Osnabrück

Fünf Jahre Elbphilharmonie: Millionengrab wird Hamburgs Lieblingskind

Ralf Döring
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Von Ralf Döring
| 05.01.2022 14:52 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Geburtstagskind: Am 11. Januar jährt sich die Eröffnung der Elbphilharmonie zum 5. Mal. Foto: Axel Heimken/dpa
Geburtstagskind: Am 11. Januar jährt sich die Eröffnung der Elbphilharmonie zum 5. Mal. Foto: Axel Heimken/dpa
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Seit ihrer Eröffnung vor fünf Jahren zählt die Elbphilharmonie zu den wichtigsten Spielstätten des internationalen Musikbetriebs. Aber sind die holprige Baugeschichte und die Kostenexplosion schon vergessen?

Corona macht vor nichts und niemand halt, auch nicht vor einem kulturellen Flaggschiff wie der Elbphilharmonie. Das Virus hat die gesamte Kulturbranche ausgebremst und damit auch das Hamburger Konzerthaus. Andernfalls hätte man sicher sagen können: Wer jetzt, nach fünf Jahren, noch nicht dort war, hat nicht ernsthaft versucht, an Tickets zu kommen.

Nach der Eröffnung, die sich am 11. Januar zum fünften Mal jährt, war das anders. Schnell war die Plaza, die Plattform auf dem Speichergebäude, über der sich das Konzerthaus erhebt, zum Touristenmagneten geworden. Und egal, wer im großen oder kleinen Saal spielte: Das Haus war ausverkauft; an Tickets zu kommen glich dem Versuch, den Jackpot einer Lotterie zu knacken, nur mit geringeren Chancen. Vergessen war die Geschichte um Baustopps und Verzögerungen, um Streit und Profilierungssucht, vergessen waren die Baukosten, die sich nach naiven 80 Millionen zu Beginn des Projekts auf satte 800 Millionen Euro ausgewachsen hatten - zumindest in Hamburg.

Mahnendes Beispiel, wie's nicht gehen sollte

Im Rest der Republik dient die Elbphilharmonie als mahnendes Beispiel, wie öffentliche Baumaßnahmen nicht laufen sollten, und manchmal dient sie als Argument, um alle Ambitionen im Keim zu ersticken. In Hamburg selbst hat man das hinter sich gelassen: Seit 11. Januar 2017 wollen die Menschen nicht nur die markante Welle auf der Spitze des Kais A sehen, sondern den Bau der Schweizer Architekten Herzog & de Meuron von innen, mit Augen und Ohren erleben.

Deshalb war es in den ersten beiden Spielzeiten egal, was auf dem Programm stand. Selbst die musikalische Avantgarde entwickelte sich zum Kassenknüller, Jazz sowieso, und vermutlich wäre das Haus auch ausverkauft gewesen, wenn Intendant Christoph Lieben-Seutter den Putzplan verlesen oder eine Thekenkraft auf der Bühne die Kasse gemacht hätten. Die „Elphi“ - eine Kosename, den Kenner mit indigniert gekräuselter Nase quittieren - war nicht nur das neue Wahrzeichen der stolzen Hansestadt Hamburg geworden, sondern der neue Star am Klassikhimmel.

Mit der Drohne durch die Elbphilharmonie:

Die Kehrseite des ungebremsten Hypes: Es konnte passieren, dass Künstler nach der Pause vor halbleerem Saal spielten. Am schlimmsten traf es den Jazzpianisten Vijay Iyer, bei dem an die 600 Gäste während des Konzerts den Saal verlassen haben. Während!

Aber so ist das eben, wenn die Hülle wichtiger wird als der Inhalt. Mit der Zeit hat sich das Problem mit den Saaltouristen gelegt, weil die Leute Konzerte gezielt auswählen. Das sagt ein Konzertveranstalter, der einen großen Teil des Spielplans verantwortet. Es kehrt Realität ein - schlechte Auslastung muss Lieben-Seutter trotzdem nicht fürchten.

Wie klingt die Elbphilharmonie?

Überhaupt muss der Hamburger Generalintendant wenig fürchten, von Pandemien mal abgesehen. Klar formulierte sich gerade in den ersten Monaten Kritik am Prachtbau: Von zu wenig Damentoiletten war die Rede und von beschwerlichen Wegen durch das vielgeschossige Haus gerade fürs ältere Publikum - steife Brisen wehten Lieben-Seutter da entgegen. Aber wer einem derart mit Geld vollgepumpten und mit Erwartungen aufgeladenen Prachtbau vorsteht, muss das aushalten. Weitaus problematischer stellte sich die Akustik des Hauses dar. Zumindest für manche Gäste.

Blick zurück: Lichtprojektion zu Beethovens „Ode an die Freude“:

Wie klingt die Elbphilharmonie? Die Frage stellte sich jeder, der etwas mit Musik und Konzertleben am Hut hat. Die Antwort blieb bis zur Eröffnung das am besten gehütete Geheimnis der Musikwelt. Nicht einmal berufene Insider, die den Bau vom ersten Ziegel an begleitet hatten, durften miterleben, wie das NDR Elbphilharmonie Orchester die ersten Proben im Großen Saal abhielt. Was nach draußen drang, waren ein großes Versprechen: hervorragender Klang an jedem der 2100 Plätze. Bei der Eröffnung stellte sich dann aber doch heraus, was physikalisch kaum anders möglich ist: Wer in dem hoch ansteigenden Rund des Großen Saals beim Orchesterkonzert neben den Hörnern oder direkt hinterm Schlagwerk sitzt, hört vor allem Hörner respektive Schlagwerk. Das kann nicht einmal die schrundige Weiße Haut, verhindern, mit der Star-Akustiker Yasuhisa Toyota die Wände des Großen Saals ausgekleidet hat. Die Elbphilharmonie - eine 800 Millionen Euro teure klangliche Katastrophe?

Nein. Aber der Raum hat seine Tücken. Die hochauflösende Akustik offenbart schonungslos jeden wackligen Einsatz, jeden schiefen Ton, jede Trübung im Fluss der Töne und trägt die Makel von der Bühne aus rund dreißig Meter hoch bis in die obersten Sitzreihen auf Etage 16. Umgekehrt sind die Räusperer und Huster des Publikums genauso präsent; deshalb drehte sich Riccardo Muti bei seinem Debüt in der Elbphilharmonie mit dem Chicago Symphony Orchestra erstaunt um, als er zwischen zwei Sätzen die Husten-Symphonie des Publikums hörte.

Trotzdem dirigierte er die besten Konzerte der Eröffnungswoche, und das, obwohl - oder weil? - sein Orchester quasi aus dem Tourbus auf die Bühne ging. Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass längst nicht alle Künstler mit Saal zurechtkommen, Tenor Jonas Kaufmann zum Beispiel. Auch hält sich hartnäckig die Mär, der Raum klinge zu kühl, zu trocken. Doch wenn Künstler sich wohlfühlen, entstehen berauschende Musikerlebnisse. Dann umfängt einen der Saal mit Klang, löst einen aus Raum und Zeit. Dann wird die Elbphilharmonie zur Raumkapsel, manche sprechen gar von der Gebärmutter, in der nur noch Musik existiert.

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Deshalb gibt es Künstler, die die Elbphilharmonie lieben und immer wieder besuchen: Der Pianist Igor Levit, der Dirigent Teodor Currentzis, die großen und wichtigen Orchester und Kammermusikensembles der Musikwelt, die NDR Bigband. In kleinen Festivals konfrontiert Lieben-Seutter sein Publikum mit Avantgarde, mit Jazz, mit Experimenten. Deshalb ist das Gastspiel der „Einstürzenden Neubauten“ kurz nach der Eröffnung mehr als nur eine Pointe nach einer nicht enden wollenden Bauzeit, sondern vor allem eine programmatische Setzung.

Die Elbphilharmonie bewahrt nicht wie Wagners Riesenwurm Fafner den großen Schatz der klassischen Musiktradition, sondern sie dreht mit am Rad der Musikgeschichte. Neue Musik hat deshalb ihren festen Platz, ebenso Jazz, Pop und experimentelle Musik; das Reeperbahn Festival bringt Indie-Rock in den Klassiktempel, und das alles gern dargeboten in neuen Konzertformaten nach dem Motto, erst Beethoven, dann Party. Das holt Publikum ins Haus, das sich bisher nicht über die Schwelle eines Konzertsaals getraut haben, und das holt die maßgeblichen Künstler der unterschiedlichsten Musikwelten auf die Bühne. Klar machen das die Konzerthäuser in Berlin, Dortmund, Baden Baden und München auch. Aber die müssen sie sich mehr anstrengen, denn seit 2017 ist Hamburg dank der Elbphilharmonie zu einer maßgeblichen Station der Musikwelt aufgestiegen.

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