Kolumne: Alles Kultur
Proost Neeijahr!
Auf unserer Internetseite veröffentlichen wir sechs Mal pro Woche eine Kolumne. Montags geht es um Kultur.
Ich hoffe, ihr seid alle gut und mit einer großen Portion Zuversicht in dieses neue Jahr 2022 gerutscht. Ich habe zwischen den Jahren wieder die Jahresrückblicke genossen, die überall im TV liefen. Und auch wenn wir denken, dass 2021 so monothematisch durch Corona geprägt war, war ich erstaunt und auch erschrocken, wie viel Gutes, Grausames und Großes abseits der Pandemie passiert ist. Und dieses Jahr hatte einen ganz eigenen Soundtrack. Der erfolgreichste Song des Jahres 2021 war „Wellerman“ – ein Shanty, der irgendwann zwischen 1860 und 1870 in Neuseeland entstanden ist. Gesungen wurde das Lied von Nathan Evans, der einen Senkrechtstart machte als einfacher Postbüdel aus Schottland zu einem weltweiten Popstar – und das ganz ohne Plattenfirma. Die Wege sind mittlerweile andere im Musikbusiness: Evans stellte einen kurzen Clip auf der Internetplattform Tiktok ins Netz und die Welt verfiel in einen Shantyhype, bei dem sogar Santiano die Ohren schlackerten.
Zur Person
Annie Heger (38), geboren in Aurich und heute hauptsächlich in Berlin lebend, ist abgebrochene Religionslehrerin, abgebrochene Diätassistentin und geprüfte Heilpraktikerin für Psychotherapie, aber vor allem ist sie als Künstlerin bekannt. Sie singt, ist Schauspielerin und moderiert Shows, Festivals, Varietés und Galas. Außerdem ist sie Plattdeutsch-Aktivistin, unter anderem als Intendantin des „PLATTart“-Festivals.
Innerhalb einer Woche hatte der Clip acht Millionen Aufrufe – und das trotz dieser Zeiten ohne Tourneen, ohne Management oder gar große Karrierepläne. Wohl nicht trotz, sondern wegen dieser Zeiten, denn Tiktok ermöglicht es seinen Nutzer*innen mit einem Klick, sich zu einem solchen Clip mit einer Art Duettfunktion dazu zu schalten und mitzusingen. So wurden in kürzester Zeit Duos, Chöre und Bands „gegründet“, deren Mitglieder sich nicht kannten und auf der ganzen Welt verstreut saßen. Auch Prominente stiegen mit ein, und so wurde der „Wellerman“ ein virales Phänomen, das uns willkommener war als das alltagsbestimmende Virus. Es hat die Menschen verbunden, während das andere Virus Abstand gefordert und Spaltung gefördert hat.
Ich bin gespannt auf den Soundtrack dieses noch so jungen Jahres. Ich würde mich über eine Partyhymne freuen, die davon handelt, wie wir es geschafft haben, die Pandemie zu meistern und uns selbst als Gesellschaft und unsere Menschlichkeit nicht verloren zu haben. Ich glaube, ich fange einfach schon einmal an, so ein Lied zu schreiben, das hilft auch bei der Zuversicht.
Kontakt: kolumne@zgo.de