Familien
Große Freude über Geschenke, die nichts kosten
Teures Parfüm oder ein neues Smartphone – für Weihnachtsgeschenke wird viel Geld ausgegeben. Anders bei Familie Smidt aus Bingum. Geschenke, die nichts kosten, haben hier schon eine lange Tradition.
Bingum - Albert Smidt ist durch die „Hofgeschichten“ des NDR weit über die Grenzen Ostfrieslands hinaus bekannt. Für viele Ostfriesen ist der Pferdehändler aus Bingum der Publikumsliebling der Doku-Reihe. Die Zuschauer beeindruckt vor allem der Zusammenhalt der pferdebegeisterten Familie, die in Bingum gemeinsam einen Reitstall betreibt. Erinnerungen ans Weihnachtsfest in früheren Zeiten spielen dort eine besondere Rolle – besonders für Enkeltochter Hanna Smidt-Ligmann.
Was und warum
Darum geht es: Eine Spielekonsole oder das neueste Smartphone stehen heute ganz selbstverständlich auf dem Wunschzettel vieler Jugendlicher. Es gibt aber auch Geschenke, die nichts kosten, aber viel Freude bereiten. Davon erzählen Anna und Albert Smidt aus Bingum und ihre Enkelin Hanna Ligmann.
Vor allem interessant für: Menschen, die sich dafür interessieren, wie in anderen Familien Weihnachten gefeiert wird.
Deshalb berichten wir: Das Schenken und Beschenktwerden zu Weihnachten hat heute in den Familien eine ganz andere Bedeutung als zur Zeit unserer Großeltern. Die Autorin erreichen Sie unter: t.gettkowski@zgo.de
Neue Reitstiefel oder ein neues Smartphone? Nein, die 19-Jährige hat keine großen Wünsche. „Als die ganze Familie zusammengeschmissen und mir einen neuen Springsattel geschenkt hat, habe ich mich natürlich riesig gefreut. Aber das hier sind immer die schönsten persönlichsten Geschenke für mich: Geschichten, die Oma Anna für mich über ihre Kindheit geschrieben hat“, sagt die 19-Jährige und zeigt auf die Seiten in Klarsichtfolie vor sich auf dem Esstisch.
Kindheitserinnerungen: Ein Geschenk für die Enkelin
Schon seit sieben oder acht Jahren liegt fast jedes Jahr eine neue Folge für Hanna unterm Baum. „Daraus soll mal ein Buch werden“, erzählt Anna Smidt, die mit drei Geschwistern auf dem Bauernhof ihrer Eltern in Bagband aufgewachsen ist. Die Kindheitserlebnisse erzählen zum Beispiel von dem Plumpsklo. „Heute kann man es sich kaum vorstellen, aber damals gab es kein fließendes Wasser und keine Toilette im Haus“, erklärt sie. „Wir hatten als Kinder immer Angst, dieses Klosett im Dunkeln aufzusuchen, obwohl wir schon eine Luxus-Variante hatten: einen Bretterverschlag in einer Ecke unseres Kuhstalls mit einem Holzüberbau über dem Loch zur Güllegrube.“
Passend zum Fest handeln viele Geschichten von Weihnachten. Den Nachmittag an Heiligabend hat Anna Smidt aus ihrer Kindheit „als den längsten des ganzen Jahres“ in Erinnerung. „Heiligabend wurden wir direkt nach dem Frühstück gebadet. Danach bekamen wir unsere Festtagskleider an.“ Weil die auf keinen Fall schmutzig werden sollten, durften die Kinder nicht draußen spielen. „Man, was hat sich dieser Tag hingezogen“, erinnert sie sich.
Schönstes Geschenk: eine Nebelkrähe
Anna Smidt verbindet die Weihnachtszeit noch heute mit besonderen Gerüchen – und meint damit nicht etwa den Duft von Plätzchen oder dem harzigen Geruch des Tannenbaums. „Jedes Jahr im Dezember wurde bei uns ein Schwein geschlachtet“, beschreibt sie die Festvorbereitungen in einer Erzählung an ihre Enkelin. Wurst sei damals selbst zubereitet und das Fleisch in Gläsern haltbar gemacht worden. „Nach dem Schlachtfest wurde das ganze Haus geputzt. Daher gehört für mich der Geruch von Bohnerwachs zu Weihnachten dazu.“
Albert Smidt braucht nicht lange nachzudenken, was für ihn das schönste Weihnachtsgeschenk war. Der 74-Jährige ist seit Kindesbeinen begeistert von jeder Art von Federvieh: Tauben, Hühner, Lauf- und Flugenten tummeln sich auf dem Hof am Deich. „Mein schönstes Weihnachtsgeschenk war eine Nebelkrähe“, erinnert er sich. Heute sehe man diese Art kaum noch. „Damals waren die hier weit verbreitet.“ Als Siebenjähriger wollte er unbedingt solch einen Vogel haben. „Stattdessen lag ein Holzbaukasten unterm Weihnachtsbaum“, erinnert er sich. Obwohl das zu der Zeit etwas Besonderes gewesen sei, konnte er sich nicht so recht darüber freuen. „Am nächsten Tag kam mein Vater und sagte, dass der Weihnachtsmann etwas für mich vergessen hat.“ Im Sandkasten habe eine flügellahme Nebelkrähe gesessen. „Hier verliefen damals Strommasten. Manchmal flogen Möwen oder andere Vögel dagegen und stürzten ab. So war es wohl auch der Nebelkrähe ergangen“, erklärt Albert Smidt. Den Vogel habe er etwa ein Jahr gehabt. „Er hatte bei uns in der Küche seinen festen Platz auf der Kiste für den Torf. Wenn ich draußen herumlief, saß er immer auf meiner Schulter.“
In diesem Jahr wird Heiligabend mit der ganzen Familie im Wohnzimmer von Anna und Albert Smidt gefeiert. „Große Geschenke machen wir uns schon seit Jahren nicht mehr“, erzählt Anna Smidt. Gekauft werden Geschenke, die jeder gebrauchen kann – und dann gibt es ein gemeinsames Spaßwichteln. „Über Geschenke wie Handtücher zum Beispiel oder ein Los der Fernsehlotterie freut sich jeder“, erzählt Anna Smidt. Eine alte Tradition aus ihrer Kindheit führt Anna Smidt bis in die heutige Zeit fort. „Bei uns gibt es Heiligabend Pökelfleisch mit Rotkohl“, erzählt die begeisterte Köchin. Und das kommt auch bei der jungen Generation an. „Das gehört für mich zu einem richtigen Weihnachtsfest dazu“, sagt ihre Enkelin.