Koch und Bernd Meyerer stehen auf Emder Gebiet im Stadtteil Wybelsum. Sie sind von ihrem Wohnhaus kurz hinter dem Deich ans Wasser gekommen und blicken auf die niederländische Nachbarschaft. Dort soll die Industrie weiter wachsen. Das Unternehmen Clariter S.A. will in Delfzijl eine petrochemische Fabrik errichten. Zusätzlich treibt die Firma Plastic Conversion Plant B.V. den Bau einer Anlage zur Umwandlung von Kunststoffabfällen voran. „Wir müssen es ganz genau beobachten“, sagt Meyerer.

Umweltgifte im Weltnaturerbe Wattenmeer

Das Paar hat 2008 zusammen mit anderen die Bürgerinitiative (BI) Saubere Luft Ostfriesland gegründet. Ursprünglich hatten sie die Ansiedlung eines Kohlekraftwerkes in Emden verhindern wollen – die Pläne wurden später verworfen. Die Mitglieder der BI stellten allerdings schnell fest, dass es nur wenige Kilometer weiter, in Delfzijl, noch ganz andere Herausforderung für sie gibt. Immer wieder entweichen von dort gefährliche Gifte und gelangen in unmittelbarer Nähe zum Weltnaturerbe Wattenmeer in die Umwelt.

„Wir sind nicht anti-industriell eingestellt“, versichert Koch, die Biotechnologie und Chemietechnik studiert hat und als Dozentin an der Hochschule Emden/Leer arbeitet. Dass Kunststoffe in Delfzijl für die Weiterverwendung aufbereitet werden sollen, begrüße sie im Grundsatz. Die entscheidende Frage bei diesem Prozess und allen anderen sei jedoch, wie das geschehe und ob das mit der Nähe zum Weltnaturerbe überhaupt vereinbar sei. Zusammen mit ihrem Partner und den anderen rund 190 Mitgliedern der BI setzt sie sich dafür ein, dass für den Ausstoß von Schadstoffen strenge Grenzwerte festgelegt und deren Einhaltung auch kontrolliert wird. Die technische Komplexität, die wesentlich größeren finanziellen Möglichkeiten der Industrie-Unternehmen und die sprachlichen Hürden erschweren ihr Anliegen.

Beschwerlicher Klageweg

Die BI klagt regelmäßig in Zusammenarbeit mit niederländischen Partnern. Aber die juristischen Auseinandersetzungen sind kraft- und zeitraubend – zumal für Laien, die dafür ihre Freizeit opfern. Fachliche Einwände gegen die Pläne der Industrie-Konzerne seien „eigentlich nicht die Aufgabe von Bürgerinitiativen“, so Koch. „Darum müssen sich die Kommunen kümmern“, sagt sie.

Das Thema beschäftigt die Stadt Emden. Im Zuge des Planverfahrens wurde sie von der Genehmigungsbehörde der Provinz Groningen aufgefordert, Stellung zu den beiden beabsichtigten Ansiedlungen zu nehmen. Wie Rainer Kinzel, Fachbereichsleiter für Stadtentwicklung und Umwelt, am vergangenen Donnerstag mitteilte, stehe die Erweiterung des Industrieparks in Delfzijl „noch ganz am Anfang“. Im Ausschuss für Stadtentwicklung und Umwelt des Emder Rates ließ er erkennen, dass der Stadtverwaltung weitgehend die Hände gebunden sind. „Am Ende muss man den gesetzgeberischen Richtlinien vertrauen“, so Kinzel. Viel mehr, als auf die Einhaltung der Grenzwerte zu pochen, detaillierte Ergebnisse der Schadstoff-Messungen zu verlangen und in den Niederlanden darum zu bitten, möglichst wenige Umweltgifte zu emittieren, kann Emden demnach nicht machen.

Ratsmitglied fordert zusätzliche Messungen

Einigen Ratsmitgliedern geht das nicht weit genug. So forderte Gregor Strelow (SPD) „zusätzliche Messungen“ im Stadtgebiet. In Delfzijl sei „in den letzten Jahren erheblich Industrie entstanden“, sagte im Ausschuss. „So ein leicht ungutes Gefühl hat man schon“ wegen der geringen Entfernung. Er wolle sichergestellt wissen, dass die Schadstoff-Konzentration diesseits der Ems tatsächlich unbedenklich ist.

Zusätzliche Messungen alleine dürften allerdings nicht reichen. Diese Erfahrung machte die Emder Feuerwehr. 2019 und 2020 war es wiederholt zu „Blazern“ genannten Explosionen in einer Anlage in Delfzijl gekommen. Mit ihnen wurden nachweislich als krebserregend eingestufte Siliziumcarbidfasern in die Luft geschleudert. In Emden und anderen Teilen Ostfrieslands meldeten Anlieger auffällige Gerüche, die mit den Explosionen in Verbindung gebracht werden. Die Feuerwehr bestätigte die Gerüche. Alleine: Nachweisen konnte sie nichts. Der Grund: Etliche Chemikalien werden von den Messgeräten nicht erfasst. Was jedoch nicht besagt, dass es sie nicht gegeben hat.

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