Protest

Nur 80 dagegen: Muss Aurich mehr Gesicht zeigen?

Marion Luppen
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Von Marion Luppen
| 18.01.2022 16:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Rund 80 Menschen wandten sich in Aurich gegen die „Spaziergänger“. Fotos: Ortgies
Rund 80 Menschen wandten sich in Aurich gegen die „Spaziergänger“. Fotos: Ortgies
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Zum ersten Mal haben die „Spaziergänger“ gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen in Aurich Gegenwind verspürt. 80 Demonstranten hielten dagegen. Zu wenig, heißt es nun. Aurich müsse „klare Kante zeigen“.

Aurich - Zum ersten Mal hat es am Montagabend in Aurich eine Gegenkundgebung zu den sogenannten Spaziergängen gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen gegeben. Nach Polizeiangaben demonstrierten vor dem Rathaus rund 80 Menschen gegen Hass und Demokratiefeindlichkeit. Die Auricher Linksjugend hatte dazu aufgerufen. Doch ist diese Art von Protest nicht eine Nummer zu klein?

Zum Vergleich: In Emden gingen am vergangenen Sonnabend mehr als 400 Menschen auf die Straße, um den Gegnern der Corona-Maßnahmen Paroli zu bieten. In Aurich hingegen waren die Gegendemonstranten klar in der Minderheit. Bis zu 130 „Spaziergänger“ waren nach Polizeiangaben in der Innenstadt unterwegs, und sie hielten deutlich länger durch als die Gegendemonstranten, deren Kundgebung bereits nach gut 30 Minuten beendet war.

„Dann würde man die ja ernst nehmen“

Bürgermeister Horst Feddermann (parteilos) findet das nicht schlimm. Er sehe keinen Anlass, eine größere politische Initiative gegen die „Spaziergänger“ zu starten. Er befürchtet, dass man sie dadurch aufwerten würde. „Dann würde man die ja ernst nehmen.“ Es handele sich „Gott sei Dank“ um eine Minderheit. Die Stadt habe reagiert, indem sie die „Spaziergänge“ als Versammlung einstufte, bei der das Tragen einer FFP2-Maske verpflichtend ist. Mehr Handlungsbedarf sehe er derzeit nicht, so Feddermann. „Noch nicht. Es mag Zeiten geben, in denen ich das anders sehe. Im Moment sage ich: Lass es laufen. Es passiert ja nichts, es bleibt alles friedlich. Das ist etwas, was wir aushalten müssen, auch wenn es etwas schräge Gedanken sind.“

Im Unterschied zu den „Spaziergängern“ hatten die Gegendemonstranten Plakate mitgebracht.
Im Unterschied zu den „Spaziergängern“ hatten die Gegendemonstranten Plakate mitgebracht.

Auch Arnold Gossel, CDU-Fraktionschef im Auricher Rat, verspürt nicht das Bedürfnis nach einer Großkundgebung gegen die „Spaziergänge“. „Auf diese Art und Weise wertet man sie auf.“ Die Demonstrationen der „Spaziergänger“ seien „so was von unsinnig“, dass man sich nur fragen könne: „Was soll dieser Blödsinn?“ Daher habe er sich nicht dazu durchringen können, an der Gegenkundgebung teilzunehmen. Das Gleiche gilt für Richard Rokicki von der Auricher Wählergemeinschaft. Er findet: „Da gibt‘s andere Sachen, denen man mehr Aufmerksamkeit schenken sollte.“

„Wir müssen wirklich sehr wachsam sein“

Linken-Fraktionschef Reinhard Warmulla hingegen würde den Protest in Aurich gerne breiter aufstellen, auch parteiübergreifend: „Ich wünsche mir, dass möglichst viele Auricher Gesicht zeigen.“ Selbstverständlich dürfe man nicht alle Teilnehmer der „Spaziergänge“ in die rechte Ecke stellen, betont der Ratsherr. Auch er findet, dass die Politik in der Corona-Krise viele Fehler gemacht hat, aber: „Wir müssen wirklich sehr wachsam sein, was die rechten Tendenzen angeht.“ Impfgegnern müsse man mit Argumenten begegnen.

Die Demonstranten am Rathaus zeigten klare Kante gegen Nazis.
Die Demonstranten am Rathaus zeigten klare Kante gegen Nazis.

Noch deutlicher wird Grünen-Fraktionschefin Gila Altmann: „Mittlerweile bin ich der Ansicht, dass die weitere Zurückhaltung ein Fehler ist und die öffentliche Wahrnehmung total verzerrt.“ Die Hoffnung, dass die Bewegung nur zeitlich begrenzt ist und sich von selbst erledigen wird, habe sich nicht erfüllt. Prominente Impfgegner wie der Tennisspieler Novak Djokovic zeigten, „dass das Thema in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist“. Das führe auch in Aurich zu einer entsprechenden Meinungsbildung. „Es wird aus meiner Sicht höchst notwendig sein, klare Kante zu zeigen“, meint Altmann. „Allerdings braucht es ein breites gesellschaftliches Bündnis und darf nicht in parteipolitischem Klein-Klein untergehen.“

Der Neu-Ratsherr Udo Haßbargen (SPD) kennt sich mit dem Organisieren von Demonstrationen aus. Mit der Bewegung „Land schafft Verbindung“ hat der Landwirt schon so manche Großkundgebung auf die Beine gestellt. Daher habe er kein Verständnis für die „Spaziergänger“, die ihre Kundgebung nicht anmelden und einfach loslaufen. Es sei wichtig, mit der Polizei zusammenzuarbeiten. Wenn es in Aurich einen parteiübergreifenden Aufruf zu einer Gegenkundgebung geben sollte, „bin ich dabei“, sagt Haßbargen. Selbst in die Hand nehmen werde er das jedoch nicht. „Da gibt‘s genug andere, die das können.“

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