Hamburg
Rausch der Klänge, kurze Party: Elbphilharmonie feiert Geburtstag
Vor fünf Jahren hat die Eröffnung der Elbphilharmonie eine kulturelle Zeitenwende in Hamburg angestoßen. Jetzt hat das Konzerthaus seinen fünften Geburtstag gefeiert - trotz Corona.
Würden die Menschen nicht die feine Abendrobe tragen, könnte man meinen, vor der Tür zum Berghain oder zum P1 zu stehen. Tatsächlich aber stauen sich die Leute auf der Plaza der Elbphilharmonie in vier Reihen vor der Treppe zum Großen Saal. Corona macht eben am Tor zur Welt nicht halt, und auf Terminlagen nimmt das Virus auch keine Rücksicht. Die pandemische Lage erfordert es in Hamburg, dass das Einlasspersonal der Elbphilharmonie jeden Impfnachweis kontrolliert und mit dem Personalausweis abgleicht. Im Gegenzug darf ein fasst voller Saal den fünften Geburtstag der Elbphilharmonie so gebührend feiern, wie es die Coronaverordnung eben zulässt.
Konkret heißt das: Die Lichtinstallation „Breaking Waves“ des niederländischen Künstlerduos DRIFT, die den Glanz des Geburtstags nach außen, in die Stadt hinein tragen sollte, wurde verschoben und begleitet nun den Start des Musikfests Ende April. Und statt im Anschluss ans Geburtstagskonzert mit den Konzertgästen zu feiern, lädt die Elbphilharmonie in der Pause auf ein Glas Wein oder ein Bier und eine Brezel ein. Es ist einfach nicht die Zeit für rauschende Feste, deshalb macht Hamburg in diesen Tagen eh um elf Uhr nachts sämtliche Schotten dicht. Da gleicht es schon einem Wunder, dass der Konzertsaal überhaupt so voll sein darf; eigentlich erinnert da nur die Masken vor der Nase an die Pandemie, die das Geburtstagsfest umgibt.
Festagsreden müssen trotzdem sein, und da schwärmt der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher von der Bedeutung, die die Kultur in Hamburg dank und mit der Elbphilharmonie gewonnen hat. Und der Generalintendant von Elbphilharmonie und Laeiszhalle, Christoph Lieben-Seutter, betont, dass wenigstens die Musik wie geplant stattfinden kann - und das ist ja schon etwas, wenn ein Konzerthaus feiert.
Gewagtes Programm
Der Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters, Alan Gilbert, hat fürs Fest ein gewagtes Programm zusammengestellt: Er konzentriert sich ausschließlich auf Werke aus den letzten zwanzig, dreißig Jahren. Einmal mehr gibt sich der Amerikaner als Streiter für die Moderne zu erkennen; gleichzeitig rückt er den Großen Saal selbst, das Geburtstagskind mithin, ins Zentrum der musikalischen Betrachtungen.
Dafür sitzt das NDR Elbphilharmonie Orchester in Maximalstärke auf der Bühne. Aber immer streckt der Apparat seine Fühler aus, schickt Musiker und Sängerinnen hinaus auf die Zuschauertribünen. So erkunden sie die Akustik des Hauses, inszenieren den Raum, also das Geburtstagskind.
Das beginnt mit „Tromba Lontana“ des amerikanischen Minimal-Komponisten John Adams, wo zwei Trompeter das kuschlige Orchesterkollektiv verlassen und sich gewissermaßen als Außenposten links und rechts über dem Orchester auf Etage 13 oder 14 Motive zuspielen. Und das endet mit „Wing on Wing“ von Esa-Pekka Salonen, wo die Zwillinge Anu und Piia Komsi ihre Sopranstimmen von verschiedenen Positionen im Raum erklingen lassen, zusammen mit flirrenden Xylophonklängen.
So gesehen ist das Konzert für Klavier und Orchester des britischen Komponisten Thomas Adès fast das konventionellste Werk: Hier sitzt der Solist Kirill Gerstein - für ihn hat Adès das Konzert geschrieben - vor dem Orchester wie seit Jahrhunderten üblich. Was aber den ganzen Abend und damit auch dieses Werk durchzieht, ist die Rauschhaftigkeit des Klanges. Der große Orchesterapparat und das vollgriffige Klavier erinnern und knüpfen klanglich an spät- und postromantische Vorbilder an, genau das richtige also, um den Saal zum Klingen zu bringen. Aber noch packender sind die intimen Momente des Klavierkonzerts, der kammermusikalisch filigrane zweite Satz „Andante Gravemente“, wo der Große Saal die beweisen darf, mit welcher Leichtigkeit er zarteste Töne bis in die obersten Sitzreihen heben kann. Was Gerstein mit der Zugabe noch unterstreicht, der Etüde „Arc en ciel“, zu deutsch „Regenbogen“ von Ligeti: Das sind so die Momente, in denen der Raum fein abgestufte Klangfarben widergibt.
Salonens rauschhaftes Getümmel fährt schließlich auf, was das spätromantische Orchester zu bieten hat, vom großen Streicherapparat über Bassklarinete, Altflöte und Kontrafagott bis zur Windmaschine und eben zwei Sopranstimmen, deren textlose Vokalisen zusätzliche, leuchtende Farben ins Spiel bringen. Dabei leuchtet die Akustik tief tumulthafte Orchestertutti hinein, schlüsselt komplexe, dicht gestaffelte Klänge auf und offenbart, wie das Zusammenspiel der Kräfte funktioniert. Und da spielen dann wiederum Alan Gilbert und das NDR Elbphilharmonie Orchester ihre Qualitäten aus, die Elemente plastisch darzustellen und zu einem rauschhaften Ganzen zusammenzufügen. Das bereitet Freude, und einmal mehr wissen die Zuhörer, was sie an der Elbphilharmonie haben. Herzlichen Glückwunsch!