Verkehr

Alles wieder neu in der Neutorstraße – Das meinen Emder

Heiko Müller
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Von Heiko Müller
| 06.01.2022 19:39 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Es soll Richtung Zukunft gehen: Auf Transparenten am Stadtgarten wirbt die Stadt für die Ziele ihres Verkehrsexperimentes. Fotos: H. Müller
Es soll Richtung Zukunft gehen: Auf Transparenten am Stadtgarten wirbt die Stadt für die Ziele ihres Verkehrsexperimentes. Fotos: H. Müller
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In der Emder Innenstadt läuft seit Mittwoch die zweite Stufe des großen Verkehrsexperimentes. Unserer Redaktion hat sich am Tag danach in der Neutorstraße umgesehen und einige Stimmen gesammelt.

Emden - Neue Situation, neue Fahrtrichtung, neues Gefühl – alles neu in der Neutorstraße? Nicht ganz: Einen Tag nach dem Start der zweiten Stufe des Verkehrsexperiments scheint auf dieser Hauptachse der Emder Innenstadt alles wieder seinen gewohnten Gang zu gehen - business as usual. Auto- und Radfahrer haben sich offenbar schnell auf die neue Verkehrsführung eingestellt. Sie bewegen sich so, als ob es nie anders gewesen wäre.

Dabei hat sich gerade für die Verkehrsteilnehmer auf Rädern einiges geändert. Kraftfahrer können diesen Abschnitt jetzt nämlich nur noch von Nord nach Süd, also von der Agterum-Kreuzung in Richtung Rathaus befahren. Die Spur für Autos liegt mitten auf der Fahrbahn zwischen Leitlinien, die in den Tagen zuvor mit schrill-gelber Farbe auf grauem Asphalt aufgebracht wurden.

Das neue „Nord-Süd-Gefälle“

Das „Nord-Süd-Gefälle“ ist neu. Etwa zwei Jahre floss der Autoverkehr ebenfalls einspurig, allerdings in genau entgegengesetzter Richtung vom Rathausplatz in Richtung Agterum. Andersherum scheint es auch zu funktionieren, allerdings ist das Verkehrsaufkommen in dieser ersten Januar-Woche geringer als sonst. Noch sind Weihnachtsferien – und längst nicht alle sind nach den Feiertagen schon wieder im Alltag angekommen.

„Man muss das erst einmal mal abwarten“, sagt Knut Lang. Und seine Frau Ursula Lang stimmt ihm zu. Das Ehepaar aus Wolthusen geht meistens zu Fuß in die Innenstadt. Der 67-Jährige und seine drei Jahre jüngere Frau wollen noch kein generelles Urteil über das Verkehrsexperiment abgeben. Nur so viel: „Wir finden die neue Fahrtrichtung für Autos besser“, sagen sie. Das hört man an diesem Tag häufiger.

Schilderwald hat sich gelichtet

Was vielen Passanten ebenfalls auffällt: Der Schilderwald, der etwa ein halbes Jahr lang das Bild der Neutorstraße beherrschte und für mehr Irritationen als Klarheit sorgte, hat sich deutlich gelichtet. Viele der störenden Absperr- und Warnbaken sind ebenso verschwunden wie die Trennschwellen zwischen Auto- und Fahrradspuren, die viele auch als Gefahrenquelle sahen. Die gesamte Situation wirkt jetzt geordneter und übersichtlicher.

Herma Alberts aus Suurhusen kann sich an die neue Verkehrsführung in der Neutorstraße nicht gewöhnen.
Herma Alberts aus Suurhusen kann sich an die neue Verkehrsführung in der Neutorstraße nicht gewöhnen.

Das ändert aber nichts an der Meinung von Herma Alberts, die mit dem E-Bike aus Suurhusen nach Emden zum Einkaufen gefahren ist. Die Hausfrau hat sich schon nicht an die erste Phase des Verkehrsexperimente gewöhnen können. Sie wünscht sich vielmehr die alten Zeiten zurück, in denen der Autoverkehr noch zweispurig in der Neutorstraße verlief. „Man kannte das nicht anders“, sagt die 65-Jährige.

Gefahr an den Zebrastreifen

Eine große Gefahrenquelle sieht die Suurhuserin vor allem an den Fußgängerüberwegen, deren Ampeln ausgeschaltet sind. Die Fußgänger würden häufig die Straße überqueren, ohne Rücksicht auf die Radfahrer zu nehmen. „Mit dem E-Bike kann ich auch nicht so schnell abbremsen“, klagt Herma Alberts.

Die Fußgängerüberwege scheinen tatsächlich ein neuralgischer Punkt zu sein. Darauf deutet die Reaktion eines Autofahrers hin, der sich lautstark über Fußgänger ärgert, die einfach loslaufen, ohne sich vorher umzusehen. Gegenseitige Rücksichtnahme scheinen viele Verkehrsteilnehmer zunächst noch lernen zu müssen.

Weniger Lärm und bessere Luft

Brenzlige Situationen beobachtet auch Thomas Diepenbroek fast täglich. Er ist Mitarbeiter des Telekom-Shops an der Neutorstraße, der direkt an einem Fußgängerweg liegt. Dennoch ist der 56-Jährige komplett überzeugt, dass die Stadt den richtigen Weg eingeschlagen hat. „Ich bin aber erst zu 50 Prozent zufrieden“, sagt der 55-Jährige. Zu 100 Prozent wäre er es, „wenn die Neutorstraße ganz dicht gemacht werden würde“.

Telekom-Mitarbeiter Thomas Diepenbroek plädiert für eine komplette Sperrung der Neutorstaße.
Telekom-Mitarbeiter Thomas Diepenbroek plädiert für eine komplette Sperrung der Neutorstaße.

Die positiven Effekte der Verkehrsberuhigung spüren Diepenbroek ebenso wie seine Kolleginnen und Kollegen schon jetzt jeden Tag hautnah, zumal die Türen des Ladens häufig offen stehen. Der Lärm habe sich deutlich verringert und die Luft sei durch weniger Abgase deutlich besser geworden. Diepenbroek ist der Ansicht, dass angesichts eines „so guten Autobahnrings um die Stadt kein Durchgangsverkehr durch die Innenstadt nötig ist“. Nach seinen Beobachtungen macht der aber immer noch einen Großteils des Verkehrs in der Neutorstraße aus.

„Das Leben wirkt entspannter“

Einen Steinwurf vom Telekom-Shop entfernt betreibt Enno Möller das Nachhilfeinstitut „Schulschiff“. Er begrüße „prinzipiell jede Form von Verkehrsberuhigung in der Neutorstraße“, sagt er. Es gebe deutlich weniger Lärm, das Innenstadtleben wirke „sehr viel entspannter“ und der Verkehr sei für seine Schülerinnen und Schüler sicherer.

Als Privatmann verspüre er keine Einschränkungen. „Die meisten Wege in Emden erledige ich sowieso mit dem Fahrrad“, so Möller. Dennoch meint er, dass alle Planungen berücksichtigten müssen, „dass es nicht wieder zu horrenden Rückstaus wie im Herbst kommen darf“. Mobilität gehöre einfach auch zu einer Stadt.

Zweifel an einer Ideallösung

Diesen Satz würde wohl auch Heiko Bockstiegel wohl unterschreiben. Der Inhaber des gleichnamigen Schuhhauses an der Neutorstraße bemängelt, dass die Stadt das Pferd von hinten aufzäumt. „Es hätten zuerst neue Parkhäuser gebaut werden müssen, bevor man Straßen schließt “, sagt der Einzelhändler.

"Das Pferd von hinten aufgezäumt" - Schuhhändler Heiko Bockstiegel ist nicht zufrieden mit der Situation in der Innenstadt.
"Das Pferd von hinten aufgezäumt" - Schuhhändler Heiko Bockstiegel ist nicht zufrieden mit der Situation in der Innenstadt.

Sein Wunsch wäre es gewesen, wenn die frei gewordene Fahrspur in der Neutorstraße für Kurzeitparkplätze genutzt worden wäre, um schnell mal etwas in der Stadt erledigen zu können. Die neuen Fahrradspuren hält er für zu breit: „So viele Radfahrer, die darauf passen, habe ich in der Neutorstraße noch nie gesehen“.

Die Stadt hätte schon viel früher Mut zu Veränderungen haben müssen, meint Walter Dwillies.
Die Stadt hätte schon viel früher Mut zu Veränderungen haben müssen, meint Walter Dwillies.

Ganz anderer Auffassung ist Walter Dwillies. „Ich hätte es gut gefunden, wenn die Neutorstraße schon bei den Planungen vor 30 Jahren einfach dicht gemacht worden wäre,“, sagt der 66-Jährige und verweist auf das Beispiel der Stadt Oldenburg. In Emden habe aber bislang „der Mut gefehlt, in der Innenstadt einen Rundumschlag zu machen“. Das sei zwar „ein heißes Eisen“, man müsse das aber in einem größeren Kontext sehen. Gleichwohl ist Dwillies überzeugt davon, dass es keine Ideallösung gibt die allen Interessen gerecht wird. Und mit dieser Meinung dürfte der Rentner nicht allein stehen.

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