Soziales
Ärger durch Kita-Gesetz: Tagesmütter sehen viele Nachteile
Das neue Kita-Gesetz bringt viele Nachteile für Tagesmütter. Das könnte dazu führen, das noch weniger der Arbeit nachgehen wollen. Dabei sind immer mehr Eltern dringend darauf angewiesen.
Ostfriesland - Das neue Kita-Gesetz des Landes bringt nicht nur Probleme für Kindertagesstätten, sondern auch für Tagesmütter und -väter. Darauf weist unter anderem Kerstin Janssen aus der Gemeinde Krummhörn hin. Die Tagesmutter hatte sich auf den Artikel in dieser Zeitung hingemeldet, in dem es um die Herausforderungen in Kitas geht.
Was und warum
Darum geht es: Das Land Niedersachsen rühmt sich mit dem neuen Kita-Gesetz. In der Praxis bringt das aber viele Probleme - auch für Tagesmütter.
Vor allem interessant für: Tagesmütter und -väter, Eltern von Kleinkindern, an Kinderbetreuung Interessierte
Deshalb berichten wir: Wir hatten mit Kita-Leitungen über die Auswirkungen des neuen Kita-Gesetzes gesprochen. Daraufhin hat sich eine Tagesmutter bei uns gemeldet, die ebenfalls von großen Problemen durch die Neuregelung spricht. Die Autorin erreichen Sie unter: m.hanssen@zgo.de
„Es ist sehr wichtig, dass dargestellt wird, dass die vom Land Niedersachsen gewünschte Verbesserung der Betreuung in großen Teilen zu enormen Problemen in der Praxis führt. Diese Probleme beziehen sich nicht nur auf die Kitas, sondern auch auf die Kindertagespflegepersonen, welche ein gleichwertiges Betreuungsangebot im U3-Bereich vorhalten“, erklärt sie.
Das ist das Problem
Durch die Neuregelung im Kita-Gesetz würden zwar „erstmalig verbindliche Qualitätsstandards für die Kindertagespflege eingeführt und gesetzlich verankert“, so Janssen. Aber: Insgesamt handle es sich hierbei um eine „Qualitätsverbesserung“ zulasten der Tagesmütter. Der Mehraufwand sei deutlich gestiegen. Zum einen ist jetzt verpflichtend, dass im Jahr 24 Stunden für Fortbildungen genutzt werden - und das unentgeltlich sowie meist an Wochenenden oder in den Abendstunden. Die Tagesmütter und -väter würden außerdem nur für die Betreuungszeit bezahlt, nicht aber für die Stunden, die für Elterngespräche, Vor- und Nachbearbeitung oder Dokumentationsarbeit genutzt werden muss. Zu ihren knapp 50 Arbeitsstunden wöchentlich müsse sie also noch ein paar Stunden draufrechnen. Und: Für ihre Arbeit bekommen die Kräfte weiterhin praktisch einen Hungerlohn, der sich innerhalb Ostfrieslands schon stark unterscheidet, im Land noch mehr. Das Stundengehalt liegt pro Kind in Emden zwischen 1,50 und 1,85 Euro, in Aurich bei 3,30 Euro und in Leer zwischen 4,20 und 5 Euro (Stand Juli 2020).
Auch Heiko Krause, Geschäftsführer des Bundesverbands für Kindertagespflege, erklärt, dass es erst einmal zwar gut sei, dass die Qualifizierung der Kindertagespflege gestärkt worden sei. Mit den Vorgaben des Bundes könne man „durchaus zufrieden“ sein. Allerdings zögen die Länder daraus sehr unterschiedliche Schlüsse und hätten ganz unterschiedliche Regeln. Einen einheitlichen Stundenlohn oder zumindest einen Mindestgrenze gebe es bereits in einigen Bundesländern, nicht aber in Niedersachsen. Die drei größten Themen für Tagesmütter und -väter seien, so werde es in Gesprächen deutlich, eine vernünftige Vergütung, eine geregelte Vertretung und Wertschätzung.
Darum werden Tagesmütter dringend gebraucht
Kerstin Janssen kann die fehlende Wertschätzung der Kommunen und des Landes nicht verstehen. „Wir decken echt viel ab“, betont sie. Tagesmütter und -väter betreuen Kinder so wie es zur Arbeitssituation der Eltern am besten passt: auch nachts oder am Wochenende. Damit schließen sie die Lücke, die eine Kita nicht schließen kann. Obwohl es immer wieder Diskussionen zu flexibleren Öffnungszeiten der Einrichtungen gibt, ist der Stand jetzt noch: Kitas sind in Ostfriesland in etwa zwischen 7 und 17 Uhr geöffnet. Viele haben kürzere Betreuungszeiten. Dabei sind in immer mehr Familien beide Elternteile voll berufstätigt, viele im Schichtdienst oder Mutter oder Vater sind alleinerziehend. Der Bedarf ist groß. Und die Nachfrage bei Tagesmüttern wie Kerstin Janssen „enorm“, sagt sie.
Es passiere auch häufiger, dass sie von umliegenden Kitas angefragt wird, ob sie ein Kind betreuen könne, so Janssen. Auch wenn es nicht genug Kita-Plätze gibt, wollen viele Eltern auf Tagesmütter ausweichen. So ist es beispielsweise in Emden, wo aktuell noch 150 Kita-Plätze fehlen. Es gibt aber nur (noch) acht Tagesmütter. Weil aber kaum Anreize geschaffen werden, Tagesmutter oder -vater zu sein, gebe es immer weniger, erklärt die Krummhörnerin. Die Aussichten seien düster. Es sei auch fast unmöglich, bei dem geringen Lohn und den Arbeitsbedingungen nur von dem Job zu leben. „Ich wünsche mir vernünftige Richtlinien, einen vernünftigen Beitrag und Verfügungszeiten“, sagt sie. In anderen Bundesländern sei das auch besser geregelt. Der Bund versuche bereits, gegen ein Abwandern von Tagesmüttern und -vätern zu arbeiten, erklärt Heiko Krause. Doch die jeweiligen Kreise müssen das mittragen.
„Für Kommunen ist die Kindertagespflege optimal“, betont er. Dabei verweist er auf das „sehr flexible Modell“ und die qualitativ hochwertige Ausbildung der Kräfte. Auch sei es für eine Kommune oftmals leichter und günstiger, wenn mehr Tagesmütter Kinderbetreuung übernehmen statt eine neue Kita zu bauen. Auch für Kinder, die eine kleine Betreuungsgruppe brauchen oder einen besonderen Förderbedarf haben, sei die Kindertagespflege optimal. Tagesmütter dürfen gleichzeitig nur fünf Kinder vor Ort betreuen. In Ostfriesland gibt es mehr als 300 Kindertagespflegepersonen (Stand Juni 2020). Wenn auf jede fünf Tageskinder kämen, würden 1500 Kinder in der Tagespflege sein. In Niedersachsen werden laut dem Berufsverband für Kindertagespflegepersonen (BVK) 19.605 Kinder durch 6.038 Tagesmütter oder -väter betreut (Stand 1. März 2020).
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