Osnabrück
Das Musikjahr 2022: „Ring” in Bayreuth, Vielfalt im Norden
Was bringt das Jahr musikalisch? Ein Höhepunkt ist sicher der „Ring des Nibelungen” in Bayreuth, der nach zwei Jahren Corona-Pause endlich starten darf. Aber auch der Norden hat jede Menge Musik zu bieten.
In Bayreuth soll es dieses Jahr endlich werden: Mit zwei Jahren Verspätung kommt „Der Ring des Nibelungen“ von der Rampe. Die Erwartungen dürften hoch sein, vor allem, nachdem der letzte „Ring“ von Frank Castorf ja nicht gerade auf ungeteilte Zustimmung gestoßen war. Für die Neuproduktion hat Festspielchefin Katharina Wagner den jungen Österreichischen Regisseur Valentin Schwarz verpflichtet; am Pult steht Pietari Inkinen, und der ist zwar immerhin schon jenseits der vierzig, dürfte einem breiteren Publikum erst bekannt geworden sein, als er im letzten Jahr mit am Pult des Bayreuther Festspielhauses die musikalische Untermalung zur Farbeimer-Pflatsch-Walküre von Schüttbild-Guru Hermann Nitsch geben durfte. Inkinens Debüt ließ Luft nach oben, dafür konnte er sich unter Echt-Bedingungen mit den akustischen Verhältnissen im Haus vertraut machen. Und was wird Schwarz aus dem Opernmonstrum machen? Seien wir gespannt. Immerhin sind seine Regiearbeiten fürs Musiktheater immer ganz gut weggekommen bei Kritik und Publikum.
Nun gehört ja ein gewisses Know-How oder Glück oder beides dazu, für die Bayreuther Festspiele Karten zu ergattern. Andererseits: Richard Wagner ist nun auch nicht jedermanns Sache und die Reise nach Oberfranken mit einem gewissen Aufwand verbunden. Wer stattdessen das Vergnügen vor der Haustür sucht, hat im Norden jede Menge Gelegenheiten: Dank renommierter, hochklassiger Festivals und experimentierfreudiger Theater.
Niedersachsen hat seine Festivallandschaft ja ziemlich ausgedünnt, nachdem die Sparkassenstiftung die Niedersächsischen Musiktage und das Literaturfest als entbehrlich erklärt haben. Etwas zu bieten hat das Land aber nach wie vor. So versprechen die Kunstfestspiele Herrenhausen unter der Leitung von Ingo Metzmacher immer herausragende Musikerlebnisse, und allein die beiden jetzt schon bekannten Programmpunkte lohnen die Reise nach Hannover: Zum einen wird die kapverdianische Choreografin Marlene Monteiro Freitas aus Arnold Schönbergs „Pierrot lunaire“ ein visuelles Abenteuer machen, ein Konzert unter der Leitung von Ingo Metzmacher zur Performance erweitern. (20./21. Mai in der DHC-Halle). Und schon am 15. Mai gibt es, ebenfalls geleitet von Metzmacher, die Uraufführung eines Werks von Marc Andre, dessen Titel „rwh“ sich aus dem aramäischen Wort für Atem, Wind, Geist und Seele ableitet, und mit einem 200-köpfigen Chor, dem Ensemble Modern und der Klangregie des SWR Experimentalstudios das ganz große Besteck aufbietet. (www.kunstfestspiele.de)
Neue Töne gibt es auch in Osnabrück: In einer Kooperation des Morgenland Festivals und des Theaters wird am 4. Juni „Songs for Days to Come“ des syrisch-amerikanischen Klarinettisten und Komponisten Kinan Azmeh uraufgeführt. „Interdisziplinäres Musiktheater“ steht als Genrebezeichung über dem Stück, und das ist das Metier von Intendant Ulrich Mokrusch: Er wird das Stück inszenieren. Und in einer weiteren Kooperation gibt es am 18. Juni ein Open-Air-Konzert mit dem Osnabrücker Symphonieorchester unter dem Titel „Orchestra Meets Morgenland“, und weil die Bühne am Domvorplatz nun mal steht, gibt es bereits am 17. Juni „Klassik unter den Sternen“, ebenfalls mit dem Osnabrücker Symphonieorchester. (www.theater-osnabrueck.de und www.morgenland-festival.com)
Das Schleswig-Holstein Musikfestival zum Beispiel wartet auch in diesem Jahr mit Festen auf schicken Landgütern auf: Klassik und mehr in pittoreskem Ambiente. Hasselburg, Stocksee, Emkendorf, Pronstorf und Wotersdorf heißen die Gustanlagen, die vom 2. Juli bis 6. August, immer samstags und sonntags, ihre Tore für kleine Musikfestivals öffnen. Ungezwungen Atmosphäre, hier ein kleiner Imbiss, dort ein Gläschen Sekt, und ein musikalisches Spektrum von Folk bis Klassik: So lässt es sich wohl sein. Auf der anderen Seite bietet das „SHMF“ aber natürlich auch Konzerte der Premium-Liga. Dazu zählt zum Beispiel ein Konzert mit dem Pianisten Daniil Trifonov und der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen unter der Leitung von Ruth Reinhardt in der Holstenhalle in Neumünster (13. Juli). Im Zentrum des Konzerts steht das erste Klavierkonzert von Johannes Brahms, und verspricht mit dem ebenso intervertierten wie explosiven Pianisten und einem Orchester, das nach wie vor beim Spielen auf der Stuhlkante sitzt, ein erstklassiges Musikerlebnis. Und dann hat das Festival ja auch noch ein paar andere Höhepunkte zu bieten: So gastiert am 6. August Tom Jones in der Kieler Wunderino-Arena. Klassisch wird es wiederum mit dem Pianisten Martin Stadtfeld, mit der Geigerin Janine Jansen, und zum Abschluss am 27. August schlägt das NDR Elbphilharmonie Orchester unter Alan Gilbert mit George Gershwins „Porgy and Bess“ ebenfalls in Kiel die Brücke von der klassischen Oper zum Jazz. (Weitere Infos: www.shmf.de)
In Mecklenburg-Vorpommern pflegt ebenfalls sein Klassikfestival, und das gefühlt das ganze Jahr. Den Auftakt machen die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern am 18. März mit dem Festspielfrühling, dem ab 18. Juni der Festspielsommer folgt und ab 30. November der Festspielwinter. Die Programme reihen so viele musikalische Perlen aneinander, dass man den spontanen Besuch jederzeit empfehlen kann. Ein paar besondere Highlights finden sich aber auch, für die es lohnt, längerfristig zu planen: Etwa Konzerte mit dem Pianisten Rudolf Buchbinder. Am 20. Juli spielt er zusammen mit dem jungen Geiger Emmanuel Tjeknavorian in Parchim und am 21. Juli in Neubrandenburg. Einen Tag später gibt Buchbinder ebenfalls in Neubrandenburg einen Soloabend mit Werken von Bach, Beethoven und Schubert. Aber natürlich beschränkt sich ein ernst zu nehmendes Festival längst nicht mehr nur auf die reine klassische Musik. So loten die Festspiele ein Wochenende lang die Grenze zur Partymusik aus: „dedect“ heißt es vom 29. bis 31. Juli auf Schloss Bröllin bei Fahrenwalde: Da kommen ein Sinfonieorchester und Elektro zusammen, gehört Ambient und Avantgarde zum Programm, verwischen die Grenzen zwischen Konzerthaus und Club: Drei Tage Camping-Urlaub vom musikalischen Alltag. Aber das Festival wagt sich noch tiefer in die Natur: Am 9./10. Juli führt der Programmschwerpunkt „Im Walde“ in eben diesen, und zwar in Ulrichshusen: Mit Klanginstallation, Spaziergang mit Musik und zum Abschluss am Sonntagmorgen um 4 Uhr ein Spaziergang mit Ornithologen zum Sonnenaufgang an der Wüsten Kirche. Als Programmhöhepunkt gibt es am Samstagabend in der Konzertscheune ein Konzert mit dem Ensemble Resonanz und der Geigerin Patricia Kopatchinskaja, und die ist ja für sich schon eine Naturgewalt. (www.festspiele-mv.de)
Dieses Wald-Festival korrespondiert wunderbar mit einer Uraufführung im Mecklenburgischen Staatstheater: „Wölfe“ heißt das Gemeinschaftswerk der estnischen Komponistin Helena Tulve und der Theaterfrau Nina Gühlstorff, und im Untertitel steht: „Dokumentarische Naturoper aus Mecklenburg“. Wie der Titel sagt, geht es um den Wolf und die Debatten, die seine Rückkehr in die deutschen Wälder auslöst. Premiere ist am 24. Juni. (www.mecklenburgisches-staatstheater.de) Man sieht: Der Norden lebt