Melbourne
Einreise-Farce um Tennisstar Djokovic: Ein Topstar in Isolation
Dem Tennisstar Novak Djokovic wird am Flughafen von Melbourne die Einreise verweigert. Nun ist der Serbe in Isolation und geht juristisch gegen die Ausreiseverpflichtung vor.
Die letzten Vorbereitungstage auf die Australian Open verbringt Novak Djokovic gewöhnlich in einer der Fünf-Sterne-Luxusherbergen in Melbourne. Seine neueste Bleibe in der Grand Slam-Stadt ist etwas weniger komfortabel, das Park Hotel in Melbournes Stadtteil Carlton ist zum schmucklosen Quarantänehotel und Internierungslager umgerüstet worden, festgehaltene Asylbewerber wohnen hier teilweise schon seit vielen Monaten.
Auch Djokovic ist in diesen Tagen ein Internierter. Einer, der mit allen möglichen juristischen Mitteln gegen die Verwehrung eines Aufenthaltsvisums und seine unmittelbare Ausweisung ankämpft und erst einmal bis zum Montag im Land bleiben darf - dann soll endgültig vor Gericht über seinen Fall entschieden werden.
Djokovic inzwischen Spottobjekt
Es ist so weit gekommen mit dem weltbesten Tennisspieler, mit dem 20-maligen Grand Slam-Gewinner, mit dem neunmaligen Melbourne-König: Buchstäblich gefangen nach der letzten Eskapade in seinen ganz persönlichen Corona-Irrungen und -Wirrungen, verstrickt in einen erbitterten Rechtsstreit mit den australischen Behörden, inzwischen das Spottobjekt rund um den Globus. Und sogar die Hauptfigur in einer Staatsaffäre zwischen Australien und seinem Heimatland Serbien, das gegen die Behandlung des Superstars protestierte, der am Mittwoch rund zehn Stunden am Flughafen wegen seines mangelhaften Visums festgesetzt war und getrennt von seinem Team verhört wurde.
Vor anderthalb Jahren hatte Djokovic in einem ziemlich provokanten Akt, direkt vor den US Open 2020, eine neue Spielergewerkschaft gegründet und sich gleich zum provisorischen Co-Präsidenten ernannt. Er wolle für mehr Gerechtigkeit, Solidarität, mehr mediale Beachtung und auch eine bessere Bezahlung seiner Kollegen streiten, sagte Djokovic damals. Doch nun blickte der Rest der Tenniskarawane eher pikiert auf diesen Anführer, der ihnen mit der Einreiseposse die Schlagzeilen klaute und, wie ein Top Ten-Spieler bemerkte, „kein gutes Bild von unserem Sport lieferte.“
Nicht nur der Tennisstar hat Fehler gemacht
Tatsächlich wird ja Down Under längst Tennis vor den Australian Open gespielt, während Djokovic sich seine bizarren Scharmützel mit allen möglichen australischen Autoritäten lieferte. Einer seiner großen Gegenspieler, der spanische Matador Rafael Nadal, verbrachte beispielsweise einen recht entspannten Donnerstag in Melbourne, er siegte bei einem Vorbereitungsturnier und gab anschließend zu Protokoll: „Wenn er wollte, würde er hier ohne Probleme in Australien spielen. Er hat seine eigene Entscheidung getroffen. Jeder ist frei, seine eigene Entscheidung zu treffen, aber das hat Konsequenzen, oder? Die Welt hat schon genug gelitten. Lasst Euch impfen.“
In der Affäre Djokovic sind viele Fehler gemacht worden, keineswegs nur von der Hauptfigur dieses Dramas. Der 34-jährige Serbe hätte mutmaßlich nie ein Visa bekommen dürfen, denn er erfüllte ein wesentliches Kriterium für eine Ausnahmegenehmigung nicht - nämlich die doppelte Impfung auch nach einer in den letzten sechs Monaten überstandenen Infektion mit dem Virus. Allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz liegt der Verdacht nahe, dass Djokovics Start um jeden Preis ermöglicht werden sollte und dass seine Anonymität im Prüfverfahren um eine Ausnahmegenehmigung doch nicht wirklich gewährleistet war.
Tweet hat Farce möglicherweise in Gang gesetzt
In den Zeiten von Corona war Djokovic zwar einer der schlagkräftigsten Akteure im Tennisbetrieb, im vergangenen Jahr gewann er drei von vier Grand Slam-Titeln. Zugleich war er aber nie ein Gewinner wie andere Superstars, die sich teils an die Spitze der Impfkampagne stellten und verstanden, wie privilegiert sie mit ihrer ungehinderten Reisetätigkeit in der Krise waren. Djokovic aber redete Verschwörungstheoretikern das Wort, er tat auch kund, dass er seit Jahren keine Zeitungen mehr lese und Nachrichten verfolge, weil nur Propaganda verbreitet werde, „die den Eliten passt.“
Dass er am Dienstag in einem Tweet erklärte, er habe eine fantastische Zeit über die Feiertage daheim verbracht und reise nun beschwingt mit einer Ausnahmegenehmigung nach Australien, setzte seinen Kalamitäten im Corona-Zeitalter die Krone auf. Australische Medien spekulieren, erst diese unsensibel daherkommende Botschaft habe den Kreislauf von Ereignissen in Gang gesetzt, an deren Ende Djokovic im Quarantäne-Hotel in Carlton festsaß - traurige Figur in einem Machtkampf zwischen Bundesstaat und Bundesland Victoria. Dass sich Australiens umstrittener Premierminister Scott Morrison mit seiner harten Haltung in der Djokovic-Affäre auch Pluspunkte im politischen Wahlkampf verspricht, ist ja einer der vielen Aspekte dieses spektakulären Showdowns.
Djokovics Vater vergleicht Sohn mit Jesus Christus
Der Vater des an der Einreise nach Australien gehinderten Tennisstars Novak Djokovic hat seinen Sohn indes mit Jesus Christus verglichen. „Jesus wurde gekreuzigt, ihm wurde alles angetan, und er ertrug es und lebt immer noch unter uns“, sagte Srdjan Djokovic am Donnerstag auf einer Pressekonferenz in Belgrad. „Jetzt versuchen sie Novak auf die gleiche Weise zu kreuzigen und ihm alles anzutun.“
An der Pressekonferenz nahmen neben dem Vater weitere Familienangehörige teil. Sie fand im Restaurant „Novak 1“ statt, das dem Tennisspieler gehört. In seinen dramatischen Wortmeldungen stilisierte Srdjan Djokovic den Sohn zum „Freiheitskämpfer“.
„Novak ist Serbien, und Serbien ist Novak“, erklärte er. „Er wird kämpfen wie wir, und wie wir Serben zusammen mit dem ganzen Balkan.“ Djokovic sei „das Licht am Ende des Tunnels“ für die „Welt der Freiheit“. Diese werde nicht vom Westen gebildet, sondern von „sieben Milliarden Menschen“, die in Osteuropa, Russland, China, Lateinamerika und Afrika leben würden.
In Australien sei Djokovic „im Gefängnis“, meinte der Senior. Man habe ihm alles abgenommen außer dem Mobiltelefon, er könne sich nicht umziehen und waschen. Er streite nicht nur für sich und Serbien, sondern führe „den Kampf von sieben Milliarden Menschen auf der Welt für Rede- und Meinungsfreiheit“.
Keine Privilegien für die Nummer eins
Djokovic hat viel Kredit verspielt, in Australien kann er auch über das Jahr 2022 nicht mehr mit viel Sympathie rechnen. Viele Berufskollegen haben sich von ihm abgewandt, sie betrachten das gegenwärtige Schauspiel in Melbourne mit Entsetzen - die Furcht vor wirtschaftlichen Auswirkungen auf den Tennissport ist groß. Und Djokovics Perspektive für die nächsten Monate ist düster, denn auch an anderen großen Schauplätzen des Wanderzirkus wird es für ihn nicht einfacher, um Spiel, Satz und Sieg anzutreten. Bei den French Open und in Wimbledon deutet sich an, dass nur geimpfte Spieler werden antreten können - Privilegien für die Nummer eins kann sich niemand erlauben.
Sollte Djokovic am Montag vor Gericht eine Niederlage kassieren, könnte ihm noch weiteres Ungemach drohen. Denn die Bundesbehörden haben die Möglichkeit, wegen eines nicht gültigen Visas ein dreijähriges Einreiseverbot für Australien auszusprechen. Ein Regierungssprecher erklärte, darüber werde entschieden, wenn das Gericht am Montag gesprochen hat - im Fall Novak Djokovic gegen den australischen Grenzschutz.