Verbraucher
Stirbt der Geldautomat bald aus?
Die Deutschen lieben Bargeld. Doch die Pandemie lässt auch sie immer häufiger zu elektronischen Zahlungsmitteln greifen. Geldautomaten verlieren an Bedeutung. Das wird in Aurich und Riepe sichtbar.
Aurich/Riepe - Die Explosion liegt jetzt vier Monate zurück. Anfang September wurde auf dem Netto-Parkplatz in Riepe ein Geldautomat der Sparkasse Aurich-Norden gesprengt. Das Geldinstitut hat noch nicht entschieden, ob der Automat an dieser Stelle wieder aufgebaut wird. „Wir sind noch immer in der Prüfung“, sagt Sparkassen-Pressesprecherin Inka Lottmann. „Wir wollen den Standort Riepe gerne behalten. Aber wir sind schon aufgeschreckt worden durch diese Sprengung.“ Es müsse genau abgewogen werden, ob der Standort für einen Geldautomaten geeignet sei. „Durch die Nähe zur Autobahn ist der Fluchtweg gut geebnet.“
Anwohner hatten seinerzeit über den Notruf zwei Detonationen im Industriegebiet gemeldet. Unbekannte hatten den Automaten gesprengt und waren mit dem erbeuteten Bargeld in einem dunklen Fahrzeug in Richtung Autobahn geflüchtet. Wie viel Geld damals erbeutet wurde, verrät die Sparkasse nicht. Inzwischen hat das Bundeskriminalamt die Ermittlungen übernommen. „Es handelt sich um eine bundesweit agierende Tätergruppierung“, sagt die Auricher Polizei-Pressesprecherin Wiebke Baden.
„Wir hatten die Hoffnung, dass die Ems die Grenze bleibt“
Es war das erste Mal, dass ein Automat der Sparkasse Aurich-Norden gesprengt wurde. Sonst waren davon eher der Landkreis Leer und das Emsland betroffen. „Wir hatten die heimliche Hoffnung, dass die Ems die Grenze bleibt“, sagt Lottmann. Das SB-Terminal, zu dem auch ein Kontoauszugsdrucker gehörte, wurde durch die Wucht der Explosion vollständig zerstört. Trümmerteile schleuderten auf die Straße. Auch das Gebäude des Discounters nahm durch umherfliegende Teile erheblichen Schaden.
„Die Explosion war schon heftig“, sagt Sparkassen-Pressesprecherin Lottmann. „Man darf sich gar nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn da in diesem Moment jemand entlanggegangen wäre.“ Daher falle die Entscheidung über die Zukunft des Standortes Riepe nicht leicht. Nicht jedes Gebäude sei dafür geeignet. Die Sparkasse sei auch mit Automatenherstellern über mögliche zusätzliche Sicherungsmaßnahmen im Gespräch.
„Wir merken schon, dass die weniger genutzt werden“
Sind Geldautomaten eine aussterbende Art? Auch die bargeldverliebten Deutschen zahlen mittlerweile häufiger mit Karte oder Smartphone. Wegen der Corona-Abstandsregeln ist das kontaktlose Zahlen in vielen Geschäften ausdrücklich erwünscht. Selbst Kleinstbeträge beim Bäcker oder am Marktstand können in vielen Fällen elektronisch beglichen werden. Zudem gibt es an immer mehr Supermarktkassen, in Drogeriemärkten und Tankstellen die Möglichkeit, sich Bargeld auszahlen zu lassen.
Nach Berechnungen des Analysehauses Barkow Consulting ist die Zahl der Geldautomaten in Deutschland seit sechs Jahren rückläufig. Der erste deutsche Geldautomat ging 1968 in Tübingen in Betrieb. 2015 standen bundesweit knapp 60.000. Seitdem geht es kontinuierlich bergab. Auch die Sparkasse Aurich-Norden beobachtet eine sinkende Nachfrage an den Geldautomaten. „Wir merken schon, dass die weniger genutzt werden“, sagt Lottmann. Die beiden vergangenen Jahre seien aber nicht repräsentativ, weil pandemiebedingt weniger Urlauber in Ostfriesland gewesen seien.
Betrieb kostet bis zu 35.000 Euro im Jahr
Der Betrieb eines Geldautomaten kostet laut Sparkasse je nach Standort 25.000 bis 35.000 Euro pro Jahr. Wenn der Automat kaum noch genutzt wird, sind das unnötige Kosten. „Natürlich werden wir weiterhin beobachten, wie die Standorte frequentiert werden“, sagt Lottmann. Derzeit sei aber kein Abbau von Geldautomaten geplant.
Die Raiffeisen-Volksbank (RVB) mit Sitz in Aurich hingegen hat sich kürzlich von einem Geldautomaten-Standort getrennt. Ende 2021 sei der Betrieb in Schirum eingestellt worden, teilt RVB-Pressesprecherin Lena Schoone mit. Die dortige Filiale war zum 31. Juli 2020 geschlossen worden. Danach sei die Nutzung des Geldautomaten um mehr als 30 Prozent zurückgegangen, so Schoone. Auch an anderen Standorten nehme die Frequenz kontinuierlich ab. Grund sei das veränderte Kundenverhalten. „Der Trend zur Nutzung von bargeldlosen Bezahlsystemen hat sich verstärkt.“
Von Automatensprengungen ist die RVB bislang verschont geblieben. „Gleichwohl sind uns die Risiken bewusst“, sagt Schoone. Die Geldautomaten würden laufend überprüft und nach den neuesten Sicherheitsstandards aufgerüstet. Auch das treibt die Betriebskosten in die Höhe: Die Umrüstung auf spreng- und gassichere Tresore kostet nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Geldautomaten 3000 Euro pro Gerät.