Umfrage

Das erwarten die Landwirte jetzt von der Politik

Nicole Böning
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Von Nicole Böning
| 21.01.2022 19:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 12 Minuten
Hartwig Frühling, Milchviehhalter aus Wiesmoor, war einer der Gesprächspartner in der Umfrage zur Stimmung in der Landwirtschaft. Foto: Ortgies
Hartwig Frühling, Milchviehhalter aus Wiesmoor, war einer der Gesprächspartner in der Umfrage zur Stimmung in der Landwirtschaft. Foto: Ortgies
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Die Agrarbranche kommt nicht zur Ruhe: Die neue politische Führungsspitze in Berlin will strengere Regeln für Äcker und Ställe einführen. Das sagen Landwirte aus dem Kreis Aurich dazu.

Aurich - Neue Bundesregierung, neues Jahr und erneut Ankündigungen der Politik, strengere Regeln auf Äckern und in Ställen einzuführen: Nicht nur auf die Landwirte, sondern auch auf die Verbraucher kommt in den nächsten Jahren einiges zu. Das verkündeten die Bundesumweltministerin Steffi Lemke und Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (beide von den Grünen), als sie in Berlin am 18. Januar die strategische Allianz ihrer Ministerien bekannt gaben. Den landwirtschaftlichen Betrieben steht erneut ein großer Wandel bevor. Höchste Zeit, bei den Landwirten in der Region nachzufragen, was sie jetzt von ihrem neuen Minister Cem Özdemir erwarten und was sie in Richtung Berlin loswerden möchten.

Vier Betriebe kommen zu Wort

Dazu hat die Redaktion mit vier unterschiedlich wirtschaftenden Landwirten im Landkreis Aurich gesprochen. Sie berichten von den Herausforderungen beim Ackerbau und bei der Tierhaltung. Eines vorab: Keiner der Landwirte zuckt bei den Worten Klima- oder Umweltschutz zusammen. „Wir sind bereit, vieles mitzutragen“, sagt zum Beispiel Carl Noosten, der in Dornum Ackerbau betreibt. Seine Forderungen: „Es ist wichtig, nicht über die Köpfe der Landwirte hinweg zu entscheiden, sondern ins Gespräch zu kommen.“ Diskussionen auf Faktenbasis und weniger Ideologie wünscht er sich.

Auch wenn sich Hartwig Frühling aus Wiesmoor für die Landwirte wünschen würde, wieder einmal zur Ruhe kommen zu können, ist er bereit, neue Wege zu gehen. In vielen Bereichen seien die Landwirte schon aktiv: „Artenvielfalt steht schon lange auf unserer Agenda“, sagt er. Das Thema will auch die neue Allianz aus Umwelt- und Agrarministerium in den Fokus nehmen. Bis Ostern wollen die Minister die Eckpunkte für ein „Aktionsprogramm natürlicher Klimaschutz“ festlegen. Landwirte sollen darin eine große Rolle spielen.

Förderung für den Bau von Ställen

Die Zeit sei reif, Landwirtschaft, Natur, Umwelt und Klimaschutz unter einen Hut zu bekommen, hieß es von Cem Özdemir. Ihm gehe es dabei um ein sicheres und gutes Einkommen für die Landwirte, aber auch um gesunde Lebensmittel für alle. Vor allem das Einkommen ist bei den aktuellen Preisen für Schweinefleisch eine Sorge von Jochen Kötting, der in Neuwesteel 2000 Schweine und 1000 Ferkel hält: „Schweinehalter brauchen vor allem Förderung für den Bau von neuen Ställen.“ Ohne würde es nicht gehen. „Momentan fehlen uns einfach die Perspektiven“, sagt er: „Das ist noch schlimmer als die schlechten Preise für Schweinefleisch.“

Die Ankündigungen der Minister fallen in die Zeit, in der sonst in Berlin die Grüne Woche stattfindet. Die Agrarmesse ist eine wichtige Plattform für die Landwirtschaft und in diesem Jahr coronabedingt ausgefallen. „Das ist in der aktuellen Situation besonders schade“, findet Maren Ziegler vom Landwirtschaftlichen Hauptverein für Ostfriesland. „Es ist eine wichtige Veranstaltung, um mit der Politik ins Gespräch zu kommen.“

Werbung für regionale Produkte

Wie bei den anderen Befragten herrscht bei Karin Post de Buhr Zuversicht, dass der neue Landwirtschaftsminister sich auch so ein gutes Bild von der Lage der Landwirte machen kann. „Es hat gute Ansätze“, findet die Bullenmästerin aus Brockzetel. „Es wäre allerdings gut, wenn er sich mehr für regionale Produkte einsetzen würde.“ Speziell für die Schweinehalter wünscht sie sich jetzt gute Lösungen von der Politik. Das dort stattfindende Höfesterben treibt auch sie um: „Mir macht die Entwicklung große Sorgen“, so Post de Buhr. „Ich habe Angst davor, dass die Landwirtschaft für kommende Generationen immer unattraktiver wird.“

„Eine Weide gehört dazu“

Das sagt Hartwig Frühling, Milchviehhalter aus Wiesmoor:

Was für einen Betrieb haben Sie? Wir haben 180 Milchkühe und liefern gentechnikfreie Weidemilch an die Molkerei Ammerland. Für den Eigenbedarf bauen wir Futtergetreide und Futtermais an. Weidehaltung ist zwar viel Arbeit und bringt nicht so viel Kontinuität bei der Fütterung mit sich, gehört aber für mich zur Milchviehhaltung dazu.

Was bereitet Ihnen die größten Sorgen? Wir stecken in der Landwirtschaft mitten in einem Strukturwandel, viele Betriebe geben auf. Zwar sind die Preise für Milch aktuell gestiegen und liegen bei 42 Cent, aber auch alle anderen Preise sind gestiegen. Vor allem die Preisentwicklung für Dünger bereitet mir Sorge. Außerdem mache ich mir Gedanken darüber, wie sich die politischen Rahmenbedingungen zukünftig entwickeln. Die Bauvorschriften für Siloplatten (Lagerstätten für Grassilage) sind so streng, als würden wir Erdöl verarbeiten. Dabei ist es einfach nur Gras. Wie es weitergehen soll, wenn der Handel die Preise immer weiter drückt, parallel dazu aber die Anforderungen an uns immer weiter steigen, das ist auch beunruhigend.

Was wünschen Sie sich vom neuen Landwirtschaftsminister Cem Özdemir?Dass er die Lage richtig einschätzt und nicht nur durch die politische Brille blickt. Es wäre gut, wenn er die Verantwortung für den Berufsstand übernimmt – so, wie er es angekündigt hat. Cem Özdemir hat meiner Meinung nach einen guten Realitätssinn. Die deutschen Landwirte sind weltweit bereits Vorreiter beim Umweltschutz, beim Tierwohl und beim sozialen Standard. Sie müssen jetzt Zeit bekommen, um durchzuatmen.

Wenn er auf Ihren Hof kommen würde, was würden Sie ihm zeigen? Meine Ställe und die Flächen. Wir haben hier anmoorige Böden. Die sind aktuell als Kohlenstoffspeicher in der Diskussion. Es ist geplant, sie wieder zu vernässen, damit weniger COTextbaustein: Schrift tiefstellen2 freigesetzt wird. Aber ist das die Lösung? Ich hoffe auf eine zielgerichtete und nach allen Seiten offene Forschung, um die Freisetzung klimaschädlicher Gase zu vermeiden. Es kann sein, dass ein Tiefpflügen oder ein Überdecken mit Schlick wie in Riepe eine Alternative sein kann. Wenn wir nur ein Ziel im Blick haben, wirkt sich das möglicherweise auf andere Ziele negativ aus. Wir Landwirte haben zum Beispiel ebenfalls Themen wie Artenvielfalt oder Ernährungssicherung auf der Agenda, die mit dem Klimaschutz in Einklang gebracht werden müssen. Einfache Lösungen gibt es dafür nicht.

Haben Sie noch Spaß an Ihrem Beruf? Ja, das habe ich auf jeden Fall. Ich engagiere mich sehr viel ehrenamtlich und freue mich dann immer, wenn ich wieder im Stall zugange bin und mich bei der Arbeit entspannen kann.

„Die Landwirte sind bereit“

Das sagt Carl Noosten, Ackerbauer aus Dornum:

Was für einen Betrieb haben Sie? Ich betreibe einen 250 Hektar großen Ackerbaubetrieb. Wir säen Gerste, Hafer, Raps und Ackerbohnen vor allem für Tierfutter. Die proteinreiche Ackerbohne ist in Kombination mit Rapsschrot eine Alternative für importiertes Soja und garantiert gentechnikfrei. Soja ist sehr hochwertig, das zu ersetzen ist nicht einfach.

Was macht Ihnen aktuell die größten Sorgen? In der Landwirtschaft werden die Betriebe europaweit über einen Kamm geschoren. Dabei sind die Anforderungen schon in Dornum ganz andere als in Großheide. Ein Beispiel: Wenn wir europaweit auf Pestizide verzichten und nur noch mechanische Verfahren zur Unkrautbeseitigung verwenden sollen, haben wir ein Problem: Jeder dritte Wiesenbrüter unter den Vögeln ist Ostfriese und wir zerstören mit einem Striegel die Gelege. Es wäre gut, wenn bei der Europäischen Union nur der Rahmen für die Landwirtschaft festgelegt wird. Wir überlegen dann in der Region gemeinsam, wie wir die Anforderungen erfüllen können. Auch wichtig: Wenn Glyphosat verboten wird oder die Tierschutzstandards angehoben werden und unsere Produkte dadurch teurer werden, darf der Handel nicht einfach auf billigere Produkte aus anderen Ländern zurückgreifen, die zu schlechteren Bedingungen hergestellt werden.

Was wünschen Sie sich vom neuen Landwirtschaftsminister Cem Özdemir? Ich würde mir wünschen, dass wir faktenbasiert diskutieren können und nicht so sehr ideologisch. In Niedersachsen greift 2023 der Niedersächsische Weg. Das ist eine freiwillige Vereinbarung zwischen Landwirtschaft, Naturschutz und Politik, in der wir Maßnahmen zum besseren Natur-, Arten- und Gewässerschutz vereinbart haben. Das zeigt, dass die Landwirte bereit sind, sich zu verändern. Dafür müssen auch ihre Bedürfnisse berücksichtigt werden. Wir müssen gemeinsam schauen, wie wir klimaoptimiert arbeiten können. Wir müssen beim Klimaschutz auch die Effizienz und Effektivität einer Produktion betrachten. Wenn wir viel Fläche für wenig Getreide bewirtschaften, ist das nicht im Sinne des Klimaschutzes.

Wenn er auf Ihren Hof kommen würde, was würden Sie ihm zeigen? Ich würde ihm unsere Windkraftanlage aus dem Jahr 1994 zeigen. Wir Landwirte gehören zu den Vorreitern des Klimaschutzes. Wenn die Politik die richtigen Bedingungen schafft, sind die Landwirte bereit, dafür zu investieren.

Haben Sie noch Spaß an Ihrem Beruf?

Ja natürlich. Es ist einer der schönsten und wichtigsten Berufe. Schöner wäre, wenn er in der öffentlichen Wahrnehmung mehr geschätzt werden würde. In Umfragen kommen Landwirte übrigens gleich nach Richtern, Polizisten und Krankenpflegern ganz gut weg.

„Respekt für Tiere“

Das sagt Karin Post de Buhr, Bullenmästerin aus Brockzetel:

Was für eine Landwirtschaft betreiben Sie? Ich betreibe einen Bullenmastbetrieb mit Tretmiststall und eine Biogasanlage. Für die Biogasanlage nutzen wir Gras, Mais, Mist und Gülle von unserem Hof. Den Gärrest der Biogasanlage nutzen wir als hochwertigen Dünger. Wir haben 200 Bullen, die wir mit vier Wochen kaufen und bis zu einem Alter von etwa 20 Monaten aufziehen.

Was ist momentan Ihre größte Sorge? Die größte Sorge bereitet mir das Höfesterben und in welcher großen Not sich vor allem die Schweinehalter befinden. Viele Landwirte stehen vor den Scherben ihrer Existenz. Wenn es auf den Höfen nicht mehr weitergeht, verlieren sie alles, was sie über Generationen aufgebaut haben. Das treibt viele in die Depression. Ich habe Angst davor, dass die Landwirtschaft für kommende Generationen immer unattraktiver wird. Die Betriebe im Ausland freuen sich schon darauf, ihre Produkte nach Deutschland zu exportieren und die deutschen Landwirte mit ihren vielen Auflagen sind dann die Trottel der Nation.

Was wünschen Sie sich vom neuen Landwirtschaftsminister Cem Özdemir? Er hat gute Ansätze. Ich würde mir von ihm mehr Werbung für regionale Produkte wünschen. Der Bio-Hype ist bedenklich, denn es ist nicht unbedingt ökologischer, Bioprodukte zu kaufen. Außerdem müssen die Produkte mit dem Herkunftsort gekennzeichnet werden, damit die Verbraucher die Herkunft bei ihrer Kaufentscheidung einbeziehen können. Es muss generell ein Umdenken stattfinden. Warum muss man argentinisches Rindfleisch essen, wenn das Fleisch vom Landwirt nebenan viel besser ist? Es wäre außerdem gut, wenn mittelständische Betriebe in der Landwirtschaft besser gefördert werden. Dafür müsste bei der industriellen Landwirtschaft die Förderung gekappt werden, um das Größenwachstum der Betriebe zu beschränken. Wie kann es überhaupt noch sein, dass in der heutigen Zeit Mastställe für mehr als 1000 Bullen zugelassen werden?

Wenn er auf Ihren Hof kommen würde, was würden Sie ihm zeigen? Ich würde ihm zeigen, wie wir unsere Tiere halten und warum es für uns auch nur so funktionieren kann. Letztendlich stehen wir bei den aktuellen Fleischpreisen besser da, als viele andere Betriebe. Aber den Preis brauchen wir auch, um vernünftig wirtschaften zu können. Mir ist Respekt gegenüber Tieren sehr wichtig. Tierwohl sollte selbstverständlich sein, ist aber nicht umsonst zu haben.

Haben Sie noch Spaß an Ihrem Beruf? Ja, ich kann mir für mich keinen besseren und vielseitigeren Beruf vorstellen. Ich kann aber auch verstehen, wenn es vielen keinen Spaß mehr macht, wie momentan vielen Schweinehaltern. Ihnen steht das Wasser bis zum Hals.

„Die Perspektive fehlt“

Das sagt Jochen Kötting, Schweinehalter aus Norden:

Was für eine Landwirtschaft betreiben Sie? Ich betreibe mit meiner Familie einen konventionellen Ackerbaubetrieb mit Ferkelaufzucht und Schweinemast in Neuwesteel. Wir versuchen, alles in möglichst kurzen und geschlossenen Kreisläufen zu organisieren. Die Ferkel kommen zum Beispiel aus einem Sauenstall in der Hagermarsch. Die Fütterung erfolgt überwiegend mit eigenem Getreide. Die Schweine halten wir nach Tierwohlbedingungen. Sie werden ohne Antibiotika aufgezogen und an einen Schlachthof in der Nähe geliefert, der sich in bäuerlicher Hand befindet.

Was bereitet Ihnen aktuell die größten Sorgen? Mich sorgt, dass große Discounter wie Lidl, Aldi, Rewe und Edeka gemeinsam mehr als 80 Prozent Marktanteil haben. Das führt zu einem gnadenlosen Preiskampf in der gesamten Produktionskette. Zusätzlich sollen in immer kürzeren Intervallen die Haltungsbedingungen angepasst werden. Dadurch müssen wir unseren Betrieb immer wieder umbauen. Aktuell planen wir, unseren Schweinen Zugang zu Außenklima zu bieten. Das Gebäude wird geöffnet, die Ställe mit Stroh eingestreut und mehr Platz geschaffen. Der Investitionsbedarf beträgt mehr als eine Million Euro und das Genehmigungsverfahren ist zeitaufwendig. Ob wir überhaupt bauen dürfen, ist nicht sicher, da sich der Betrieb in einem Vogelschutzgebiet und Biosphärenreservat befindet. Noch schlimmer als die aktuellen Preise für Schweinefleisch ist die Perspektivlosigkeit in der Tierhaltung.

Was wünschen Sie sich vom neuen Landwirtschaftsminister Cem Özdemir? Der Minister hat eine Chance verdient. Wichtig sind gute Lösungen für den von der Regierung geplanten Umbau der Ställe. Er wird mehrere Milliarden Euro kosten, die von den landwirtschaftlichen Betrieben allein nicht aufgebracht werden können. Ich würde mir wünschen, dass er die Macht der großen Handelsketten brechen könnte.

Wenn er auf Ihren Hof kommen würde, was würden Sie ihm zeigen? Wenn er hierher käme, würde ich ihn auf die Sorgen und Nöte der Landwirte aufmerksam machen. Wir befinden uns in einem Umbruch – viele Betriebe mit Schweinehaltung werden schließen. In meinem Betrieb läuft alles vorschriftsmäßig, wie kann es dann sein, dass es trotzdem schwierig ist, davon zu leben? Der Markt funktioniert einfach nicht mehr.

Haben Sie noch Spaß an Ihrem Beruf? Hier geht es nicht um Spaß. Ich habe meinen Beruf immer gerne ausgeübt. Landwirtschaft ist einem harten Wettbewerb ausgesetzt. Sie funktioniert generationenübergreifend, sie bedeutet, sieben Tage die Woche und an 365 Tagen im Jahr für den Betrieb da zu sein. Die Wertschätzung für diesen Einsatz ist leider verloren gegangen.

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