Osnabrück
Anbindehaltung: Handel lässt Kühe von der Kette - gut so, aber...
Edeka, Netto und Aldi werfen Milch aus Ställen mit Anbindehaltung aus den Regalen. Gut so! Und peinlich für die Politik, dass nicht sie die Kühe von der Kette gelassen hat. Ein Kommentar.
Wie sieht eine glückliche Kuh aus? Den meisten kommt bei dieser Frage wohl unweigerlich das Bild eines Rindviehs vor Alpenpanorama in den Sinn. Über Jahrzehnte ist es gelungen, dieses Zerrbild in den Köpfen der Verbraucher zu verankern und ihnen so Extra-Euros zu entlocken.
Dabei hat das Alpen-Idyll mit der landwirtschaftlichen Praxis auf einer ganzen Reihe von Betrieben gerade in Süddeutschland kaum etwas oder gar nichts zu tun: Kühe werden das ganze Jahr oder über Monate hinweg im Stall angebunden. Sie können sich kaum bewegen, Anbindehaltung wird das genannt.
Die gesellschaftliche Vorstellung von guter Tierhaltung hat sich gewandelt. Ob die Anbindehaltung überhaupt noch rechtens ist, ist fraglich. Vergleichbare Praktiken bei Schweinen wurden bereits für illegal erklärt. Der Politik ist das parteiübergreifend bekannt. Nur traut sich seit Jahren niemand, den Ausstieg aus der Anbindehaltung umzusetzen, also die Kuh von der Kette zu lassen. Auch wenn eine entsprechende Entscheidung ja populär wäre. Aber sie bedeutet eben auch das faktische Aus für zahlreiche Bauernhöfe, die nicht umbauen können.
Schlecht für die Bauern
Was die Politik scheute, setzt der Handel nun Stück für Stück um. Zunächst fliegt Mich aus ganzjähriger Anbindehaltung im Bereich Trinkmilch aus den Regalen. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis auch „Alpenmilch“-Schokolade und ähnliche Produkte namhafter Hersteller darauf verzichten, weil es Handel und Kunden so erwarten. Beide müssen anders als die Politik keine Rücksicht auf die Interessen der Tierhalter nehmen, auf Jahrhunderte alte Familientraditionen, enge Beziehung zwischen Mensch und Tier, wirtschaftliche Nöte und so weiter. (Weiterlesen: Kultur oder Tierquälerei? Warum ein Jungbauer seine Kuh Rosi anbindet)
Es zeigt sich einmal mehr: Die wahren Taktgeber beim Umbau der Tierhaltung in Deutschland sind die Handelskonzerne. Den Preis für den gesellschaftlich gewollten Wandel im Stall zahlen allein die Bauern. Ob ein grüner Bundeslandwirtschaftsminister überhaupt noch steuernd in diesen Prozess eingreifen kann? Ganz sicher nicht, wenn er es wie bislang, bei wohlklingenden Absichtserklärungen belässt.