Verkehr

Emden: Neutorstraße für Autos in umgekehrter Richtung frei

Heiko Müller
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Von Heiko Müller
| 05.01.2022 17:55 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Letzte Arbeiten vor der Freigabe: Bauleiter Andreas Altergott von der Markierungsfirma beseitigte alte Leitlinien. Foto: H. Müller
Letzte Arbeiten vor der Freigabe: Bauleiter Andreas Altergott von der Markierungsfirma beseitigte alte Leitlinien. Foto: H. Müller
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Nach mehrtägigen Markierungsarbeiten auf der Neutorstraße in Emden hat die Stadt die Fahrspur für Autos am Mittwoch wieder freigegeben - jetzt rollt der Verkehr aber in entgegengesetzter Richtung.

Emden - „Szenario 2“ nennt die Stadt das, was die seit Monaten andauernde Diskussion um die Verkehrsführung im Zentrum von Emden in den nächsten Wochen befeuern wird. Mit Zustimmung der Politik hat die Stadtverwaltung am Dienstag die nächste Stufe des nach wie vor vor umstrittenen Modellversuchs für eine autoarme City eingeleitet.

Was und warum

Darum geht es: Das nach wie vor umstrittene Verkehrsexperiment in der Emder Innenstadt ist in die nächste Phase gegangen.

Vor allem interessant für: Verkehrsteilnehmer, Anlieger und Nutzer der Emder Innenstadt sowie Stadtplaner und Gewerbetreibende, die den Verlauf der angestrebten Verkehrswende in Ostfrieslands größter Stadt verfolgen.

Deshalb berichten wir: Die Stadt hat am Mittwoch die zweite Stufe des Modellversuchs zur Beruhigung des Verkehrs in der Innenstadt gezündet. Wir erklären, was sie bedeutet.

Den Autor erreichen Sie unter: h.mueller@zgo.de

Nach mehrtägiger Sperrung gab die Stadt gegen 16 Uhr die Neutorstraße im Abschnitt zwischen Rathausplatz und der Agterum-Kreuzung wieder für den Kraftverkehr frei. Autofahrerinnen und Autofahrer müssen sich zunächst wieder an eine veränderte Situation gewöhnen und sich neue Wege suchen. Sie können die Neutorstraße im Zentrum zwar weiterhin nur in eine Richtung befahren, allerdings jetzt von Süden nach Norden, also vom Knotenpunkt Agterum kommend in Richtung Rathaus.

Zeitpunkt für den Start klug gewählt

Etwa zwei Jahre lang war der Autoverkehr auf diesem Abschnitt der Neutorstraßei nur in genau entgegengesetzter Richtung gerollt. Grund dafür war zunächst die Baustelle der im vergangenen Sommer fertiggestellten Neutor-Arkaden. Nahtlos daran an schloss die erste Stufe des von Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos) initiierten und forcierten Modellversuchs zur Beruhigung des Verkehrs in der Innenstadt. Sie löste eine heftige und kontroverse Debatte aus, die bis heute andauert und mit dem sogenannten Szenario 2 weiteren Zündstoff erhalten könnte.

Den Zeitpunkt zum Start der zweiten Phase haben die Verantwortlichen im Rathaus klug gewählt. Denn in der ersten Woche des neuen Jahres herrscht nicht viel Verkehr im Stadtzentrum, zumal noch Weihnachtsferien sind und die Produktion im Volkswagenwerk gegenwärtig weitgehend ruht. Die Vollsperrung der Neutorstraße in der ersten Wochenhälfte führte deshalb zu keinen größeren Problemen oder Staus. Das bestätigt Frauke Bruhns. „Uns ist nichts gemeldet worden“, sagte die Sprecherin der Polizeiinspektion Leer/Emden dieser Zeitung auf Nachfrage.

Fahrspur verläuft in der Mitte

Drei Mitarbeiter einer Fachfirma aus Großenkneten waren seit dem vergangenen Montag mit Markierungsarbeiten für die neue Verkehrsführung auf der Neutorstraße beschäftigt. Sie brachten unter anderem neue Leitlinien, Piktogramme für die Radfahrstreifen sowie Richtungspfeile auf und entfernten die nicht mehr gültigen Markierungen und Schwellen. Das schlechte Wetter in den vergangenen Tagen verzögerte die Arbeiten leicht. „Es war streckenweise zu nass“, sagte Bauleiter Andreas Altergott vom Markierungsbetrieb E. V. Altergott dieser Zeitung.

Diese Visualisierung des sogenannten Szenerios 2 zeigt, wie der Verkehr auf der Neutorstraße seit diesem Mittwoch läuft. Grafik: Stadt Emden
Diese Visualisierung des sogenannten Szenerios 2 zeigt, wie der Verkehr auf der Neutorstraße seit diesem Mittwoch läuft. Grafik: Stadt Emden

Die Fahrspur für Kraftfahrzeuge verläuft jetzt in der Mitte der Straße. An beiden Seiten davon sind breite Radwege ausgewiesen. Nach wie vor gilt, dass Autos dort maximal mit Tempo 30 fahren dürfen und Fußgänger auf den gekennzeichneten Überwegen in Höhe von Zwischen beiden Sielen und der Osterstraße Vorrang vor dem fließenden Verkehr haben. Die Fußgängerampeln an beiden Überwegen bleiben ausgeschaltet.

Das ändert sich auf den Nebenstraßen

Schilder in den angrenzenden Straße weisen auf die geänderte Verkehrssituation hin. Die Geradeausspur der Faldernstraße ist jetzt blockiert. Autofahrer, die aus der Straße Am Delft kommen, können jetzt am Rathausplatz nur noch nach rechts in die Faldernstraße abbiegen. Hingegen können Kraftfahrzeuge aus der Straße Agterum kommend wieder nach rechts in die Neutorstraße abbiegen.

Anlieger der Friedrich-Ebert-Straße und der Nordertorstraße – diese Straßenzüge dienen als beliebte innerstädtischen Ausweichstrecke – wollen die zweite Stufe des Verkehrsexperiments zunächst aufmerksam beobachten. Sie befürchten eine Überlastung dieser Nebenstraßen, wollen sich aber konstruktiv in die Diskussion einbringen. Ihre Sprecherin Frauke Koppaetzky kündigte für Ende Januar ein weiteres Treffen von Anliegern an. „Dann werden wir sehen, wie es weitergeht“, sagte sie dieser Zeitung. Um die Initiatorin hat sich mittlerweile eine Gruppe von acht Leuten gebildet, die aktiv mitarbeiten.

Stadt wirbt offensiv für ihre Ziele

Spätestens vom Mai dieses Jahres an will die Stadt auf der Neutorstraße noch einen Schritt weitergehen. Dann soll es keine gesonderten Fahrradstreifen mehr für den Radverkehr geben. Alle Verkehrsteilnehmer sollen sich dann den Raum gleichberechtigt teilen. Shared Space (zu deutsch etwa: gemeinschaftlicher genutzter Raum) heißt dieses Planungskonzept, mit dem der Straßenraum lebenswerter, sicherer sowie im Verkehrsfluss verbessert werden soll. Charakteristisch dabei ist, das Verkehrszeichen, Ampelanlagen und Fahrbahnmarkierungen fehlen und die Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt sind.

Die Stadt wirbt mittlerweile offensiver für ihre Ziele: „Wir ändern nicht nur die Fahrtrichtung - wir steuern in Richtung Zukunft!“ steht auf großflächigen Transparenten, die unter anderem am Stadtgarten aufgestellt wurden.

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