Bürgerbefragung

Mobile Zukunft: Ohne Bahn wird Aurich bedeutungslos

Nicole Böning
|
Von Nicole Böning
| 14.01.2022 17:18 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Teilnehmer der Bürgerbefragung wünschen sich einen autofreien Georgswall zum Flanieren und Verweilen. Heute ist die Situation weniger einladend. Foto: Ortgies
Die Teilnehmer der Bürgerbefragung wünschen sich einen autofreien Georgswall zum Flanieren und Verweilen. Heute ist die Situation weniger einladend. Foto: Ortgies
Artikel teilen:

Bürger entwickeln Ideen für die mobile Zukunft der Kreisstadt Aurich. Die fließen in das Klimaschutzkonzept ein, das im Mai fertig sein soll. Der Bahnanschluss spielt dabei eine große Rolle.

Aurich - „Aurich braucht bis zum Jahr 2030 einen Bahnanschluss, sonst verschwindet die Stadt in der Bedeutungslosigkeit“, gibt Dr. Gabi Zink-Ehlert vom Berliner Beratungsunternehmen Energielenker das Ergebnis der Diskussion zur Entwicklung des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) in Aurich wieder. Teilnehmer der Bürgerbeteiligung hatten am Mittwoch miteinander diskutiert, wie der Verkehr der Kreisstadt klimafreundlicher werden kann. Schwerpunkte waren neben dem ÖPNV ebenfalls der Fußverkehr, der Radverkehr sowie Park-and-Ride-Konzepte. Der Anschluss Aurichs an die Schiene – auch für den Personenverkehr – spielte dabei eine große Rolle. Aktuell ist Aurich die größte Stadt Deutschlands ohne Bahnhof.

Was und warum

Darum geht es: Auch die Kommunen müssen einen Anteil zum Klimaschutz beitragen. Aurich geht in den Endspurt und sammelt Ideen für die mobile Zukunft.

Vor allem interessant für: alle Auricher sowie Umwelt- und Klimaschützer

Deshalb berichten wir: In Aurich hat die Klimaschutzbeauftragte die Bürger eingeladen, die klimafreundliche Zukunft der Stadt mitzugestalten.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de

Eingeladen hatte Aurichs Klimaschutzmanagerin Dr. Katharina Heidtmann. Der Hintergrund: Bis Mai muss das Klimaschutzkonzept der Stadt Aurich fertig sein und vom Stadtrat bestätigt werden. Am 22. Juni ist Abgabetermin – ab dann sollen die im Konzept beschriebenen Maßnahmen umgesetzt werden. Heidtmann ist seit dem 1. Oktober 2021 im Amt, davor hatte es auf der Position zahlreiche Wechsel gegeben. Der Verkehr ist nur einer der Schwerpunkte des Klimaschutzkonzepts, für das sie sich Anregungen von den Bürgern der Stadt holen möchte. Eine weitere Bürgerbeteiligung ist am 19. Februar geplant. Dann geht es darum, wie sich die Stadt an den Klimawandel anpassen kann. Ein sportlicher Endspurt.

Es bleibt nicht viel Zeit

Dass die Zeit drängt, hatte Heidtmann in ihrer Begrüßung bereits deutlich gemacht. „Bisher verzeichnen wir eine Klimaerwärmung von 1,2 Grad Celsius. Es ist nicht mehr viel Spielraum bis zum Pariser Klimaschutzziel von 1,5 Grad.“ Das Ziel wurde am 12. Dezember 2015 in Paris auf der internationalen Klimakonferenz gesetzt. Die beteiligten Länder hatten sich darauf geeinigt, die Erderwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Niveau auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen. Ideal wären 1,5 Grad. Diese Obergrenze war damit erstmals in einem völkerrechtlichen Vertrag verankert.

Was das mit Aurich zu tun hat: Um dieses Ziel zu erreichen, dürfen in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts nicht mehr klimaschädliche Gase ausgestoßen werden, als der Atmosphäre durch sogenannte CO2-Senken, wie zum Beispiel Wälder, Moore oder die Salzwiesen des Wattenmeeres, entzogen werden. Auch die Kommunen müssen einen Anteil dazu leisten. Für das Klimaschutzkonzept der Kreisstadt bedeutet das: Es muss Wege aufzeigen, wie Aurich bis 2045 seinen CO2-Ausstoß auf null reduzieren kann. Ein mehr als ambitioniertes Ziel – der Verkehr ist dabei nur eine von vielen Stellschrauben. Nach den privaten Haushalten und dem Bereich Gewerbe, Handel und Dienstleistungen ist er Aurichs drittgrößter Verursacher von Treibhausgas-Emissionen.

Die Fahrzeug-Dichte steigt

„Auch hier ist dringend ein Umdenken erforderlich“, so Heidtmann. In einer Präsentation zum Verkehr in der Kreisstadt hatte Dr. Gabi Zink-Ehlert zuvor gezeigt, dass die Fahrzeug-Dichte auch in Aurich in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen ist. Von 601 pro 1000 Einwohner im Jahr 2015 auf 626 im Jahr 2019. Der Mittelwert in Deutschland lag damals bei 575 Pkw. Neuere Daten gibt es noch nicht. Die am Mittwoch anwesenden Bürger haben gezeigt, dass sie sich der Problematik bewusst sind. Bei einer Umfrage zu Beginn der Veranstaltung gaben die meisten von ihnen an, mit welchem Verkehrsmittel sie zur Stadthalle gekommen waren: einer mit dem ÖPNV, neun zu Fuß, 13 mit dem Auto und mehr als 40 mit dem Fahrrad – davon ein Teilnehmer sogar aus Emden.

Dass das Interesse am Thema groß war, zeigten die Anmeldezahlen der auf 80 Teilnehmer gedeckelten Veranstaltung. „Es haben sich so viel Bürger angemeldet, dass wir die Veranstaltung am Ende kaum noch beworben haben“, so Katharina Heidtmann. Trotzdem habe es noch eine längere Warteliste gegeben. „Das ist ein Traum für jede Klimaschutzmanagerin“, sagte Heidtmann. Entsprechend lebendig waren die Diskussionen zu den vier Kernthemen des Abends und ein Konsens wurde schnell gefunden. Die Ergebnisse der Gruppenarbeiten werden in das neue Klimaschutzkonzept aufgenommen. „Natürlich ist nicht alles sofort umsetzbar“, schränkt Heidtmann ein, „aber jede Idee ist wichtig und wird berücksichtigt.“

Video
Aurich: Wie wird der Verkehr klimafreundlicher?
12.01.2022

Zu den Wünschen für Aurichs mobile Zukunft gehören neben dem Bahnanschluss unter anderem durchgehende und gut beschilderte getrennte Rad- und Fußwege sowie ein stündlicher Linienbusverkehr und Expressbusse in größere Städte. Auch Park-and-Ride-Stationen an den Stadtgrenzen mit einem Shuttle-Service in die Innenstadt, eine autofreie Altstadt und sichere Abstellmöglichkeiten für Räder im Altstadtbereich und an den Umstiegen auf andere Verkehrsmittel wurden diskutiert. Für Fußgänger soll der Belag der Wege verbessert und die Wege selbst barrierefrei werden. Vor allem die Sicherheit für Fußgänger und Radfahrer wurde angeprangert. An allen Tischen wurde zudem gefordert, den Masterplan Radverkehr 2030 endlich anzugehen.

Ähnliche Artikel