Berlin
Corona-Quarantäne ganz abschaffen? Das sagt Christian Drosten
Christian Drosten äußert sich im NDR-Podcast zur Debatte um eine verkürzte Corona-Quarantäne und Isolation bei Omikron. Der Virologe gibt auch eine Einschätzung, ob Boostern die Impfpflicht ersetzen kann.
Im aktuellen Corona-Podcast des NDR betont der Charité-Virologe Christian Drosten immer wieder: Zur Bekämpfung der Pandemie sei es zentral, die Impflücke in den Griff zu bekommen. Zugleich verweist Drosten auf die milderen Krankheitsverläufe der Omikron-Variante und die Wirkung der Booster-Impfung. NDR-Reporterin Beke Schulmann konfrontiert den Experten daraufhin mit einer provokativen Frage: Kann die Booster-Kampagne die Pandemie beenden - auch wenn die Impflücke sich nicht schließen lässt? Macht der dritte Piks, wenn alle schon Geimpften ihn bekommen, eine Impfpflicht überflüssig?
Booster-Kampagne statt Impfpflicht?
Drosten spielt den Gedanken durch und geht dabei von der aktuellen Impfquote aus: Zurzeit sind 71 Prozent der Deutschen doppelt geimpft. Würden diese knapp 60 Millionen Menschen nun alle noch ihren Booster erhalten, würden sie, wie Drosten annimmt, damit ihr Infektionsrisiko halbieren und würde das Virus sich mit einem geschätzten R-Wert von 3 in der Bevölkerung verbreiten - dann, so Drosten, „müssten wir zu dem Schluss kommen, dass das noch nicht so ganz ausreicht“.
Zugleich betonte der Virologe, dass die Überlegung „zu simpel“ sei. In der aktuellen Lage sei unstrittig, dass das Virus sich nicht mehr auslöschen lasse. Stattdessen werde es sich endemisch entwickeln, also zu einer wiederkehrenden saisonalen Erkrankung werden. Auf dem Weg dorthin müsse man die Krankheitsschwere in alle Überlegungen einbeziehen. Um die Krankheitslast ausreichend zu senken, so Drosten, müssten voraussichtlich sämtliche Erwachsenen grundimmunisiert und zusätzlich geboostert sein. Ein Zustand, von dem Deutschland weit entfernt ist.
Debatte um verkürzte Isolation und Quarantäne
Drosten, der auch Mitglied des Expertenrats ist, äußert sich kurz vor einer neuen Bund-Länder-Runde. Sie soll am Freitag neue Corona-Maßnahmen beschließen. Dabei geht es auch um die Frage verkürzter Quarantänezeiten. Sie könnten die kritische Infrastruktur schützen, falls in der Omikronwelle viele Arbeitskräfte ausfallen. Zu unterscheiden sind dabei die Isolation, in die sich Erkrankte begeben müssen, und die Quarantäne. Sie kann über Kontaktpersonen verhängt werden, die weder geimpft noch genesen sind.
Drosten hält eine Verkürzung in beiden Fällen für verantwortbar. Bei der Isolation von Erkrankten setzt er auf ein Modell des Freitestens: Wer nach einer symptomatischen Infektion einen oder zur Sicherheit sogar zwei negative Antigentests vorlege, den hält der Experte für einsatzbereit. Drosten: „Dann kann man davon ausgehen: Diese Person ist nicht mehr infektiös. Und zumindest mit Maske kann die dann in kritischen Bereichen arbeiten, natürlich.“
Im Fall der Quarantäne von Kontaktpersonen tendiert Drosten sogar zu einer vollständigen Aufhebung statt zu einer bloßen Verkürzung. „Die Quarantäne an sich ist keine sehr einschneidende Maßnahme“, urteilte der Experte. Er wies darauf hin, dass unter den befreiten Kontaktpersonen, „garantiert wieder welche dabei sein werden, die das Virus wieder weitergeben“. Das müsse man sich klarmachen: „Es laufen dann mehr infizierte Leute rum.“ Angesichts der weniger schweren Erkrankungen, die das Virus in der geimpften Bevölkerung auslöse, könne man das aber zulassen.
Ohnehin betonte Drosten: Die Pandemie könne inzwischen „moderiert“ werden; die Zeit einer Kontrolle nach der Methode „Riegel vor, Riegel nicht vor“ sei vorüber. Auf dem Weg in die endemische Phase gelte demnach: „Wir reißen das Tor ja nicht komplett auf. Aber wir müssen an einigen Stellen diese Tür jetzt ein bisschen weiter öffnen für das Virus und können und dürfen das auch.“ Und anders als etwa ein Verzicht auf Masken, mit dem gesellschaftlich nichts gewonnen sei, würden Korrekturen an Quarantäne- und Isolationszeiten einen hohen Nutzen bringen.