Hamburg
Corona-Infektion: Milde Verläufe schützen nicht vor Post-Covid-Syndrom
Die Omikron-Variante des Coronavirus verläuft häufig milder als etwa Delta. Harmloser wird Covid-19 dadurch jedoch nicht. Auch Omikron-Infizierte können am Post-Covid-Syndrom erkranken. Und dessen Folgen bleiben furchtbar.
Als die Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 Fahrt aufnahm, stand naturgemäß die Behandlung der akut Erkrankten im Vordergrund. Erst im Verlauf der weiteren Monate wurde klar, dass eine Covid-Erkrankung nicht nur akut das Leben bedroht, sondern sehr lange die Gesundheit der Betroffenen beeinträchtigen kann. Selten ist das sogenannte Post-Covid-Syndrom nicht: In den ersten Wochen nach der Erkrankung haben nach derzeitigen Expertenschätzungen etwa zehn Prozent der Covid-Patienten mit anhaltenden Beschwerden zu tun, die direkt auf die Krankheit zurückgehen. Wie steht es heute, kurz vor Ende des zweiten Corona-Jahres, um die Behandlung und Versorgung dieser Menschen und zu welcher Entwicklung könnte die Omikron-Variante beitragen?
Was lösen Long bzw. Post Covid im Körper aus?
Die Beschwerden lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen. Bei etwa zehn bis 20 Prozent der Betroffenen seien Schäden an Organen wie Herz oder Lunge nachweisbar. Deutlich mehr kämpften mit eher funktionellen Beeinträchtigungen wie einer geringeren Belastbarkeit, Konzentrationsstörungen oder anhaltenden Riech- und Geschmacksstörungen. Bei einem anderen Teil der Betroffenen erhöht die Infektion vor allem die Blutgerinnung, weshalb bei ihnen vermehrt Blutgerinnsel auftreten.
Während bei einigen Patienten die Beschwerden eher moderat sind, haut es andere zumindest vorübergehend völlig aus dem Leben. Immerhin: Die Heilungsaussichten sind bei vielen Menschen - zumindest auf lange Sicht - gut. „Wenn sich nachweislich ein Organ verändert hat, muss das nicht immer dramatisch sein“, sagt Mediziner Dominik Buckert vom Universitätsklinikum Ulm. Entzündliche Veränderungen am Herzen etwa könnten zwar den Herzmuskel dauerhaft schädigen, heilten aber häufig vollständig aus. Und: „Es gibt für die Behandlung der Beschwerden etablierte Therapiekonzepte“, sagt Buckert.
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Langzeitbeschwerden auch bei milden Verläufen
Studien zeigen, dass milde Verläufe bei einer Corona-Erkrankung durch Omikron wahrscheinlicher werden. Eine Entwarnung ist das jedoch nicht. So zeigen groß angelegte Langzeitstudien, dass das Long-Covid- beziehungsweise das Post-Covid-Syndrom sowohl bei schweren als auch bei milden, ja sogar bei symptomlosen Verläufen auftreten kann.
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Wie häufig tritt Long Covid bzw. Post Covid auf?
Wie häufig Long und Post Covid sind, sollen Langzeitstudien klären. Eine davon ist die britische Post-Hospitalisation-Covid-19-Studie (PHOSP-Covid). An ihr nehmen 2230 Erwachsene teil, die wegen einer Corona-Infektion im Krankenhaus behandelt wurden. Die Mehrheit dieser Patienten kämpfte fünf Monate nach der Infektion noch mit vielerlei Folgebeschwerden, sie alle litten also am Post-Covid-Syndrom. Nur ein Viertel der ehemaligen Covid-19-Klinikpatienten hatte sich in dieser Studie nach fünf Monaten vollständig erholt.
Vor allem kognitive Störungen wurden bei PHOSP-Covid als Langzeitfolge registriert. „Obgleich mehr Männer als Frauen wegen Covid-19 ins Krankenhaus kommen, hat unsere Studie gezeigt, dass Frauen zwischen 40 und 60 Jahren eher schwere Langzeitsymptome davontragen. Die meisten Frauen waren weiß und hatten zumindest zwei Vorerkrankungen wie beispielsweise Asthma und Diabetes“, sagt der Atemwegsmediziner Chris Brightling von der University of Leicester, der PHOSP-Covid leitet.
Kürzlich publiziert wurden auch neue Ergebnisse der Mainzer Gutenberg-Covid-19-Studie. In ihr werden über 500 wissentlich und unwissentlich mit Sars-CoV2-infizierte Personen und eine nicht infizierte Kontrollgruppe untersucht. Etwa ein Drittel der Probanden zeigte Post Covid. Auch in dieser Studie litten Frauen häufiger an den Spätfolgen einer Infektion als Männer (46 beziehungsweise 35 Prozent).
Impfung schützt vor Long Covid
Angesichts der zuletzt hohen Zahl an Neuinfizierten wird die Zahl der Post Covid-Patienten in absehbarer Zeit wohl nicht kleiner werden. Immerhin gehen Experten davon aus, dass sie dank der Impfungen zumindest nicht in gleichem Maße steigen wird. „Impfen schützt grundsätzlich gut auch vor Long Covid“, sagt etwa Scheibenbogen. Das liegt vor allem daran, dass Geimpfte, auch wenn sie sich anstecken, häufig keine oder nur leichte Symptome bekommen. „Bei einem milden Verlauf treten zumindest Organveränderungen seltener auf“, sagt der Ulmer Mediziner Buckert. Die funktionellen Beschwerden korrelierten nicht so gut mit der Erkrankungsschwere. Das heißt: Auch Patienten mit mildem Krankheitsverlauf können anhaltende Beschwerden entwickeln.
Erste Studien zur Schutzwirkung der Impfungen deuten zumindest ein vermindertes Risiko für anhaltende Symptome an. In einer im Fachmagazin „The Lancet Infectious Disease“ veröffentlichten Untersuchung hatten Forscher Daten aus einer App ausgewertet, über die Covid-Patienten Beschwerden melden konnten. Zweifach geimpfte Menschen klagten nach einer Durchbruchsinfektion deutlich seltener über anhaltende (mehr als 28 Tage nach Infektion) Symptome als ungeimpfte Menschen, häufig ging die Erkrankung ganz ohne Symptome vorbei. Eine zweite, noch nicht veröffentlichte Studie, kommt zu dem Schluss, dass eine zweifache Impfung nach einer Durchbruchsinfektion vor vielen, aber nicht vor allen Long Covid-Beschwerden schützt.
(mit dpa)