Osnabrück
Starker Preistreiber: Das steckt hinter der „grünen Inflation“
Die Energiepreise sind rasant gestiegen. Einen Anteil daran hat auch der Klimaschutz, sagen Experten. Sie sprechen von einer „grünen Inflation“. Müssen sich Verbraucher auf dauerhafte Preissteigerungen einstellen?
Für Verbraucher sind es harte Zeiten: Die Inflation in Deutschland lag 2021 ersten Schätzungen zufolge bei 3,1 Prozent - dem höchsten Stand seit 1993. Ob Benzin, Lebensmittel oder Gebrauchtwagen, vieles hat sich in den letzten Monaten spürbar verteuert. Vor allem die Preise für Energie schießen in die Höhe. Bei vielen Menschen wächst die Befürchtung, dass sich das Leben noch stärker verteuern wird. Die Sorge scheint nicht unbegründet, denn Experten rechnen auch für die nächsten Jahre mit anhaltend hohen Inflationsraten. Ein Grund dafür ist die sogenannte „grüne Inflation“. Damit ist gemeint, dass Maßnahmen gegen den Klimawandel und Investitionen in die Energiewende die Preise zusätzlich antreiben.
EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel hatte vor wenigen Tagen erstmals auf das Risiko hingewiesen, dass wegen des Kampfs gegen den Klimawandel und des Umstiegs auf nachhaltige Energiequellen das Risiko bestehe, dass die Inflation mittelfristig höher liegen werde als gedacht.
Lesen Sie auch: Steigende Preise: Wie Verbraucher der Inflation entkommen können
Klimapolitik schafft billige traditionelle Energiequellen ab
Andere Wirtschaftswissenschaftler warnen bereits länger davor. Auch Ökonom Hans-Werner Sinn, früherer Präsident des Münchener Ifo-Instituts, sieht die Energiewende als zusätzlichen Inflationstreiber. „Wir schaffen sukzessive die billigen traditionellen Energiequellen ab, weil die Politik sie verbietet. Die Alternativen sind aber nicht billiger“, sagte Sinn in einem Interview mit der „Welt“. Die Wende werde die Produktionskosten massiv erhöhen. Gegenüber der dadurch erzeugten Inflation könnten die Preissteigerungen durch die OPEC in den 1970er-Jahren verblassen, so der Ökonom.
Hinter den Preissteigerungen stehen Klimaschutzmaßnahmen wie etwa das von der EU vorgelegte Gesetzespaket „Fit for 55“, das auf 55 Prozent CO2-Minderung bis 2030 im Vergleich zum Basisjahr 1990 zielt. Es sieht unter anderem neue Steuern und Zölle vor, keine Neuwagen mit Verbrennungsmotor mehr ab 2035 sowie einen Emissionshandel auch für Verkehr und Gebäude.
Emissionszertifikate und CO2-Preise immer teurer
Hinzu kommen Emissionszertifikate und die CO2-Bepreisung, die die Verbraucherpreise weiter in die Höhe treiben. Hinter solchen Maßnahmen steht der Ansatz: Je mehr es kostet, CO2 in die Umwelt zu pusten, desto größer der Ansporn, andere Lösungen zu suchen.
Lesen Sie auch:
So erwerben Kraftwerksbetreiber und große Industriebetriebe etwa mit CO2-Zertifikaten das Recht, Treibhausgase auszustoßen. Doch ein solches Verschmutzungsrecht in der EU wird immer teurer. Inzwischen kostet die Tonne CO2-Aussstoß 80 Euro oder mehr, Anfang 2021 waren es noch 30 Euro.
Die CO2-Steuer für fossile Brennstoffe wie Benzin, Diesel, Heizöl, Gas und Flüssiggas wurde 2021 eingeführt und soll jährlich steigen − von anfangs 25 Euro je Tonne Kohlendioxid auf 55 Euro je Tonne im Jahr 2025. Tanken und Heizen wird deswegen für viele auch 2022 teurer.
Unternehmen geben Kosten an Verbraucher weiter
„Die Klimapolitik erhöht die Inflation, indem sie zwei Kostenwellen auslöst“, sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Zunächst müssten die Unternehmen mehr für CO2-Emissionen zahlen. Weitere Kosten kämen auf sie zu, weil der höhere CO2-Preis sie zu einem klimagerechten Umbau ihrer Produktion veranlasse. Diese beiden Kostenwellen würden die Unternehmen notgedrungen an die Verbraucher weitergeben. „Nach unseren Schätzungen erhöht das die Inflationsrate bis zum Ende des Jahrzehnts um etwa einen halben Prozentpunkt pro Jahr“, sagt Krämer. Klimapolitik gäbe es nun mal nicht zum Nulltarif.
Zum Vergleich: Die durchschnittliche Inflationsrate in Deutschland lag über einen Zeitraum von 40 Jahren zwischen 1,9 und 3,2 Prozent.
Marcel Fratzscher, Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) findet ein gewisses Maß an „grüner Inflation“ richtig und notwendig, da sie eine Anpassung relativer Preise widerspiegele. So müssten die Preise für klimaschädliches Verhalten steigen, um Anreize für Innovationen und alternative, klimaneutrale Wirtschaftsprozesse zu setzen, so Fratzscher.
Langfristig senkt der Klimaschutz die Energiepreise
Erzählungen, wonach die „grüne Inflation“ schädlich und schlecht sei, seien hingegen zynisch und falsch. Nicht der Klimaschutz ist Fratzscher zufolge die Ursache für Inflation und ein Problem für die Wirtschaft, sondern der Klimawandel und durch ihn ausgelöste globale Handelskonflikte. Hinzu käme: Der Klimaschutz werde die Energiepreise langfristig senken. Erneuerbare Energien seien effizienter und somit günstiger als fossile Energieträger, so der Ökonom. Regulierung und CO2-Preise mögen zwar kurz- und mittelfristig einen Beitrag zu höheren Energiekosten leisten. Langfristig reduzierten sie diese aber und führten zu einer geringeren Inflation.
„Spätestens 2045 soll kein CO2 mehr emittiert werden. Dann fallen bei den Unternehmen auch keine Kosten mehr für CO2 an“, sagt auch Krämer von der Commerzbank. „Außerdem dürfte dann der kostenträchtige Umbau der Produktion beendet sein, so dass die Inflation nicht länger von der Klimapolitik erhöht wird.“ Bis dahin aber dürfte Umweltverschmutzung weiterhin einen spürbaren Preis haben.