Berlin

Long-Covid: Könnte ein Blutreinigungsverfahren helfen?

Jan-Malte Wortmann
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Von Jan-Malte Wortmann
| 05.01.2022 13:42 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Anhaltende Erschöpfung und Konzentrationsschwierigkeiten gehören zu den häufigsten Long-Covid-Symptomen. Foto: imago images/Vladimir Godnik
Anhaltende Erschöpfung und Konzentrationsschwierigkeiten gehören zu den häufigsten Long-Covid-Symptomen. Foto: imago images/Vladimir Godnik
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Viele Menschen, die an Covid-19 erkrankt waren, leiden noch Wochen oder Monate an Spätfolgen – Long-Covid genannt. Verschiedenen Berichten zufolge soll ein Blutreinigungsverfahren helfen können. Doch stimmt das wirklich?

Viele Menschen, die an Covid-19 erkrankt waren, können nach der Genesung noch lange nicht aufatmen: Sie leiden unter verschiedensten Langzeitfolgen, oft noch Wochen oder Monate nach der Infektion. Diese Symptome werden Long-Covid oder auch Post-Covid genannt. Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) sprechen Mediziner von Long-Covid bei Symptomen, die vier bis zwölf Wochen nach der Infektion auftreten. Bei Langzeitfolgen, die noch länger als zwölf Wochen nach der Infektion anhalten, sprechen sie von Post-Covid.

Nach Angaben der BZgA gibt es bisher keine einheitliche Definition des Krankheitsbildes Long-Covid, da die auftretenden Symptome sehr unterschiedlich seien, einzeln oder in Kombination auftreten könnten und unterschiedlich lange andauern würden. Zu den häufigsten Langzeitfolgen, von denen Patientinnen und Patienten berichten, gehören demnach Müdigkeit, Erschöpfung, Kopfschmerzen, Atembeschwerden, Geruchs- und Geschmacksstörungen sowie Konzentrations- und Gedächtnisproblemen. Auch depressive Verstimmungen, Schlaf- und Angststörungen und sogar Haarausfall könnten auftreten.

Wer ist von Long-Covid betroffen?

Zurzeit werden sowohl in Deutschland als auch international verschiedene Studien durchgeführt, um ein besseres Verständnis von Folgeerkrankungen und Langzeitfolgen nach einer Covid-19-Infektion zu erlangen. Laut der BZgA ist bisher nicht genau klar, wie hoch der Anteil der Betroffenen ist und welche Ursachen mit Long-Covid-Symptomen im Zusammenhang stehen.

Menschen, die schwer an Corona erkranken, würden häufiger an Langzeitfolgen leiden als Infizierte mit einem milden Verlauf. Auch ein hohes Alter, starkes Übergewicht oder Vorerkrankungen der Lunge oder des Herzens seien Risikofaktoren. Allerdings könnten auch junge, gesunde Menschen oder Personen, die nur leicht an Covid-19 erkrankt waren, Long-Covid-Symptome entwickeln. 

Verschiedenen Schätzungen zufolge leiden zwei bis 20 Prozent der an Corona erkrankten Erwachsenen noch nach zwölf Wochen oder mehr an Beschwerden. Unter denjenigen, die wegen Corona im Krankenhaus behandelt werden mussten, hätten sogar 76 Prozent noch Symptome nach über sechs Monaten.

Auch milder Verlauf kann Organe schädigen

Dass ein milder Verlauf einer Covid-19-Erkrankung ebenfalls zu Langzeitfolgen führen kann, zeigt auch eine aktuelle Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Die Wissenschaftler berichteten, dass ein milder oder sogar symptomfreier Verlauf einer Corona-Infektion mittelfristig die Organe schädigen kann. Besonders Herz und Lunge der Betroffenen seien betroffen, außerdem komme es häufiger zu einer Thrombose in den Beinvenen.

Ursache von Long-Covid nicht abschließend geklärt

Die „Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (DGfN)“ hat nun eine erste Stellungnahme veröffentlicht, in der sie auf mögliche Ursachen und Therapien von Long-Covid-Patienten eingeht. Demzufolge gibt es aktuell unter Medizinern verschiedene Theorien zur Entstehung von Long- oder Post-Covid. Ein möglicher Erklärungsansatz sei eine durch Autoantikörper vermittelte Autoimmunreaktion des Körpers.

Würde sich diese Annahme bestätigen, könnte sich ein Blutreinigungsverfahren in Form einer sogenannten Immunadsorption als wirksame Therapie herausstellen. Denn bei einer solchen Blutreinigung würden pathogene Bestandteile des Immunsystems, sogenannte Autoantikörper, aus dem Blut entfernt. Das Verfahren werde auch bei anderen Autoimmunerkrankungen eingesetzt.

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Erste Pilotstudie zeigt Verbesserung der Symptome

In einer ersten Pilotstudie, die im Juni 2021 in der renommierten Fachzeitschrift „Molecular Psychiatry“ veröffentlicht wurde, wurde das Verfahren der Immunadsorption zur Behandlung von Long-Covid an drei Patientinnen und Patienten getestet. Es zeigte sich, dass durch die Blutreinigung die Zahl der Autoantikörper reduziert und die Symptome verbessert wurden. Laut der DGfN gebe es auch weitere, vereinzelte Fallberichte.

Allerdings seien zum jetzigen Zeitpunkt noch keine großangelegten Beobachtungsstudien oder ausreichend randomisierte Daten vorhanden, um den flächendeckenden Einsatz von Blutreinigungsverfahren zur Behandlung von Long-Covid-Symptomen zu rechtfertigen. Schließlich sei dieses Verfahren auch sehr kostspielig. Weitere Studien seien nötig, um ausreichend Evidenz zu haben.

Nicht jedes Blutreinigungsverfahren zeigt Effekte

Die DGfN betont außerdem, dass nicht jedes Verfahren zur Blutreinigung als Therapie gegen Long-Covid eingesetzt werden könne. Einzig die sogenannte Immunadsorption, bei der Autoantikörper aus dem Blut entfernt werden, habe bisher Effekte gezeigt.

Ein anderes Blutreinigungsverfahren, die sogenannte Lipidapherese, sei bei den Langzeitfolgen einer Corona-Infektion wohl nicht wirksam. Bei diesem Verfahren würden lediglich bestimmte Blutfette, wie beispielsweise Cholesterin, aus dem Blut entfernt. Studien, die in den Fachzeitschriften „International Journal of Molecular Sciences“ und „American Journal of Cardiology“ veröffentlicht wurden, hatten positive Effekte einer Lipidapherese bei einer akuten Covid-19-Erkrankung gezeigt. Laut der DGfN würde dieses Verfahren bei Long- oder Post-Covid-Beschwerden allerdings kaum noch einen Effekt haben.

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