Soziales
Neues Kita-Gesetz verschärft den Personalmangel in Ostfriesland
Das Land Niedersachsen rühmt sich mit der Neuregelung des Kita-Gesetzes. In der Praxis aber bringt es vor allem eins: Probleme. Wir haben uns in Ostfriesland umgehört.
Ostfriesland - Der Personalmangel an Kitas in Ostfriesland ist „sehr dramatisch“. Die im Sommer beschlossene Neuregelung des Kita-Gesetzes, mit der sich das Land Niedersachsen rühmt, verschlimmert die Lage noch. Das sagt Melanie Krause, 1. Vorsitzende des Kita-Fachkräfteverbands für Niedersachsen und Bremen. Sie erlebt das Problem hautnah als Leiterin der Leeraner Kita Niedersachsenring. Zwei Stellen in ihrer erst im September eröffneten Einrichtung seien noch oder schon wieder frei. Es komme insgesamt mittlerweile auch vor, dass Erziehungskräfte von Kitas untereinander abgeworben wurden. „Hat man sich zu meiner Zeit auf 50 Stellen beworben, dann kamen vielleicht drei Angebote“, sagt sie. Jetzt kämen auf eine Kraft bis zu zehn Stellen, aus der sie sich die für sie beste aussuchen könne.
Viele, die sich für eine Ausbildung in dem Bereich entschieden, unterschätzten die Komplexität des Berufs. Kitas seien mittlerweile Bildungseinrichtungen geworden. Die Dokumentationspflicht sei enorm: Habe es früher nur eine kleine Kartei für jedes Kind gegeben, seien es jetzt ganze Aktenordner. Und immer mehr Kinder hätten motorische oder sozial-emotionale Probleme, die in den Kitas angegangen werden müssen. Eltern seien zum Teil überfordert und erwarteten viel von den Einrichtungen. Bis 2030 werde sich die Personalsituation laut aktueller Studien nicht verbessern, sondern eher noch verschlechtern, sagt sie.
Einige Kitas müssen Betreuungszeiten kürzen
Nach fast 30 Jahren wurde das Kita-Gesetz jetzt zum ersten Mal angepasst. Dort heißt es nun unter anderem: „Während der gesamten Kernzeit und während der gesamten Randzeit müssen je Gruppe mindestens zwei pädagogische Fachkräfte regelmäßig tätig sein.“ Zuvor war es möglich gewesen, dass in den Randzeiten, also morgens und abends, nur eine Person auf die Kinder aufpasste. „Das stellt jetzt die meisten Kitas vor Probleme“, sagt Melanie Krause. Aus ihrer Perspektive sei die Neuregelung zwar richtig, aber so kurzfristig von heute auf morgen für viele Einrichtungen aufgrund der Personalsituation einfach nicht leistbar. Die Folge: Ganztagsgruppen würden eingekürzt. Das stelle die berufstätigen Eltern natürlich vor große Herausforderungen.
„Das ist schwierig“, sagt beispielsweise Elke Habben, Leiterin des Auricher DRK-Kindergartens am Wasserturm. Bislang habe man die Randzeiten mit einer Kraft gut überbrückt. Morgens von 7 bis 7.30 Uhr seien beispielsweise auch nur zwei Kinder da. Abends sei es ähnlich. Jetzt müssen diese wenigen Kinder von zwei Fachkräften betreut werden. „Das ist in der Umsetzung einfach komisch“, meint sie. Sie hätte lieber mehr Betreuungskräfte, wenn viele Kinder da sind. Generell hält sie die Neuregelung aber für sinnvoll. Ihr Kindergarten sei auch in der guten Lage, dass alle Stellen besetzt seien.
Das fordern die Kitas
Eine weitere Änderung im Kita-Gesetz, die auf Kritik stößt: In den kommenden Jahren soll „in jeder Krippengruppe, in der elf oder mehr Plätze belegt sind, während der gesamten Kernzeit zusätzlich eine dritte Kraft regelmäßig tätig sein“. Der Gewerkschaft Verdi ist das zu weit weg. Sie rief im Sommer in Hannover zu Kundgebungen auf. Erzieherinnen arbeiteten schon jetzt an der Belastungsgrenze, hieß es dort. Melanie Krause sieht es auch sehr kritisch, dass die dritte Kraft zunächst hauptsächlich Auszubildende sein sollen. Die aber müssten noch komplett angeleitet werden. „Es ist also eigentlich keine Drittkraft“, betont sie.
Mehrfach habe man sich schon mit Kritik an das Land Niedersachsen gewendet, sagt die 1. Vorsitzende. Sie nennt drei Dinge, die am Kitagesetz dringend verändert werden müssten, damit die Betreuung tatsächlich sinnvoll geleistet werden könne: Die Fachkräfte-Kinder-Relation müsse angepasst werden. „Ich würde mir für ganz Niedersachsen das Emder Modell wünschen“, sagt sie. Bei dem Emder Modell sind nur 22 Kinder in einer Gruppe, nicht 25 wie normalerweise.
Außerdem sollte es multiprofessionelle Teams mit beispielsweise Ergotherapeuten, Logopäden und Psychologen für jede Kita geben. Und: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollten mehr Verfügungszeiten haben, damit sind die Stunden gemeint, die etwa für Dienstbesprechungen, Elterngespräch, Vor- und Nachbearbeitung verwendet werden. „In vielen Einrichtungen machen das Kräfte praktisch nebenbei, also ehrenamtlich“, sagt sie.