Osnabrück
So wird das Kunstjahr 2022: Documenta geht mit neuem Konzept voran
Die Kunst startet voll durch – gerade im neuen Jahr 2022. Was kann Kunst für und in der Gesellschaft leisten? 2022 wird das Königsformat der Kunst darauf neue Antworten geben: die Documenta.
Was erwartet die Besucher in den Ausstellungshäusern 2022? Hier der Überblick über die Highlights - von der weltberühmten Documenta bis hin zu den Kunsthäusern im Norden:
Documenta 15 in Kassel: 2017 verschob Kurator Adam Szymczyk die Koordinaten der Weltkunstschau, als er neben Kassel Griechenlands Hauptstadt Athen als zweiten Ausstellungsort etablierte. 2022 weitet sich der Horizont noch einmal mehr. Mit Ruangrupa verantwortet eine indonesische Künstlergruppe aus Jakarta die neue Documenta (18. Juni bis 25. September 2022). Und sie setzt Zeichen. Ruangrupa veröffentlichte die Künstlerliste in einer Obdachlosenzeitung, brach damit mit einem Ritual der Documenta-Geschichte. Die Gruppe lud vor allem Künstlerkollektive und soziale Initiativen ein. Statt der Kunststars gibt es einen magischen Begriff: Lumbung. Das indonesische Wort für die gemeinschaftlich genutzte Reisscheune zeigt, was Kunst bei dieser Documenta sein soll: soziales Projekt einer neuen Nachhaltigkeit. Kassel wird auf jeden Fall profitieren. Ruangrupa etabliert vernachlässigte Stadtquartiere als Ausstellungsorte, Areale, die auch nach der Documenta Aktivposten der Stadtentwicklung sein sollen.
Biennale von Venedig: Auf der alle zwei Jahre stattfindenden Biennale von Venedig (23. April bis 27. November) wird Yilmaz Dziewior, Direktor des Kölner Museum Ludwig, den Deutschen Pavillon verantworten. Er hat die deutsche Künstlerin Maria Eichhorn eingeladen, den künstlerischen Beitrag zu gestalten. Die Künstlerin folgt auf Namen wie Gerhard Richter (1972), Joseph Beuys (1976), Hans Haacke (1993), Rosemarie Trockel (1999), Isa Genzken (2007) oder Christoph Schlingensief (2011). Mehrfach gab es für die Arbeiten aus Deutschland den Goldenen Löwen, zuletzt 2017 für Anne Imhof. Eichhorn hat zuletzt auf der Documenta von 2017 Fragen nach jüdischen Vorbesitzern von Kulturgütern gestellt. Sie nimmt auch den Kapitalismus und die Rolle des Geldes kritisch unter die Lupe. Von ihr ist ein unbedingt spannender, weil gesellschaftskritischer Beitrag zu erwarten - und vielleicht wieder ein Goldener Löwe für den Deutschen Pavillon.
Durchatmen im Norden: Museen im Norden Deutschlands machen 2022 zum Jahr der großen Themen. Kunst trifft Thema: Nach diesem Prinzip lädt die Kunsthalle Hamburg zu der Ausstellung „Atmen“ (30. September 2022 bis 15. Januar 2023). In einer Folge von Präsentationen zu Grenzthemen wie „Trauern“ und „Warten“ fragen die Kuratoren jetzt nach dem Atmen, gerade in Zeiten der Klimakrise. Was geschieht, wenn wie Luft holen und durchatmen wollen? Dazu gibt es Kunst von El Greco bis Black Life Matter. Unter dem Titel „Sunset“ (26. November 2022 bis 2. April 2023) versammelt die Kunsthalle Bremen wunderschöne Sonnenuntergänge von Caspar David Friedrich bis Emil Nolde. Einfach mal schwelgen im letzten Sonnenlicht - in Bremen wird das zu wahrscheinlich atemberaubenden Erlebnis. Die Kunsthalle Emden entfaltet schließlich den „Mythos Wald“ (25. Juni bis 31. Oktober 2022). Das romantische Walderlebnis trifft hier auf die Klimakrise und all jene Reflexionen, die Künstler dem Wald gewidmet haben, von Gabriele Münter bis zur Gegenwart. Atmen, Sonne, Wald - die Kunsthäuser im Norden nehmen ihre Besucher mit zu existenziellen Erfahrungen. Vielversprechend.
Zwei Geheimtipps: Welche Ausstellungen könnten die Geheimtipps der Saison 2022 sein? Hier zwei Vorschläge: Das Osnabrücker Museumsquartier beschäftigt sich mit der „Blue Jeans“ (10. April bis 10. Juli 2022) als Kultgegenstand und Konsumware. Mit Kunst und Alltagserfahrungen soll die Jeans als Objekt der Alltagskultur umfassend aufgeschlüsselt werden - ein Thema, zu dem wirklich Jeder etwas zu sagen hat. Das Haus zeigt unter anderem Kunst von Andy Warhol zum Thema. Schön auch das Thema, das das Landesmuseum Schloss Gottorf in Schleswig präsentiert: Unter dem Titel „Tierisch schön“ (5. Mai bis 30. Oktober 2022) zeigt das Haus Kunst zum Thema Tier, natürlich mit klassischen Positionen von Franz Marc und Marc Chagall. Wundervoll!
Drei Kunstmetropolen: Was tut sich in Kunstmetropolen 2022 nördlich der Mainlinie? Düsseldorfs Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen beschäftigt sich unter dem Titel „Die Sammlung. Befragen und Weiterdenken“ das ganze Jahr über mit der eigenen Kollektion, die Gründungsdirektor Werner Schmalenbach einst als Galerie der Meisterwerke zusammengestellt hatte. Aus heutiger Sicht wird nun nach verdeckten Aspekten der Sammlung gefragt, nach Kolonialismus und der Stellung der Frau im Kunstkanon: Präsentationen, die nachdenklich machen. Das Kölner Museum Ludwig erinnert an den Designklassiker Isamo Noguchi (26. März bis 31. Juli 2022), dessen Couchtisch noch heute produziert wird, und fragt unter dem Titel „Grüne Moderne“ nach der Sicht avantgardistischer Künstler auf Pflanzen (17. September 2022 bis 15. Januar 2023). Das Frankfurter Städel wartet schließlich mit bester Qualität auf. Unter dem Titel „Renoir. Rococo Revival“ (2. März bis 19. Juni 2022) setzt das Haus den Impressionismus mit der Kunst des 18. Jahrhunderts in Beziehung. Allein die Idee ist einfach hinreißend. Top-Tipp!