Kolumne: Intern
Nur Ostfriesen schreiben für die Ostfriesen?
Die Ostfriesen sind ein einzigartiges Volk. Davon zeugen nicht nur der weite Blick und die für Außerfriesen seltsamen Vornamen. Aber: Dürfen auch Nicht-Ostfriesen für Ostfriesen Journalismus machen?
Erst neulich schrieb mir ein Leser, dass ich nach lediglich drei Jahren in Ostfriesland ja überhaupt keine Ahnung haben könne, wie die Ostfriesen so ticken. Dieser Vorwurf, als nicht hier Geborener nicht Zeitung machen zu dürfen für die hier lebende Urbevölkerung, kam nicht zum ersten Mal, und er ist mir auch nicht neu.
Als ich 1997 Lokalchef in Oberbayern, beim Tölzer Kurier, wurde, hörte ich Ähnliches, dabei war ich mehr als 20 Jahre vorher als Kind von Lüneburg nach Bad Tölz gezogen. Jahre später dann, beim Nordbayerischen Kurier in Bayreuth, grummelte es ähnlich, mit einem anderen Unterton allerdings. Denn viele Oberfranken konnten sich nicht vorstellen, warum ein Oberbayer bei Ihnen arbeiten will. Sei‘s drum, die Frage ist trotzdem interessant: Können oder sollten nur Ostfriesen für und über Ostfriesen schreiben?
Zur Person
Joachim Braun (56) ist Chefredakteur der Ostfriesen-Zeitung, des General-Anzeiger und der Borkumer Zeitung. Davor leitete er die Redaktionen der Frankfurter Neuen Presse und des Nordbayerischen Kurier in Bayreuth. 2012 wurde er von einer Fachjury zu Deutschlands „Regional-Chefredakteur des Jahres“gewählt.
Ich glaube: Nein! Warum? Die Kriterien für guten Journalismus sind überall gleich, egal ob man in Lindau, Landau oder Leer Zeitung macht. Stichworte sind Leserperspektive, Nutzwert, kritische Distanz, Aktualität, Überraschung, Unterhaltung und Hintergründigkeit. Dass die Ostfriesen stolz und einzigartig sind, widerspricht der Universalität solcher Qualitätskriterien keinesfalls.
Natürlich hat es Vorteile, viele Jahre in Ostfriesland tätig zu sein. Man kennt die Hintergründe, kann Zusammenhänge besser beurteilen, und hat ein Netzwerk an Informanten. Dazu muss man aber nicht in Ostfriesland geboren sein.
Die große Heimatverbundenheit des Ostfriesen spiegelt sich aber tatsächlich auch in der Redaktion nieder. Hier geborene Journalisten sind deutlich in der Mehrheit, die meisten haben ihr ganzes Berufsleben bei ihrer Zeitung verbracht. Das hat, wie dargestellt, Vorteile, aber auch Nachteile. Einer davon ist, dass auf Dauer Distanz verloren gehen kann, dadurch, dass der Journalist Teil des Systems wird. Ein anderer ist, dass anderswo anders gearbeitet wird und dadurch neue Impulse eingebracht werden können. Es ist wie so oft im Leben: Die Mischung macht‘s.
Kontakt: j.braun@zgo.de