Hamburg
Er will an Silvester 1400 Euro verballern: „Es gibt mir ein Gefühl von Freiheit“
Auch in diesem Jahr gilt in Deutschland ein Verkaufsverbot für Feuerwerk. Ein generelles Böllerverbot bedeutet das aber nicht. Pyrofans aus Norddeutschland berichten, warum sie Silvester auf jeden Fall zündeln werden.
Ungefähr zehn bis zwölf Stunden wird Timo Riep am 31. Dezember damit verbringen, sein Silvesterfeuerwerk vorzubereiten. Raketen, Batterien und Vulkane stellt der 23-Jährige in seinem Garten auf, bringt elektronische Zünder an und prüft, ob alles passt. Um 24 Uhr muss er dann nur noch auf einen Knopf drücken, um seine Show zu starten. „Ich bin immer etwas aufgeregt, ob auch alles klappt.“
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1400 Euro für zehn Minuten Feuerwerk
Der gelernte Werbetechniker aus der Gemeinde Ratekau in Schleswig-Holstein ist seit Jahren großer Feuerwerksfan. Ein Jahreswechsel ohne bunte Fontänen und glitzernden Silberregen am Himmel ist für ihn unvorstellbar. „Es hat mich schon als Kind fasziniert und gibt mir ein Gefühl von Freiheit. Ich kann dabei total entspannen.“ Für sein zehnminütiges Silvester-Spektakel in diesem Jahr greift er tief in die Tasche: „1400 Euro hat mich mein Feuerwerk dieses Jahr gekostet.“
Dabei soll der Himmel über Deutschland in diesem Jahr eigentlich erneut dunkel bleiben. Zum zweiten Mal in Folge hat der Bundesrat eine Verordnung beschlossen, die den Verkauf von Silvesterböllern an den letzten Dezember-Tagen untersagt. Hintergrund des Verbots ist die Corona-Pandemie: Unfälle durch unsachgemäßen Gebrauch von Knallkörpern sollen vermieden und die Situation in den aktuell durch Covid-19 belasteten Krankenhäusern nicht weiter verschärft werden.
Verkaufsverbot bedeutet nicht generelles Böllerverbot
Ein generelles Böllerverbot geht mit der Verordnung allerdings nicht einher: Wer noch Vorräte zu Hause hat oder sich im Ausland mit Feuerwerkskörpern eingedeckt hat, darf diese im eigenen Garten und auch in einigen öffentlichen Bereichen zünden. Was wo gilt, liegt in der Hand der Länder, Städte und Gemeinden. Es ist davon auszugehen, dass es - wie im vergangenen Jahr - regionale Böllerverbotszonen, Ausgangsbeschränkungen und das generelle Verbot, Feuerwerk abzubrennen, geben wird.
Timo Riep verfügt über einen sogenannten Pulverschein, also eine Sprengstoffrechtliche Erlaubnis nach Paragraf 27 Strafgesetzbuch. Dieser erlaubt es ihm, ganzjährig Feuerwerkskörper der Kategorien F2 und F3 zu erwerben und zu verwenden. Beantragen kann diesen Schein jeder, notwendig dafür ist unter anderem ein Attest vom Hausarzt über die körperliche Eignung, eine Haftpflichtversicherung, die private Feuerwerke abdeckt sowie eine Unbedenklichkeitsbescheinigung.
Deutsche kaufen Feuerwerk im Ausland
Riep lagert seine Knallkörper in einem extra dafür angemieteten Bunker in einem nahegelegenen Waldstück. Nicht nur an Silvester, auch an seinem Geburtstag gehört für ihn ein Feuerwerk dazu, das er vorab bei der Gemeinde anmeldet.
Den Jahreswechsel mit einem bunten Spektakel zu zelebrieren, das ist auch für Darius Monien aus Schwerin nicht anders denkbar. Gemeinsam mit seinem Kumpel Paul Gohl ist der 24-Jährige nach Polen gefahren. Sechs Stunden standen die beiden in der Warteschlange vor „Funke“, einem beliebten Böllerladen in Slubice. „Ich habe mich vorab extra beim Zoll informiert, wie viel ich einkaufen darf.“
Insgesamt rund 1000 Euro haben die Freunde für ihr Feuerwerk ausgegeben. Um sie herum hätten fast ausschließlich Deutsche vor dem Geschäft gewartet. „Die Leute kamen aus München, Bremen oder Köln“, so Monien. Das Verkaufsverbot in Deutschland könne er aufgrund der Pandemie einerseits verstehen, er achte jedoch auf geprüfte Ware mit der CE-Kennzeichnung. Bei einem verantwortungsvollen Umgang sei die Verletzungsgefahr also gering. „Für mich gehört das Feuerwerk an diesem einen Abend dazu.“
Mehrheit der Deutschen stehen hinter Entscheidung der Politik
Die Feuerwerk-Leidenschaft von Riep und Monien teilt in Deutschland nicht jeder: Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov stehen zwei Drittel der deutschen Bevölkerung hinter dem Verkaufsverbot. Demnach sind 66 Prozent der Befragten einverstanden mit den Maßnahmen, auf die sich Bund und Länder wegen der Corona-Pandemie verständigt haben. Mehr als ein Viertel (27 Prozent) hält die Entscheidung für falsch. Vor allem unter den Grünenwählern ist die Unterstützung für das Verkaufsverbot mit 84 Prozent besonders groß.
Pyrotechnik-Verband befürchtet „Todesstoß“
Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) setzt sich seit Jahren für ein böllerfreies Silvester ein. Ihre Argumente: Feuerwerke und Böller würden jedes Jahr zu einer hohen Luftbelastung führen, Millionen Haustiere sowie Nutz- und Wildtiere schädigen und die Umwelt verschmutzen. Zudem würden Einsatzkräfte und Kliniken durch tausende teils schwere Verletzungen überlastet.
Gegen letzteres wehrt sich die Pyrotechnik-Branche, die das erneute Verbot als „Todesstoß“ für die gesamte Feuerwerksbranche bezeichnet: Die Grundlagen für den politischen Beschluss seien nicht haltbar und „unhaltbare Behauptungen“, so der Pyrotechnik-Verband (VPI): „Noch immer fehlen valide Daten, mit denen sich plausibilisieren ließe, dass ein signifikanter Teil der Verletzungen in der Silvesternacht durch zugelassenes Feuerwerk entsteht“, sagt Vorstand Ingo Schubert. „Für den deutschen Markt zugelassenes Silvesterfeuerwerk unterliegt strengen gesetzlichen Vorgaben, wodurch ernsthafte Verletzungen praktisch auszuschließen sind.“
Deutsche Umwelthilfe strebt dauerhaftes Böllerverbot zu Silvester an
Nach Angaben des kommunalen Krankenhausbetreibers Vivantes seien lediglich fünf Prozent aller Krankenhausbesuche in der Silvesternacht auf Feuerwerk zurückzuführen. Nicht Knallkörper, sondern übermäßiger Alkoholgenuss und illegale Feuerwerksprodukte würden zu mehr Betrieb in den Notaufnahmen führen. Durch den „eher symbolischen als faktenbasierten politischen Aktionismus“ seien in Deutschland 3000 Mitarbeiter durch Arbeitslosigkeit bedroht.
Die DUH will der privaten Nutzung von Pyrotechnik an Silvester auch künftig ein Ende setzen. Sie fordert die neue Innenministerin Nancy Faeser auf, „mit einer Änderung der Sprengstoffverordnung die archaische Böllerei ein für alle Mal zu beenden.“
Timo Riep kann verstehen, dass es Menschen gibt, die problemlos auf Feuerwerk verzichten können und hat auch Verständnis für die Argumente. Er hat selbst zwei Katzen, die laut seiner Aussage aber keinerlei Angst vor den Knallkörpern hätten. Und von seinen Nachbarn bekomme er auf seine Show meist positive Rückmeldungen, den Applaus könne er noch ein paar Häuser weiter hören. Er will also auch künftig weitermachen: „Für mich sind Silvester und das Feuerwerk eine Leidenschaft, ein Teil meines Lebens, der mich immer begleiten wird.“