Gesellschaft

Jung, ostfriesisch und queer: Jugendliche berichten

Mona Hanssen
|
Von Mona Hanssen
| 23.01.2022 13:36 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Im Café Life-Point in Emden treffen sich immer mittwochs queere Jugendliche. Foto: Hanssen
Im Café Life-Point in Emden treffen sich immer mittwochs queere Jugendliche. Foto: Hanssen
Artikel teilen:

Anlaufstellen in Ostfriesland für Jugendliche, die etwa schwul, lesbisch oder trans sind, sind sehr gefragt. Wir haben in Emden mit jungen Menschen übers Outing, Reaktionen und Probleme gesprochen.

Emden - Die Stimmung ist aufgekratzt im Café Life-Point in Emden. Etwa zehn junge Menschen sind an diesem Mittwochabend zusammengekommen, um sich ganz frei austauschen zu können: über die Schule, die Familie, Auf und Abs in ihrem Alltag, ihre Sexualität und Identität. Es ist eine queere Jugendgruppe unter der Leitung von Sozialarbeiter Janik Daniels. Queer (Ausgesprochen in etwa wie: kwier) ist ein Sammelbegriff aus dem Englischen, den Menschen unterschiedlicher sexueller Ausrichtung und Geschlechtsidentität für sich verwenden. Die Jugendgruppen in Emden und auch in Aurich erleben in Corona-Zeiten einen großen Zulauf.

So quirlig die jungen Leute im gemütlichen Sofa-Kreis zunächst sind, so ruhig werden sie, als es - wie jede Woche bei den Treffen - in eine Runde des offenen Gesprächs geht. Jede Person darf darüber sprechen, welche guten Erlebnisse sie seit dem letzten Treffen hatte, was sie belastet oder einfach Alltägliches. Es ist ein geschützter Raum. Man hört einander zu, hat Verständnis. Einige der Jugendlichen sprechen von psychischen Problemen, von neuen Beziehungen, Schulstress, neuen Wohnsituationen. Und davon, wie wichtig die Gruppe und der Austausch für sie sind.

Emden als Ort für Neustart

Einer aus der Runde ist Moss, der nach Emden zog, weil er bei seinen Eltern nicht mehr wohnen konnte. Die Leute aus der Jugendgruppe waren der erste Kontakt für ihn in der neuen Stadt. Moss outete sich mit 15 zunächst gegenüber seinem Vater. Er bezeichnet sich als agender, ordnet sich also keinem Geschlecht zu, akzeptiert aber die Personalpronomen „er/ihm“ für sich. Auch ist er aromantisch, verspürt also keine oder nur wenig romantische Gefühle für andere Personen. Über die Terminologie hat er viel gelesen und über das Internet auch viel über Menschen wie ihn erfahren können. „Eigentlich wollte ich in die Großstadt“, sagt Moss. Doch als das nicht klappte, sei Emden auch „ein ganz guter Ort für einen Neustart“ geworden.

Die 19-jährige Daniela sagt, sie habe bislang keine schlechte Erfahrungen in Ostfriesland gemacht. Ihre Mutter habe ihr schon früh signalisiert, dass es für sie keine Rolle spiele, ob Daniela eine Freundin oder einen Freund mit nach Hause bringen würde. Im Moment sei sie zwar in einer Beziehung mit einem Mann, aber sie habe generell auch Interesse an Frauen, erklärt die 19-Jährige. Sie habe den Eindruck, dass es in der Gesellschaft schon eher akzeptiert sei, wenn jemand schwul, lesbisch oder bisexuell sei. Die 20-jährige Sara sieht das etwas anders: „Worüber nicht oft genug geredet wird, ist das Problem in der Öffentlichkeit“, sagt sie. Sie habe schon negative Erfahrungen in Emden gemacht, sei aggressiv angepöbelt worden, weil sie mit ihrer Freundin Händchen hielt. „Liebe ist nur Liebe“, betont sie. Sie verstehe nicht, warum 2022 teilweise noch Verhältnisse wie vor hundert Jahren herrschten. „Warum wird es nicht einfach akzeptiert, warum muss man sich rechtfertigen?“

Ein langer Weg: im falschen Körper geboren

Die 19-jährige Freya beschreibt ebenfalls viele Herausforderungen auf ihrem Weg. Schon mit 14 habe sie sich als Mädchen gesehen und Lily genannt. Bei der Geburt wurden ihr allerdings männlichen Geschlechtsorgane zugewiesen. „Die Leute aus meiner Wohngruppe nannten das eine Phase“, erklärt sie. Das habe zu Selbsthass und Verzweiflung geführt. Erst vor rund einem Jahr habe sie in ihrem Freundeskreis von dem Schritt erzählt, Freya genannt zu werden. Ihrer Mutter gegenüber erklärte sie es in einem Brief. „Sie schafft es bis heute nicht, dass zu akzeptieren“, sagt die 19-Jährige. Aber: Von allen Behörde werde sie bereits als Frau angesprochen. Ein erster Schritt. Langfristig möchte sie ihren Körper so anpassen, dass er zu ihrer Identität passt.

Noah und Luca sind schon seit Jahren befreundet. Sie unterstützen einander auf ihrem Weg. Noah ist 20 und bezeichnet sich als pansexuell. Das heißt, dass er sich sexuell, romantisch und emotional zu Menschen jeden Geschlechts hingezogen fühlt. „Im Umfeld sind alle damit entspannt umgegangen, meine Eltern auch“, sagt er. Als er allerdings erklärte, dass er sich in seinem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht noch nie wohl gefühlt habe, sei das schon schwierig für seine Mutter gewesen. Seine Mutter habe den Schritt wohl so empfunden, als „will ihr jemand ihre Tochter wegnehmen“, sagt Noah. Ansonsten sei es aber von allen akzeptiert worden. Auch beim CVJM in Emden, wo er aktiv ist, habe es „nur positive“ Reaktionen gegeben und ihm sei jede Unterstützung zugesichert worden.

Luca sieht sich als ungeschlechtlich, akzeptiert im Deutschen aber das Personalpronomen „er“. Spätestens im Grundschulalter habe er für sich erkannt, dass er sich mit seinen männlichen Geschlechtsorganen nicht wirklich identifiziert. „Ich möchte mich nicht mehr gerne klar als männlich bezeichnen lassen“, sagt er. Menschen aus seinem Umfeld habe er dazu schon viel erklären müssen - zunächst zu seiner Sexualität, da er bisexuell ist, und dann zu seiner Identität. Einige hätten ihn gefragt, ob es eine „Trenderscheinung“ sei. „Jetzt auf einmal outen sich alle“, habe es geheißen. Das sei aber ein Irrtum, bekräftigt der 19-Jährige. Jetzt seien die Jugendlichen einfach besser aufgeklärt und hätten Vorbilder, hätten Wörter, um zu beschreiben, was in ihnen vor sich geht.

Ähnliche Artikel