Offener Brief gegen Impfpflicht
Wittmunder Zahnarzt mobilisiert 575 Mediziner in Deutschland
Ärzte aus ganz Deutschland fürchten, dass sie aufgrund der Impfpflicht Personal verlieren. Ein Wittmunder Zahnarzt hat einen Offenen Brief an die Politik verfasst, den 575 Mediziner unterzeichnet haben.
Ostfriesland/Berlin - „Wir fordern die Regierung die Standesvertretung der Ärzte und Zahnärzte auf, eine Impfpflicht mit Covid-19-Impfstoffen und Zwangsmaßnahmen mit dem Ziel einer hundertprozentigen Impfquote in Deutschland zu unterbinden.“ Das steht in einem „Offenen Brief“ vom 3. Januar, der unter anderem „an alle Politiker des Bundes und der Länder“ gerichtet ist. Der ehemalige Chirurgie-Chefarzt des Wittmunder Krankenhauses, Dr. Johannes Jostes, hat ihn an unsere Zeitung geschickt. Er gehört zu den 575 Medizinern, die ihn unterzeichnet haben. Ein Großteil von ihnen sind Zahnärzte – wie der Initiator: Dr. Stephan Gebelein, Zahnarzt aus Wittmund. Er ist auch als stellvertretender Vorsitzender des ostfriesischen Zahnärztekammer-Bezirks bekannt.
Gebelein berichtet, dass er „gegen Influenza geimpft“ sei, allerdings nicht gegen das Corona-Virus. „Ich bin kein Befürworter der Corona Impfstoffe“, sagt er. Aber: „Ich bin kein Komplettgegner so einer Impfung.“ Gebelein verlangt eine personenbezogene Risiko-Nutzen-Bewertung der Impfung durch einen Arzt – statt einer Impfpflicht. Verglichen damit, wie die Corona-Impfstoffe zunächst propagiert worden seien, würden sie politisch „überschätzt“. Auch Geimpfte könnten erkranken und andere anstecken. Übrig geblieben sei nur, dass Impfstoffe vor schweren Krankheitsverläufen schützen könnten, so Gebelein. „Darauf deuten Studien hin.“ Daher sei es richtig, Risikogruppen wie Senioren zu impfen.
Die Betrachtung von Nutzen und Risiko der Corona-Impfung
Bei Kindern und in anderen Altersgruppen fehlen aus Gebeleins Sicht hingegen noch wissenschaftliche Belege, dass der Nutzen der Impfung das Risiko übertrifft. Er zitiert aus einer Studie von John Ioannidis von der Universität Stanford. Daraus gehe hervor, dass 99,9987 Prozent der Kinder eine Covid-19-Infektion überleben würden. Über den US-Epidemiologen schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung vor ein paar Tagen: „John Ioannidis galt als Ikone für Qualitätsforschung. In der Pandemie gibt er den Verharmloser.“ Die weitere Suche im Internet ergibt: Mehrere Studienergebnisse von Ioannidis sind unter Wissenschaftlern umstritten. Ihm werden methodische Ungenauigkeiten vorgeworfen.
Zahnarzt Gebelein fordert, dass die unterschiedlichen Corona-Risiken von Bevölkerungsgruppen wie Kindern bei der Impfstrategie berücksichtigt werden müssen. Auf die Frage, ob aus den seitenlangen Abwägungen der Ständigen Impfkommission (Stiko) bezüglich Kinder- und Jugendimpfungen nicht hervorgehe, dass seine Forderung längst erfüllt sei, sagt er zunächst, dass er „hoffe“, dass die Stiko so vorgehe. Auf Nachfrage ergänzt er, er habe diese Abwägungen gelesen. Ein paar Sätze später verwendet er die Formulierung, er „denke“, dass die Stiko eine Nutzen-Risiko-Abwägung vornehme. Aber es müssten diesbezüglich „alle Gruppen“ angeschaut werden.
Wittmunder Zahnarzt sieht noch Forschungsbedarf
Aufgrund des schnelleren Zulassungsverfahrens, das die Corona-Impfstoffe im Vergleich zu früheren Impfstoffen durchlaufen haben, sieht Gebelein noch weiteren Forschungsbedarf. Er verweist darauf, dass die Europäische Kommission nur eine „bedingte Zulassung“ für die Corona-Impfstoffe erteilt hat – die Hersteller also noch Daten nachliefern müssten.
Gebelein verneint die Frage, ob ihm jemals ein Impfstoff bekannt geworden sei, bei dem Langzeitfolgen in dem Sinne aufgetreten sind, dass Jahre nach der Impfung eine Nebenwirkung aufgetreten ist. Bisherige Impfstoffe hätten ja aber ein längeres Zulassungsverfahren durchlaufen, argumentiert er. Hinzu komme, dass die mRNA-Impfstoffe – von Biontech und Moderna – völlig neuartige Impfstoffe seien.
Die Angst vor der Spaltung der Gesellschaft
Im Offenen Brief der 575 Mediziner aus dem ganzen Bundesgebiet heißt es: „Mögliche Schäden, welche durch die mRNA-Impfstoffe hervorgerufen werden, sind immer noch Gegenstand der Forschung und unter den heutigen Maßstäben nicht abzuschätzen.“ Obwohl viele Millionen Menschen damit geimpft sind? Es seien sogar Milliarden, sagt Gebelein – er sieht trotzdem noch weiteren Klärungsbedarf. Bisher erfasste Nebenwirkungen seien im Verhältnis zu den Impfungen zahlreicher als bei Impfstoffen gegen andere Krankheiten.
Der „Unmut unter Medizinern und medizinischem Personal“ steige ob der „bevorstehenden Impfpflicht und der Angst, dass die bestehende Spaltung der Gesellschaft weiter vorangetrieben wird“, heißt es in dem Offenen Brief. Auch der Papenburger Zahnarzt Dr. Michael Debbrecht hat ihn unterschrieben. Er betont, dass er dazu als Privatperson und nicht als Vorsitzender des Zahnärztekammer-Bezirks Ostfriesland Stellung nehme.
Die Sorge, dass medizinisches Personal verlorengeht
Er fürchtet, dass durch die Impfpflicht „hochqualifizierte Mitarbeiterinnen“ verlorengehen. „Da sehe ich das Problem.“ Es gebe in vielen Praxen ein oder zwei ungeimpfte Leute – berichtet Debbrecht, der gerade seine Booster-Impfung hinter sich hat, wie er erzählt: „Ich bin kein Impfgegner!“ Eine zusätzliche Gefahr für Patienten durch ungeimpfte Kräfte hält er nach dem aktuellen Stand der Erkenntnisse für fraglich – weil auch Geimpfte das Virus weitergeben könnten. Und Schutzmaßnahmen gibt es in Zahnarzt-Praxen sowieso.
In dem Offenen Brief wird gefordert, dass der gesellschaftliche Umgang mit Menschen nicht vom Impfstatus abhängig gemacht werden dürfe: „Gebieten Sie der menschenverachtenden Diskriminierungswut Einhalt.“ Und: „Der politische Zwang einer Impfung mit allen möglichen Folgen, bis zum Berufsverbot, kommt einer Vergewaltigung der individuellen Selbstbestimmung gleich.“ Den Begriff der „Vergewaltigung“ habe er von drei Kolleginnen übernommen, erläutert Gebelein. Sie hätten ihm gesagt, sie fühlten sich „wie vergewaltigt“.
Eine AfD-Politikerin ist unter den Unterzeichnerinnen
Auch die AfD-Bundestagsabgeordnete Dr. Christina Baum, eine nicht gegen Corona geimpfte Zahnärztin, hat diese Formulierung offenbar kürzlich verwendet. Die ARD-Tagesschau berichtete im Dezember auf ihrer Internetseite, dass Baum in einer Bundestagsdebatte über die Impfpflicht für medizinische und pflegerische Berufe von einer „Vergewaltigung von Teilen des Volkes“ gesprochen habe. Die AfD-Politikerin gehört zu den Unterzeichnerinnen des Offenen Briefes, der in Wittmund initiiert wurde.
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