Analyse

Wer steckt hinter den Corona-Demos in Emden?

Claus Hock
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Von Claus Hock
| 20.01.2022 19:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Nicht nur auf den Demonstrationen der „Maßnahmenkritiker“ in Emden waren Verschwörungsideologien zu finden. Auch bei den Organisatoren spielen „alternative Fakten“ offenbar eine Rolle. Archivfoto: Hock
Nicht nur auf den Demonstrationen der „Maßnahmenkritiker“ in Emden waren Verschwörungsideologien zu finden. Auch bei den Organisatoren spielen „alternative Fakten“ offenbar eine Rolle. Archivfoto: Hock
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Wer organisiert eigentlich die „maßnahmenkritischen“ Demonstrationen in Emden? Die Spuren führen ins Hochschulumfeld – und zu „Querdenken“.

Emden - Wenn Parteien oder Bündnisse zu einer Demonstration aufrufen, ist normalerweise einfach ersichtlich, wer dahintersteckt und welche Intentionen verfolgt werden. Entsprechend setzen sich die Teilnehmer zusammen. Auf einer Demo der Linksjugend erwartet niemand, dass „Ausländer raus!“ gebrüllt wird, auf der Demo einer rechten Kameradschaft erwartet niemand, dass „Refugees welcome!“ skandiert wird. Doch es gibt Demonstrationen, bei denen nicht so einfach ersichtlich ist, wer dahintersteckt und welche Intentionen tatsächlich verfolgt werden.

Was und warum

Darum geht es: Vor allem drei Personen treten als Organisatoren der Emder Demo und als Redner immer wieder in Erscheinung. Sie eint, dass sie an der Hochschule Emden/Leer sind – und verschwörungsideologische Inhalte teilen.

Vor allem interessant für: Kritiker der Corona-Maßnahmen, die mit Verschwörungsideologien nichts am Hut haben; Demoteilnehmer; Demokritiker.

Deshalb berichten wir: Uns war aufgefallen, dass digitale Infrastruktur der Hochschule Emden/Leer im Rahmen der Corona-Demos in Emden genutzt wird. Die Recherche zeigt, wie die Verbindungen zwischen den Organisatoren sind.

Den Autor erreichen Sie unter: c.hock@zgo.de

Seit einigen Wochen kommt es in Emden regelmäßig zu eben diesen Demonstrationen. Es geht um Frieden, den Schutz von Kindern und jüngst vor allem um eine freie Impfentscheidung. Wie eine Recherche unserer Zeitung zeigt, sind die Organisatoren im Umfeld der Hochschule Emden/Leer zu suchen – und schon länger im „Querdenken“-Milieu unterwegs.

Zuerst war die AIDS-Leugnung

Regelmäßiger Teilnehmer und Redner ist zum Beispiel ein Mitarbeiter der Hochschule Emden/Leer. Er ist Dozent, Diplom-Sozialarbeiter und Pädagoge. Auf den Demonstrationen in Emden tritt er sowohl als Redner als auch als Filmer auf. Auf „Querdenken“-Demonstrationen ist er mindestens seit August 2020 unterwegs, mehrere von ihm angefertigte Filme belegen das. Doch der Hochschulmitarbeiter hat schon viel länger ein eher gespaltenes Verhältnis zu Viren: So organisierte er vor ungefähr zehn Jahren in verschiedenen Zusammenhängen Auftritte und Interviews von AIDS- bzw. HIV-Leugnern. Die Behauptungen damals: Das HI-Virus sei nie nachgewiesen worden, ein gesundes Immunsystem könne von selbst mit dem Virus fertig werden und so weiter. Unter dem Deckmantel der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema, wurden so vom wissenschaftlichen Konsens nicht gedeckte Randtheorien verbreitet.

An der Tür des Büros des Hochschulmitarbeiters hängen auch jetzt noch Artikel rund um den AIDS-leugnenden Film „I won’t go quietly“. Das ist insofern interessant, dass die damals getätigten Behauptungen rund um Aids den Erzählungen vieler „Maßnahmenkritikern“ in Bezug auf das Coronavirus ähneln. An der Tür des Mitarbeiters wird dieser Kreis auch auf andere Art geschlossen, denn er macht auch „Werbung“ zu einem das Coronavirus „hinterfragenden“ Machwerk mit dem Titel „Corona.Film“. In diesem wird der Hochschulmitarbeiter sogar als Sponsor gelistet. Umgesetzt wurde der Film vom Berliner Studio Ovalmedia, welches früher auch Beiträge unter anderem für die Öffentlich-Rechtlichen erstellte. Seit Beginn der Corona-Krise driftete das Unternehmen aber zusehends ins verschwörungsideologische Spektrum ab und produzierte seitdem mehrere, die Krise relativierende und falsche oder zumindest irreführende Behauptungen verbreitende Filme.

Privat und beruflich getrennt?

Auf Nachfrage wollte sich der Hochschulmitarbeiter nicht dazu äußern, in welcher Verbindung er zu den genannten Filmen steht. Er könne Fragen zu seinen eigenen Einstellungen und zu seiner Biografie „so nicht einfach beantworten, ohne Gefahr zu laufen, dass Antworten verkürzt dargestellt werden könnten“. Ferner betont er, dass seine „Unterstützung der Organisatorinnen der Demonstrationen rein privater Natur“ sei und in keinem Zusammenhang mit seiner Arbeit stehe. Das zumindest ist aus verschiedenen Gründen zu hinterfragen. Da sind zunächst die besagten Aushänge an der Bürotür. Ist das schon eine Vermischung von privat und beruflich? Die Hochschule sieht die Aushänge auf Anfrage unserer Redaktion zumindest kritisch. „Unsere Mitarbeiter sind grundsätzlich der Neutralität verpflichtet“, sagt Wilfried Grunau, Leiter des Präsidialbüros und Pressesprecher der Hochschule Emden/Leer, auf Nachfrage. Eine Kenntnis der Aushänge hatte die Hochschule vor unserer Anfrage laut Grunau nicht. Man prüfe jetzt, ob die Aushänge gegen das Neutralitätsgebot verstoßen. „Wir nehmen so etwas sehr ernst“, betont Grunau. Was Studierende und Mitarbeiter in ihrer Freizeit machen, das sei zwar deren Sache. „Wir haben die Breite der Gesellschaft bei uns an der Hohschule“, so der Sprecher. Das sei allein statistisch gesehen so und auch kein Problem, wenn Standards eingehalten werden. „Das Berufliche muss vom Privaten eindeutig getrennt sein“, so Grunau.

Und eben diese Trennung ist fraglich. Auch in Hochschulkursen verbreitet der Mitarbeiter mehr oder weniger direkt Ansichten, die dem verschwörungsideologischen Spektrum zuzuordnen sind oder zumindest einer wissenschaftlichen Prüfung nur schwerlich standhalten dürften. So gab er Studierenden als Textverarbeitungsübung einen „Querdenker“-Text. Dies tue er mittlerweile nicht mehr, wie die Hochschule erklärt, die davon also wohl schon länger Kenntnis hatte. Allerdings ist der Text, in dem davon die Rede ist, dass Social Distancing auf genetischer Ebene zu schwerwiegenden Veränderungen führt, weiterhin im Hochschul-internen Informationssystem für Studierende zugänglich. Der Text selbst, der auf der Internetseite von Wolfgang Wodarg, einer der Hauptbezugspersonen der „Querdenker“, zu finden ist, ist unbekannten Ursprungs, wird aber einem emeritierten Professor für Immunologie aus den Niederlanden zugeschrieben. Hinreichende Belege für die dort aufgestellten Behauptungen gibt es nicht. Einen derart gefärbten und zudem noch unwissenschaftlichen Text als Übung zu verwenden, ist zumindest fragwürdig. Warum dieser Text zum Einsatz kam, beantwortet der Mitarbeiter nicht. Fest steht außerdem, dass es im Rahmen einer seiner Kurse auch eine Umfrage für Studierende gab, in der unter anderem abgefragt wurde, wie die Studierenden zu den Corona-Maßnahmen stehen und ob diese versuchen, die Checkpoints, an denen die notwendigen Impf- und Testnachweise kontrolliert werden, zu umgehen. Diese Fragen waren an einen allgemeinen, fachlichen Teil angehängt. Warum er diese Umfrage durchgeführt hat und was aus den Ergebnissen geworden ist, darauf antwortet der Hochschulmitarbeiter auf Nachfrage nicht.

Studierende im Schlepptau

Bei den angemeldeten Demonstrationen in Emden ist der Mitarbeiter, als Privatperson, gleich auf mehreren Ebenen aktiv. Die E-Mail-Adresse, die im Zusammenhang mit der Demo immer angegeben wird, wurde von ihm registriert. Zudem riefen die Organisatoren über den Demo-eigenen Telegram-Kanal dazu auf, Fotos und Videos über einen bestimmten Link hochzuladen. Dieser Link, und hier gibt es wieder eine Vermischung von privat und beruflich, gehört zur sogenannten Academic-Cloud, einem Dienst für Mitarbeiter und Studierende an Hochschulen. Laut Auskunft der Hochschule sei diese Art der Nutzung verboten. Wenn Hochschulinfrastruktur auf diese Art genutzt wird – sei es durch Mitarbeiter oder Studierende –, sei diese Trennung nicht mehr vorhanden. „Das geht natürlich nicht“, so Hochschulsprecher Grunau. Auch hier behalte sich die Hochschule eine genaue Prüfung vor. Es ist nicht ohne Weiteres nachzuweisen, ob es sich bei dem Academic-Cloud-Link um den Account des Hochschulmitarbeiters handelt – oder ob dieser von jemand anderem aus dem „Organisationsteam“ zur Verfügung gestellt wird. Der Mitarbeiter möchte auf Nachfrage keine Stellung dazu nehmen, wie viele Personen die Demonstrationen in Emden organisieren und wie viele der Hochschule angehören. Er selbst spricht davon, dass er die „Organisatorinnen der Demo“ unterstütze. Ferner schreibt er, dass er die „Persönlichkeitsrechte der an der Organisation beteiligten Personen wahren möchte“. Da der Hochschulmitarbeiter in den Antworten auf unsere Anfragen recht konsequent gendert, in Bezug auf die Organisation aber vor allem von „Organisatorinnen“ spricht, liegt die Schlussfolgerung nahe, dass die Organisation zumindest im harten Kern von Frauen ausgeht.

Das deckt sich zumindest mit den Anmeldungen: Zwei Studentinnen traten auf den vergangenen Demos sowohl als Anmelderinnen als auch als Rednerinnen auf. Die Studentinnen sind, wie der Mitarbeiter, dem Bereich „Sozial- und Gesundheitsmanagement“ beziehungsweise „Soziale Arbeit“ zuzuordnen. Auch sie könnten natürlich ihren Academic-Cloud-Link zur Verfügung gestellt haben, was an der Einschätzung der Hochschule allerdings nichts ändert. Die beiden Studentinnen nehmen ebenfalls an anderen Demonstrationen und Spaziergängen teil, teilweise schon im vergangenen Jahr unter dem Label „Querdenken 494“ in Aurich. Auch hier ist also, wie beim Hochschulmitarbeiter, davon auszugehen, dass die Hintergründe weit über eine Kritik an der Impfpflicht hinausgehen und man sich auch mit den früheren Inhalten der „Querdenken“-Bewegung gemein macht.

Kritik an Mitarbeiter

Fragen dazu, wie man dazu stehe, dass auf den Demonstrationen auch verschwörungsideologische Plakate gezeigt wurden, welchen Weg aus der Corona-Krise man statt Impfung sehe, ab welchem Zeitpunkt Demos wie die in Emden nicht mehr nötig seien, beantwortete der Mitarbeiter nicht.

An der Hochschule gibt es derweil durchaus Kritik sowohl an dem privaten Engagement des Mitarbeiters als auch an der benannten Verquickung mit dem beruflichen. Studierende, die aus Angst vor negativen Konsequenzen nicht namentlich genannt werden wollen, berichten von Versuchen des Trios, Kritiker lächerlich zu machen. Der Mitarbeiter stellte einen Mailverkehr zwischen der AG gegen Rechts der Hochschule ins hochschulinterne Lehr- und Lernsystem „Moodle“, so dass ein breiterer Personenkreis aus Studierenden online Zugriff auf diesen bekam. Aus dem Mailverkehr ist ersichtlich, dass der Mitarbeiter sich in seiner Argumentation vor allem auf sogenannte „alternative Medien“ bezieht, darunter auch solche, die nachweislich zutiefst verschwörungsideologisch sind.

Neben einer gewissen „Netzwerkbildung“ im Hochschulbereich kann also davon ausgegangen werden, dass die Organisatoren der Demo sich, auch wenn sie diesen Anschein nach Außen versuchen zu vermeiden, durchaus in den Bereichen bewegen, die an der „Querdenker“-Bewegung immer wieder kritisiert wurden und werden. Aktuell wendet sich eine der Organisatorinnen an die Emder Parteien und bittet um Gespräche, um über die Hintergründe der Demo zu informieren. Vornehmlich gehe es ihnen um das Wohl der Kinder, die unter der Pandemie besonders zu leiden haben.

Die nächste Demonstration ist an diesem Sonnabend ab 13 Uhr. Aktuell sind die Organisatoren bemüht, Geld für eine Klage gegen die auferlegte FFP-2-Maskenpflicht zu sammeln. Gegen diese, das erklärt der Hochschulmitarbeiter auf Nachfrage, wolle man vorgehen, weil die Maskenpflicht Teilnehmern mitunter die Teilnahme an der Demo erschwere.

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