Augsburg

Psychologe Rüdiger Maas: „Eltern wollen heute viel zu perfekt sein“

Ankea Janßen
|
Von Ankea Janßen
| 26.12.2021 11:10 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Was wird aus der Generation Alpha? Psychologe Rüdiger Maas zeichnet ein düsteres Bild von übersättigten und überbehüteten Kindern. Foto: colourbox.de
Was wird aus der Generation Alpha? Psychologe Rüdiger Maas zeichnet ein düsteres Bild von übersättigten und überbehüteten Kindern. Foto: colourbox.de
Artikel teilen:

Eltern ziehen ihre Kinder heutzutage zu einer lebensunfähigen Generation heran, sagt Psychologe Rüdiger Maas. Im Interview erklärt er, warum Schluss mit der ständigen Überbehütung sein muss.

Überbehütet und völlig unvorbereitet für die Zukunft - so werden Kinder heutzutage von ihren Eltern erzogen, sagt Psychologe Rüdiger Maas. Am Institut für Generationenforschung hat er die „Generation Alpha“ genauer untersucht, also die seit 2010 geborenen Kinder. Seine Ergebnisse hat er im Buch „Generation lebensunfähig - Wie unsere Kinder um ihre Zukunft gebracht werden“ zusammengefasst.

Lesen Sie auch:

Im Interview berichtet er von unglücklichen Kindern mit einer düsteren Zukunft und versucht, Eltern wachzurütteln. 

Herr Maas, Sie sagen, in Deutschland gab es noch nie so viele unglückliche Kinder wie heute. Wie haben Sie das herausgefunden?

Nicht nur wir haben das herausgefunden, auch andere Studien wie zum Beispiel von Unicef und dem Kinderhilfswerk zeigen das. Insgesamt haben wir über 1000 Pädagogen befragt, denn Kindergartenkinder lassen sich ja schwer interviewen. Wichtig war uns, dass die Pädagogen länger als zehn Jahre im Beruf sind, damit wir Vergleichswerte der letzten Jahre haben. So kamen schnell die immer gleichen Themen: Die Kinder können nicht mehr vertieft spielen, sich nicht mehr über Kleinigkeiten freuen, haben Konzentrationsprobleme und können Konflikte nicht allein lösen. Diese Attribute haben wir gesammelt und eine Online-Befragung erstellt und sie in der ganzen Bundesrepublik gestreut. Im Anschluss wurden die Ergebnisse in Fokusgruppen von Erziehern und Grundschullehrern ausgewertet.

In Ihrem Buch beschäftigen Sie sich vor allem mit der Generation Alpha, also jenen Menschen, die ab 2010 geboren wurden. Was zeichnet sie aus?

Kinder, die zur Generation Alpha gehören, wachsen sehr wohlhabend auf und sind eigentlich nie allein. Sie werden ständig von ihren Eltern überwacht und komplett überprotektiv erzogen. Ihnen wird alles abgenommen, sie werden ständig bespaßt, müssen nicht geduldig auf etwas warten oder gar dafür kämpfen und eigentlich auf nichts verzichten. Die meisten Kinder sind daher komplett übersättigt.

Eltern, die ständig über ihre Kinder wachen, nennt man auch Helikoptereltern. Diese werden aber mittlerweile von den Curling-Eltern abgelöst. 

Ja, mittlerweile versuchen Eltern, jeglichen Schaden von ihren Schützlingen fernzuhalten, vorab also alles wegzuwischen. Kindern wird extrem viel abgenommen, sie müssen gar nichts mehr selber machen. Erzieherinnen berichten, dass die Kinder von ihnen fordern „Unterhalte mich!“: Sie sollen das Puzzle legen oder das Spiel spielen. In Grundschulen hängen mittlerweile Verbotsschilder für Eltern, damit diese ihre Kinder nicht bis ins Klassenzimmer begleiten, um zu verfolgen, wie die Kleinen mit ihren Schulkameraden interagieren. 

Wovon wurde Ihnen noch berichtet?

Was mich mitunter schockiert hat, war, wie viele Kinder krank in die Kita gebracht werden, weil die Eltern kaum eine andere Möglichkeit der Betreuung haben. Außerdem berichteten mir Erzieherinnen, dass Kinder mitten im Winter mit Sandalen an den Füßen gebracht werden.

Warum denn das?

Weil das Kind diese tragen wollte und die Eltern keine Zeit für eine Diskussion haben. Sie sind konfliktscheu oder gestresst und es fällt Ihnen schwer, auch mal „Nein“ zu sagen. Das Kind soll bloß nicht weinen, also werden die Winterstiefel lieber den Erzieherinnen übergeben - diese sollen das Unangenehme übernehmen. Die Eltern der Generation Alpha wollen die besten Freunde ihrer Kinder sein und ihnen so oft es geht auf Augenhöhe begegnen. Also werden schon Dreijährige gefragt, wohin sie in den Urlaub fahren möchten.

Weil sie ihre Kinder selbstbestimmt erziehen wollen...

Ja, aber oft ignorieren sie, dass ein Kleinkind noch gar nicht die notwendige Reflektion hat, um solche Entscheidungen zu treffen und oft rein emotional agiert. Dabei sollten Eltern auch mal „Nein“ sagen und viel mehr auf ihr Bauchgefühl hören.

Sie kritisieren auch, dass Eltern heutzutage alles, was ihr Kind macht, mit dem Smartphone festhalten.

Ja, das Handy ist immer und ständig zwischen Kind und Eltern - alles ist Smartphone-assoziiert. Auch das Feedback. Auf den Auslöser wird nämlich nur gedrückt, wenn das Kind etwas Tolles macht. 

Was ist daran schlecht?

Es wird nicht die Realität dokumentiert, schließlich ist nicht immer alles schön. Ich habe mit Eltern gesprochen, die über 2000 Bilder von ihrem Zweijährigen haben. Werden die Kinder älter und blicken auf diese positiven Bilder, kann das zu einer Diskrepanz im Vergleich zu ihrer jetzigen tristen Welt führen. Zudem wissen wir durch Studien, dass wir Momente weniger intensiv, emotional und einprägsam erleben, wenn wir währenddessen Fotos machen. Das gleiche gilt für diejenigen, die fotografiert werden. 

In Deutschland dürfen 70 Prozent der Kinder im Alter von zwei bis drei Jahren täglich mindestens eine halbe Stunde das Smartphone ihrer Eltern benutzen. In der Pandemie waren Jugendliche durchschnittlich 70,4 Stunden pro Woche online. Was sind die Folgen?

Das frühe und ständige Nutzen des Smartphones kann viele Folgen haben, eine könnte Nomophobie heißen - also der Angst, „ohne“ das Smartphone zu sein. Außerdem ist das Risiko hoch, eine Internetsucht zu entwickeln. Entzugserscheinungen treten auf, die zu Gereiztheit, Ruhelosigkeit und Nervosität führen. Die Corona-Pandemie hat das alles nochmal verschärft. Infolge werden den Kindern und Jugendlichen später viele analoge Skills fehlen. 

Inwiefern?

Die Generation Alpha kann gegebenenfalls viel schlechter in der Lage sein, Körpersprache oder Emotionen richtig zu interpretieren. Jungen Menschen fällt es schwer, jemanden anzurufen, den sie nicht kennen. Auch unter Liebeskummer werden Anhänger dieser Generation schneller zusammenbrechen, denn diesen kann kein Elternteil ihnen abnehmen. Jugendlich agieren mittlerweile sehr stark regelkonform. In unseren Studien haben wir festgestellt, dass sie immer mehr Hilfestellungen in der analogen Welt benötigen. Im Erwachsenenalter müssen aber eigene Entscheidungen getroffen werden - das wurde aber nicht gelernt, die Folge wäre ein extrem verzögertes und unsichere Entscheiden oder Agieren bei „Unbekannten Dingen“ generell. Mit dem Internetkonsum können zudem psychische Erkrankungen wie Angststörungen, soziale Unsicherheit oder Depressionen verbunden sein.

Ist unser Gesundheitssystem darauf vorbereitet?

Nein, die meisten Kinder- und Jugendpsychiatrien sind voll. Wir haben auch viel zu wenig Therapeuten und Menschen, die sich mit Cyberpsychologie beschäftigen. Ich bin auch der Meinung, dass Lehrer digital kompetenter sein sollten als ihre Schüler. Wie sollen sie ihnen sonst etwas beibringen? 

Und was können Eltern tun, um dieser Entwicklung etwas entgegen zu setzen?

Eltern sollten sich dafür interessieren, was ihre Kinder in der digitalen Welt machen. Denn so sehr in der analogen Welt eine Überprotegierung stattfindet so sehr fehlt sie was das Internet anbelangt. Die meisten Kinder sind auf viele Dinge im Netz nicht wirklich vorbereitet, Beispiele wären Cybermobbing oder Cybergrooming. Kinder sollten heute auch für solche Themen gerüstet sein.

Sie schreiben auch, dass die Jugend gar keine Gegenbewegung mehr hat. Können Sie das erläutern?

In den 80er und 90er Jahren gab es viele Kulturen, Subkulturen und Gegenkulturen. Heute haben wir ein absolutes Streben in die Masse, den Mainstream, man spricht vom Neo-Konventionalismus. Wir haben nur noch Bewegungen, die sozial erwünscht agieren, etwa Fridays for Future. 

Ihr Buch liest sich an einigen Stellen wie eine Dystopie, dabei stellen sie einfach nur die Realität dar.

Die Generation Alpha ist ein Spiegel unserer Gesellschaft, wir haben sie so geformt und so wird die Zukunft werden. Mit meinem Buch will ich einen Diskurs anregen, es soll ein Weckruf sein: Ist es wirklich sinnig, jeden Tag Hunderte Fotos von meinem Kind zu machen, oder kann ich es auch ohne Smartphone in der Hand wahrnehmen? Die digitalen Fähigkeiten erlernen Kinder so schnell, sie müssen sie nicht schon mit drei Jahren eingetrichtert bekommen. Alles, was Kinder jetzt in der analogen Welt lernen können, werden sie später nicht mehr nachholen. Sie brauchen Grenzen, Regeln und dürfen sich auch mal langweilen.

Ähnliche Artikel