Landwirtschaft
Landwirte hoffen bei Agrarwende auf Miteinander
Wie passen Landwirtschaft, Tierwohl und Naturschutz zusammen? Diese Frage beschäftigt Bauern und Politik schon lange. Auch in Ostfriesland liegen die Hoffnungen jetzt auf Agrarminister Cem Özdemir.
Ostfriesland/Berlin - Jahrelang war das Verhältnis von Landwirten und Politik zuletzt geprägt von Auseinandersetzungen um Tier- und Naturschutz. Nun hoffen beide Seiten auf Veränderungen: Der neue Bundesagrarminister Cem Özdemir (Grüne) und seine Parteikollegin, Umweltministerin Steffi Lemke, verkündeten am Dienstag in Berlin einen Schulterschluss ihrer beiden Ressorts, um die Agrarwende in Deutschland voranzubringen. Dieses Vorhaben unterstützen auch die Bauern – die allerdings betonen, dass der Wandel für sie nicht den finanziellen Ruin bedeuten dürfe.
„Die Landwirte sind bereit, sich zu verändern – auch in Ostfriesland“, sagte Heinz-Hermann Hertz-Kleptow, Geschäftsführer des Kreisverbands Aurich beim Landwirtschaftlichen Hauptverein (LHV) für Ostfriesland, unserer Redaktion. Wichtig sei jedoch ein gutes Miteinander mit der Politik – und auf dieses hoffe der LHV nun mit Minister Özdemir.
Bündnis will am Sonnabend in Berlin protestieren
Am Sonnabend will das Bündnis „Wir haben es satt!“, dem mehr als 60 Organisationen angehören, dem Grünen-Politiker in Berlin mit einer Protestaktion die Situation verdeutlichen. Bei einer Pressekonferenz am Dienstag waren sich die Beteiligten einig: Ein Umbau der Landwirtschaft zu mehr Tierwohl und Naturschutz sei notwendig – er müsse für die Bauern aber auch umsetzbar sein. Wenn Landwirte etwa ihre Ställe umbauen sollten, um Haltungsstandards zu verbessern, müsse hierfür auch Geld bereitstehen, so die Kritik.
Der Bau eines Stalls verschlinge heute durchaus eine bis zwei Millionen Euro, sagte Hertz-Kleptow. Solche Kosten könne ein Landwirt nur stemmen, wenn er die Bedingungen kenne, zu denen er langfristig produzieren könne. Ein Mehr an Tierwohl müsse für den Bauern auch finanzierbar sein: „Wenn wir die Haltung umbauen wollen, dann geht das nur mit einer wirtschaftlichen Betrachtungsweise“, so Hertz-Kleptow.
AbL-Landeschef kritisiert vor allem die Handelskonzerne
Ottmar Ilchmann sieht hier neben der Politik vor allem den Handel in der Pflicht. Der Ostfriese ist als Landesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) Niedersachsen einer der Mitinitiatoren des Protests in Berlin. Vorstöße wie die des Discounters Aldi, künftig bei Eigenmarken keine Milch aus der umstrittenen ganzjährigen Anbindehaltung mehr zu verkaufen, sieht er durchaus auch kritisch: „Es ist ein bisschen zu einfach, alle Tierwohlprobleme auf die Anbindehaltung zu schieben“, die es vor allem in Süddeutschland, vereinzelt aber auch noch in Ostfriesland gebe, wie Ilchmann sagte.
Denn wenn der Standard bei der Haltung und damit auch die Kosten steigen, müssten dies auch die Umsätze für die Landwirte, so Ilchmann. Der Milchbauer aus der Gemeinde Rhauderfehn berichtete, er selbst könne Milch zwar für einen Cent mehr pro Liter verkaufen, wenn sie den Kriterien einer Weidemilch entspreche. Zugleich seien jedoch die Preise für das hierfür benötigte Kraftfutter ohne Gentechnik gestiegen, sodass er am Ende mit der Weidemilch weniger Gewinn mache.
Muss der Kunde im Supermarkt am Ende mehr zahlen?
Die großen Lebensmittelhändler könnten in Deutschland einerseits Vorgaben für die Tierhaltung etablieren, andererseits würden sie bestimmen, für wie viel Geld der Liter Milch oder das Pfund Fleisch über die Ladentheke gehen, kritisierten die Initiatoren von „Wir haben es satt!“ am Dienstag. „Da zeigt sich die große Marktmacht des Handels“, sagte Ilchmann.
Der Ostfriese forderte, dass nun die Handelskonzerne kürzer treten müssten, was die Gewinnmargen angeht. Denn der Handel sei „der große Gewinner der Pandemie“ gewesen, sagte Ilchmann. „Da ist noch Luft in der Wertschöpfungskette.“ Heißt: Geht es nach ihm, sollen Aldi, Edeka und Co künftig auf Geld verzichten, während für die Bauern mehr übrig bleibt.
So könne auch verhindert werden, dass am Ende Rentner oder Hartz-IV-Empfänger im Supermarkt tiefer in die Tasche greifen müssen. Denn die Landwirte – das machte der AbL-Landeschef am Dienstag klar – wollen sich nicht gegen Menschen mit geringem Einkommen ausspielen lassen. „Agrarpolitik und Sozialpolitik müssen keine Gegensätze sein“, sagte Ilchmann.