Gesundheit

Lieber nicht geimpft als mit Moderna?

Marion Luppen
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Von Marion Luppen
| 12.01.2022 14:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Impfstoff von Biontech wird von manchen Menschen irrtümlich als höherwertig im Vergleich zu Moderna betrachtet. Foto: Bein/dpa
Impfstoff von Biontech wird von manchen Menschen irrtümlich als höherwertig im Vergleich zu Moderna betrachtet. Foto: Bein/dpa
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Manche Menschen halten den Impfstoff von Moderna für zweitklassig. Sie verzichten auf eine Impfung, wenn der Arzt ihnen Biontech verweigert. Ein Mediziner aus Timmel erklärt, warum das Unfug ist.

Aurich/Großefehn - Der Mittsechziger ist empört. Bei einer Impfaktion des Landkreises Aurich in Ostgroßefehn wollte er sich vergangene Woche eine Booster-Impfung mit dem Vakzin von Biontech verabreichen lassen. Das wurde ihm verweigert. Für seine Altersgruppe sei der Impfstoff von Moderna vorgesehen, ließ ihn das Personal wissen. Das Ende vom Lied: Der Mann ging ungeboostert nach Hause. Zuvor habe er bei seinem Hausarzt ebenfalls eine Abfuhr bekommen, sagt der 65-Jährige. „Ich verstehe das nicht.“ Es müsse doch möglich sein, sich den Impfstoff selbst auszusuchen. Das Problem: Der Impfstoff von Biontech ist knapp.

Die Redaktion hat beim Landkreis Aurich nachgefragt. Fälle wie der des 65-Jährigen kämen immer mal wieder vor, sagt Pressesprecher Rainer Müller-Gummels. Oftmals könne man die Betroffenen im Aufklärungsgespräch überzeugen, aber nicht immer. „Wir impfen, wie es die Stiko empfiehlt“, sagt Müller-Gummels.

„Gerade für Booster-Impfungen eine gute Wahl“

Die Ständige Impfkommission (Stiko) des Robert-Koch-Instituts empfiehlt für unter 30-Jährige, Schwangere und Stillende ausschließlich den Impfstoff von Biontech. Grund: Nach der Impfung mit Spikevax (Moderna) besteht für Menschen unter 30 Jahren ein erhöhtes Risiko, an einer Herzmuskel- und Herzbeutelentzündung zu erkranken. Für über 30-Jährige hingegen wird das Vakzin von Moderna uneingeschränkt empfohlen. „Wir weisen immer wieder darauf hin, dass Moderna gerade für die Booster-Impfungen eine gute Wahl ist“, sagt Müller-Gummels.

Spikevax von Moderna ist ebenfalls ein mRNA-Impfstoff. Foto: Schmidt/dpa
Spikevax von Moderna ist ebenfalls ein mRNA-Impfstoff. Foto: Schmidt/dpa

Der Impfstoff von Moderna steht Ärzten und Kommunen praktisch unbegrenzt zur Verfügung. Biontech hingegen wird nur in geringen Mengen geliefert. Der Landkreis Aurich hat in dieser Woche 1000 Dosen bekommen. Die sind für Jüngere, Schwangere und Stillende reserviert, der Stiko-Empfehlung folgend. So verfährt auch Dr. Lukas Bockelmann. Der Allgemeinmediziner aus Timmel ist Vorsitzender des Ärztevereins Aurich. Auch Bockelmann hat Erfahrung mit Patienten, die auf Biontech bestehen und Moderna ablehnen: „In Einzelfällen erleben wir es, dass jemand ungeimpft von dannen zieht und sein Glück anderswo versucht.“ Er habe dafür kein Verständnis. „Die beiden Impfstoffe sind absolut gleichwertig.“

Moderna sogar etwas wirksamer

Wenn es einen minimalen Unterschied gebe, so Bockelmann, dann denjenigen, dass laut Studienergebnissen Moderna bei den Booster-Impfungen sogar noch etwas wirksamer sei als Biontech. „Es ist definitiv nicht schlechter.“ Die meisten Patienten ließen sich davon im Aufklärungsgespräch überzeugen, aber nicht alle. „Da bin ich ganz strikt“, sagt der Arzt. „Da stelle ich mich schützend vor Schwangere, Stillende und deren ungeborene Kinder.“ Die wenigen Dosen Biontech spare er für diese Gruppe auf.

Dr. Lukas Bockelmann praktiziert in Timmel. Foto: Archiv/Ortgies
Dr. Lukas Bockelmann praktiziert in Timmel. Foto: Archiv/Ortgies

Eine andere Sorge treibt sowohl den Landkreis Aurich als auch niedergelassene Ärzte um: Die Impfbereitschaft hat inzwischen wieder deutlich nachgelassen. Sonder-Impfaktionen des Landkreises Aurich wie beispielsweise am Dienstag in Wiesmoor würden gut angenommen, sagt Müller-Gummels. Doch im Impfzentrum in Aurich seien allein in dieser Woche noch 1000 Termine frei (Stand Dienstagnachmittag). „Das ist ausgesprochen bedauerlich und gerade angesichts der Omikron-Entwicklung auch unverständlich“, sagt Müller-Gummels. Termine im Impfzentrum können über das Impfportal des Landes Niedersachsen gebucht werden.

Auch Bockelmann, in dessen Praxis man sich täglich von 8 bis 12 Uhr ohne Anmeldung impfen lassen kann, macht sich Sorgen wegen der sinkenden Nachfrage: „Wir sind noch nicht durch mit dem Boostern.“ Über die Gründe für die Zurückhaltung könne man nur spekulieren. Berichte über mildere Krankheitsverläufe mit der Omikron-Variante ließen womöglich einige Menschen sorglos werden. Dabei sei auch die gefährliche Delta-Variante noch längst nicht verdrängt. Einige nähmen irrtümlich an, dass die Impfung nicht gut wirke, so Bockelmann. Und es habe sich noch nicht bei allen herumgesprochen, dass die Booster-Impfung mittlerweile bereits drei Monate nach der Zweitimpfung empfohlen wird.

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