Kundgebung
Impfskeptiker kommt auf Demo nicht zu Wort
In Aurich hat es erstmals eine Gegenkundgebung zu den „Spaziergängen“ der Kritiker staatlicher Corona-Maßnahmen gegeben. Dabei wollte auch ein Impfskeptiker das Wort ergreifen. Er durfte nicht.
Aurich - Rund 80 Menschen haben am Montagabend vor dem Auricher Rathaus an einer Kundgebung gegen Hass und Demokratiefeindlichkeit teilgenommen. Die Linksjugend hatte dazu aufgerufen. Damit wollten die Organisatoren ein Zeichen gegen die sogenannten Spaziergänge setzen, mit denen Montag für Montag in Aurich gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen protestiert wird. Ein Impfskeptiker, der sich unter die Demonstranten gemischt hatte, versuchte vergeblich, das Wort zu ergreifen.
Der eigentliche „Spaziergang“ fiel diesmal kleiner aus als in den beiden Wochen zuvor. Nach Polizeiangaben waren es bis zu 130 Menschen, die sich zunächst in Kleingruppen zusammenfanden und dann gemeinsam durch die Fußgängerzone gingen – wie immer unangemeldet, wie immer ohne konkrete Forderungen zu stellen. Am Rathaus hingegen wurden Transparente gezeigt und Fahnen geschwenkt, unter anderem der Linken und der Grünen. Beide Kundgebungen verliefen nach Angaben der Polizei friedlich und ohne Zwischenfälle.
„Impfen rettet Leben“
„Wir wollen doch alle ein Ende der Pandemie“, sagte Jasper Adden von der Linksjugend unter dem Applaus der Umstehenden. „Impfen rettet Leben.“ Jörg Köhler vom Verein „Aurich zeigt Gesicht“ rief Impfgegner dazu auf, sich von Nazis und Reichsbürgern zu distanzieren. „Man mag durchaus Kritikpunkte an unserer Demokratie haben, aber unser Grundgesetz ist eines der besten auf diesem Erdball.“
Christian Stürmer von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International warnte davor, unreflektiert mit dem Begriff Freiheit umzugehen. Die Freiheit des Einzelnen stoße an Grenzen, wenn es um die Rechte anderer auf Gesundheit, Leben und körperliche Unversehrtheit gehe. „Hier setzt die regulierende Aufgabe des Staates ein. Er muss das Gemeinwohl, die Gesundheit aller schützen und zu diesem Zweck Regelungen erlassen.“ Es sei eine Verharmlosung der NS-Verbrechen, wenn sich selbst ernannte Querdenker mit verfolgten Juden im Nazi-Regime verglichen.
„Für eine freie Impfentscheidung“
„Was soll dieser Spaziergang-Schabernack?“, frage Jörg Erlautzki, Kreisvorsitzender der Linken. Das Katz-und-Maus-Spiel, das sich die „Spaziergänger“ Montag für Montag mit der Polizei lieferten, sei „eines Demokraten nicht würdig“. Die Gesellschaft sei nicht gespalten, denn die große Mehrheit der Menschen in Deutschland sei geimpft und solidarisch. „Die Mehrheit sind wir. Sagen wir Nein zu Hass und Fake News.“
Unter die Gegendemonstranten hatten sich auch zwei Teilnehmer des „Spaziergangs“ gemischt, um gegen die geplante allgemeine Impfpflicht zu demonstrieren. Einer hielt ein Plakat mit der Aufschrift „Für eine freie Impfentscheidung“ hoch. Der andere bat die Organisatoren der Kundgebung darum, das Wort ergreifen zu dürfen. Das wurde ihm verweigert. Dirk Cramer ist 61 Jahre alt und will sich nicht gegen Covid-19 impfen lassen, wie er im Gespräch mit der Redaktion sagte. Jeder habe das Recht, darüber frei zu entscheiden. Er lehne eine Impfpflicht ab. Das mache ihn aber noch lange nicht zu einem Nazi oder Antisemiten. Er verbreite auch keinen Hass. „Das ist doch Wahnsinn.“
Warum er sich nicht impfen lassen wolle? „Darüber möchte ich nicht sprechen“, sagte Cramer. „Wenn jemand etwas nicht möchte, muss man das respektieren.“ Er habe keine Angst vor Corona. Die Menschen wollten sich nicht zwingen lassen, „diese Impfung verabreicht zu bekommen“, sagte der 61-Jährige. „Das ist alles.“ Er kenne die anderen Menschen, die bei den „Spaziergängen“ mitlaufen, nicht. „Ich bin dafür nicht verantwortlich. Ich kann mir ja nicht erst ein polizeiliches Führungszeugnis von den ganzen Leuten zeigen lassen.“