Offener Brief
Ostfriesland: Mit „Querdenker“-Ärzten gegen die Impfpflicht
Unter den 575 Medizinern, die einen in Ostfriesland verfassten Offenen Brief gegen die Impfpflicht unterzeichnet haben, finden sich etliche „Querdenker“-Ärzte. Und eine AfD-Bundestagsabgeordnete.
Ostfriesland/Berlin - Wie findet man bundesweit 575 Mediziner, die einen Offenen Brief aus Ostfriesland unterschreiben, der sich gegen die Corona-Impfpflicht richtet?
Der Brief sei an eine einstellige Zahl von Kollegen weitergegeben worden und dann zum Selbstläufer geworden, sagt der Wittmunder Zahnarzt Dr. Stephan Gebelein, der ihn entworfen hat. Unterstützungswillige hätten ihn dann angemailt. Wer kam als Unterzeichner unter den Brief? „Wichtig ist, dass Mediziner drunter stehen“, erklärt er sein Auswahlkriterium.
Keine Impfgegner und Radikale unter den Unterzeichnern?
Im letzten Satz des Offenen Briefes heißt es: „Die Unterzeichner sind keine Impfgegner und distanzieren sich von radikalem Gedankengut.“ Dazu hätten sich die Unterstützer bekennen müssen, sagt Gebelein. Er habe aber nicht überprüft, ob das auf die Unterzeichner zutreffe und ob beispielsweise Querdenker oder AfD-Leute unter den Medizinern seien.
Dementsprechend reagierte er überrascht, als er von unserer Redaktion auf die Unterzeichnerin Dr. Christina Baum angesprochen wurde. Die Zahnärztin ist AfD-Bundestagsabgeordnete und war Erstunterzeichnerin des „Stuttgarter Aufrufs“. Darin erklärten AfD-Mitglieder: „Wir widersetzen uns allen Denk- und Sprechverboten innerhalb der Partei.“ Das war im Jahr 2018. Seither wurde in der AfD viel laut nachgedacht und gesprochen – was zur Folge hatte, dass sich inzwischen die Verfassungsschutzämter für die Partei interessieren.
AfD-Politikerin: Offener Brief hat ihr „aus dem Herzen gesprochen“
Baum ist als Rednerin bei selbsternannten „Querdenkern“ aufgetreten und nicht gegen Corona geimpft. Sie rechnet deshalb im März mit einem Berufsverbot als Zahnärztin, wie sie unserer Zeitung mitgeteilt hat. Wie sie zur Unterzeichnerin des Offenen Briefs wurde? „Ich kann Ihnen nicht mehr sagen, wer mich wegen dieses Briefes kontaktiert hat.“ Sie habe gar nicht gewusst, dass das eine ostfriesische Initiative sei. „Die Forderungen dieses Offenen Briefes haben mir aus dem Herzen gesprochen und deshalb steht mein Name auch ganz bewusst in der Unterzeichnerliste“, schreibt Baum.
Unsere Redaktion hat sich stichprobenartig einige Unterzeichner des Offenen Briefs angeschaut – und ist auf weitere Redner von „Querdenker“-Veranstaltungen gestoßen sowie auf Ärzte, die Patienten ohne medizinischen Grund mit Attesten versorgt haben sollen, die von der Maskenpflicht befreien.
Mehrere Masken-Attest-Ärzte haben Offenen Brief unterzeichnet
Von Dr. Thomas Külken ist beispielsweise auf einer „Querdenker“-Seite ein Video zu finden, das ihn als Redner bei einer einschlägigen Demonstration zeigt. Die Staatsanwaltschaft Freiburg hat nach Recherchen unserer Zeitung einen Strafbefehlsantrag gestellt, weil der Allgemeinarzt in 15 Fällen „unrichtige Gesundheitszeugnisse ausgestellt“ habe. Der Angeklagte habe jedoch Einspruch eingelegt – nun soll vor Gericht verhandelt werden.
Bereits als neunter Unterzeichner des Offenen Briefes ist Dr. Fritz Düker genannt. Auf den Zahnmediziner bezieht sich nach Recherchen unserer Zeitung eine Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Offenburg vom 21. Mai 2021. Darin wird von einem Strafbefehl „wegen des Ausstellens von Attesten zur Befreiung von der Maskenpflicht ohne medizinische Indikation“ berichtet und von „einer Beleidigung“ bei einer „Demonstration im Zusammenhang mit den pandemiebedingten Beschränkungen“. Der Strafbefehl ist demnach rechtskräftig geworden.
Ein corona-infizierter Zahnarzt, der offenbar die Quarantäne brach
Auch ein Beschluss des Offenburger Landgerichts vom 10. Januar 2022 soll sich auf ihn beziehen. Darin wird ein Beschluss des Amtsgerichts Offenburg gegen Düker zwar als rechtswidrig verworfen. Aber wegen eines „reinen Verfahrensfehlers“, wie das Landgericht auf Nachfrage erläutert. Düker war demnach in ein Krankenhaus zwangseingewiesen worden, weil er positiv auf Corona getestet worden war und offenbar die Quarantäne gebrochen hatte.
Der Arzt für Innere Medizin, Spezielle Diabetologie und Psychotherapie, Dr. Andreas Triebel, hat den Offenen Brief ebenfalls unterzeichnet. Nach Berichten von Bochumer Regionalzeitungen wie der Neue Rhein/Neue Ruhr Zeitung (NRZ) ist er als Redner vor „Querdenkern“ aufgetreten, bei der Bundestagswahl für die Partei „Die Basis“ angetreten und verdächtigt worden, „pauschale Atteste zur Befreiung von der Maskenpflicht ausgestellt“ zu haben.
Eine Ärztin, die eine Nähe zu einem Reichsbürger aufweist?
Ein solcher Verdacht traf auch die Ärztin Dr. Gudrun Stroer, wie der Merkur im Sommer 2020 schrieb: „Auf Nachfrage bestätigte Staatsanwältin Karin Jung als Grund für die Praxis- und Wohnungsdurchsuchung bei Dr. Gudrun Stroer Verdachtsmomente für das Ausstellen unrichtiger Gesundheitszeugnisse.“ Und: „Die Medizinerin teilt sich die Wohnung mit Dr. Uwe Erfurth (73), der in der Region zuletzt vor allem durch seine Aktivitäten als Kopf der Murnauer Corona-Demos und nach polizeilicher Einschätzung als vermeintlicher Anhänger der Reichsbürgerbewegung auffiel.“ Bei einer Corona-Demo berichtete die Ärztin laut Merkur als Rednerin über die Razzia. Stroer findet sich auch in der Namensliste unter dem Offenen Brief.
Zu den Unterzeichnerinnen gehören zudem mehrere Tierärztinnen. Darunter sind Dr. Imke Querengässer und Dr. Claudia Schoene, von denen sich jeweils eine Video-Stellungnahme auf einer Internetpräsenz der „Querdenken“-Bewegung findet.
Ein Arzt, der Chlordioxid gegen Corona-Viren empfahl
Ein weiterer Unterzeichner: Andreas Diemer, Arzt für Allgemeinmedizin und Naturheilverfahren. Unter anderem die ARD-Tagesschau berichtet im Internet, dass er auf seiner Homepage empfohlen habe, gegen „Viren, auch bei Covid-19 und anderen Corona-Viren“, Chlordioxid einzunehmen oder gar zu injizieren. Diese Behandlung ist nach Recherchen der Tagesschau „nicht nur wirkungslos, sondern potenziell lebensgefährlich“.
Nächstes Beispiel: Dr. Heidi Göldner, Fachärztin für Allgemeinmedizin. Der Fernsehsender RTL berichtete im November 2021 auf seiner Internetseite, dass die Ärztin Falschinformationen bezüglich angeblicher Todesfälle nach Corona-Impfungen verbreitet habe – per Aushang in ihrer Praxis. Das Nachrichtenportal mittelhessen.de informierte am 14. Januar, dass die hessische Ärztekammer nun den Fall prüfe. Eine Anfrage unserer Zeitung zum Fall Göldner bei der Landesärztekammer erbrachte folgende Auskunft: „Zu konkreten berufsrechtlichen Verfahren können wir leider keine Auskunft geben.“
Ein Arzt, der für „Spaziergänge“ gegen die Impfpflicht wirbt
Ein weiterer Unterzeichner des Offenen Briefs, der Kinderarzt Dr. Martin Hirte, wirbt auf seiner Homepage für „Montagsspaziergänge“, die sich „gegen Grundrechtseinschränkungen und Impfpflicht“ richten. Mit Hirtes diesbezüglichem Engagement befasste sich am 19. Januar der Merkur.
Zahnarzt Gebelein, der die Unterzeichner unter seinem Offenen Brief aufgelistet hat, sagt auf Anfrage, dass er nie an Demonstrationen oder „Spaziergängen“ gegen Corona-Maßnahmen teilgenommen habe. Außerdem merkt er an: „Ich bin ein Freund vom Mundschutz.“
Eine Leeraner Zahnärztin, die medizinische Masken zerstören lässt
Das trifft nicht auf alle seiner Unterzeichnerinnen zu. Unter ihnen ist die Leeraner Zahnärztin Dr. Maria Kaschner, die aus der FDP ausgetreten ist, wie sie im Sommer erzählte, und sich jetzt für „Die Basis“ engagiert. Als sie vor der Corona-Krise zu einem Pressegespräch in ihre Zahnarzt-Praxis lud, trug sie dort einen medizinischen Mundschutz. Und während der Pandemie? Vor ein paar Wochen hat sie ein Video verbreitet: Darin ist zu sehen, wie sie ihre Mitarbeiterinnen medizinische Masken „für Schwangere und andere deutsche nette Patienten und vor allem für uns selber bearbeiten“ lässt, „damit der Sauerstoff mehr das Gehirn versorgt“.
Eine der Mitarbeiterinnen erläutert, dass sie die obere Schicht und die zweite Schicht aus den Masken herausnehme, „damit am Ende nur noch eine Schicht übrigbleibt vom Mundschutz – also einmal hier diese ganz dünne“. Dr. Kaschner äußert sich in dem Filmchen zufrieden, „wie fix das alles geht“. Die zweite Mitarbeiterin setzt am Ende einen solch einlagigen Mundschutz auf, der nur noch aus einem durchsichtigen Netz-Stoff besteht. Dr. Kaschner kommentiert: „Ja perfekt.“
Ein Papenburger Zahnarzt, der nicht mit solchen Leuten auf die Liste wollte
Auf einige der genannten Mitunterzeichner hat unsere Redaktion den Papenburger Zahnarzt Dr. Michael Debbrecht angesprochen. Er ist auch als Vorsitzender der ostfriesischen Bezirksstelle der Zahnärztekammer Niedersachen bekannt. Debbrecht fand es „ein bisschen unglücklich“, dass sein Name jetzt in einer Liste mit solchen Leuten steht. Aber darauf habe er keinen Einfluss gehabt.
Sein Stellvertreter im Zahnärzte-Bezirk hatte es hingegen in der Hand: Dr. Stephan Gebelein, der den Offenen Brief verfasst und die Unterstützerliste zusammengestellt hat.
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