Kolumne: Alles Kultur

Hallo Du!

Annie Heger
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Eine Kolumne von Annie Heger
| 10.01.2022 09:26 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Annie Heger
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Auf unserem Online-Auftritt veröffentlichen wir an sechs Tagen pro Woche eine Kolumne. Montags geht es immer um Kultur.

Ich duze euch hier konsequent in dieser Kolumne. Das habe ich mir nicht vorher überlegt, weil ich dachte, dass das dann so ein bisschen kumpelig daher kommt. „Du, Frau Niemeyer, wie schreibt man Ballerina?“, fragte ich meine Grundschullehrerin, als es darum ging, dass wir unsere Berufswünsche aufschreiben sollten. Als Kind war das „Du“ genau so verzeihlich, wie es in der Gewerkschaft oder unter unter Genossen zum guten Ton gehört. Davon ganz abgesehen, dass ich mich immer noch erschrecke, wenn ich gesiezt werde, denn ich bin in so einem Übergangsalter, fällt mir das „Du“ bis heute leichter.

Zur Person

Annie Heger (38), geboren in Aurich und heute hauptsächlich in Berlin lebend, ist abgebrochene Religionslehrerin, abgebrochene Diätassistentin und geprüfte Heilpraktikerin für Psychotherapie, aber vor allem ist sie als Künstlerin bekannt. Sie singt, ist Schauspielerin und moderiert Shows, Festivals, Varietés und Galas. Außerdem ist sie Plattdeutsch-Aktivistin, unter anderem als Intendantin des „PLATTart“-Festivals.

Plattdeutsch berücksichtigt ursprünglich diese Höflichkeitsform nicht im Alltag, höchstens bei Menschen in weißem Kittel und bei Advokaten. Im Englischen gibt es auch kein Siezen. „Can I say You to you?“ versteht in den Staaten, auf den britischen Inseln und anderen Englisch sprechenden Gegenden niemand – schon gar nicht als Witz. Ich empfinde das „Sie“ ein bisschen so wie Hemd und Krawatte, das ist heutzutage auch kein unbedingtes Zeichen für einen Berufsstand oder die Karriereleitersprosse. Das „Du“ ist aus meinem Mund ein Wort des Respekts. Wir begegnen uns auf Augenhöhe. Es hilft aber natürlich niemanden, wenn das Gegenüber das „Du“ nicht so empfindet und sich dadurch nicht wertgeschätzt fühlt. Dazu kommt, wenn ich die einen im Unternehmen oder auf einer Feier duze und die anderen sieze, unterteile ich sie nicht und fördere irgendwie Ungleichheit und auch Hierarchien? Hierarchien sind nicht mein Ding. Respekt vor meinem Gegenüber allerdings schon! Manche von uns haben das Gefühl, sich je nach Situation und Gruppe das „Du“ oder eben das „Sie“ verdienen zu müssen. Vorschlag: Das sofortige „Du“ ohne Differenzierung kann vielleicht ein bisschen als Vertrauensvorschuss und Ausdruck des Wunsches nach menschlicher Nähe gebraucht werden. Am Ende ist das „Du“ oder „Sie“ nicht ausschlaggebend, ob ich Respekt vor jemandem habe. Und meine gute Intention dabei ist auch völlig egal, wenn die Wirkung beim Gegenüber eine nicht gewünschte ist. Und was hilft hier nun? Drüber reden, ohne Du-/Sie-Rumgeeiere.

Kontakt: kolumne@zgo.de

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