Leben

Ein behütetes Zuhause nach bitteren Erlebnissen

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 25.12.2021 12:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Die Vollmers – Angelika (von links), Finja, Aylin (verdeckt), Philipp, Molly, Yasmin und Lini – spielen am mit Lego überhäuften Wohnzimmertisch. Foto: Cordsen
Die Vollmers – Angelika (von links), Finja, Aylin (verdeckt), Philipp, Molly, Yasmin und Lini – spielen am mit Lego überhäuften Wohnzimmertisch. Foto: Cordsen
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Zwei Frauen bilden in Wiesmoor als Elternpaar mit gleich fünf schwer traumatisierten Pflegekindern eine Familie. Eine Geschichte über einen besonderen Entwurf von Zusammenleben.

Wiesmoor - Vor etwas mehr als 13 Jahren trafen Angelika und Yasmin Vollmer eine Entscheidung, die ihr Leben in ein lautes, wildes Tohuwabohu verwandelt hat. Darin mischen sich glucksende Freude, Liebe, Herausforderungen. Aber immer wieder brechen auch kaum heilbare Verletzungen durch und Erinnerungen an traumatische Erlebnisse legen sich wie Schatten über Tage oder Nächte. Vor etwas mehr als 13 Jahren entschieden sich Angelika und Yasmin Vollmer, zwei Frauen, die einander lieben, eine Familie zu gründen. Es ist eine sehr besondere geworden.

Das Paar entschied sich, ein fremdes Kind aufzunehmen. Yasmin Vollmer selbst wurde als Baby adoptiert. Die 39-Jährige sagt: „Ich habe mir selbst immer Kinder gewünscht, bin von meinen Adoptiveltern unglaublich liebevoll angenommen worden – und dasselbe wollten wir beide gern Kindern ermöglichen, denen dies von Haus aus nicht gegeben ist.“ Auch Angelika Vollmer (49), die als Erzieherin in Brennpunkten gearbeitet und dort viel Leid miterlebt hatte, sagt: „Uns war klar: Wir möchten lieber einem Kind, das es bisher nicht gut hatte, ein behütetes Zuhause geben als über künstliche Befruchtung ein weiteres in die Welt setzen.“ Beim Jugendamt wurde eine Anfrage seinerzeit abgelehnt, doch kamen die Vollmers in Kontakt mit einer Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtung in Meppen (Emsland), Backhaus. Die Einrichtung kümmert sich um vom Jugendamt vermittelte und aus zerrütteten Familien genommene Kinder. „Dort hat man uns eine Chance gegeben“, sagt Angelika Vollmer. Voraussetzung dafür war auch die berufliche Vorbildung.

Vorgeschichten als geheimnisvolle Puzzles

Etwas später bekamen die beiden Frauen, die am Rand von Wiesmoor leben, ein Mädchen. Eine Achtjährige, die zuvor einiges erlitten hatte. Ronja. Angelika Vollmer sagt: „Das Knifflige ist schon, dass man bei einem Baby ganz andere Chancen hat, gemeinsam in die neue Situation hineinzuwachsen. Pflegekinder haben natürlich aber schon ihre Vorgeschichten ohne uns. Sie lernt man erst nach und nach kennen, so wie sich Puzzleteile erst nach und nach ineinander fügen – mit teilweise dunklen Geheimnissen, an die man sich rantasten muss.“ Über allem stehe die Aufgabe, behutsam Bindungen aufzubauen. „Das ist bei traumatisierten Kindern allerdings besonders schwierig. Man kann nur anbieten, darf sich nicht aufdrängen.“ Plötzlich Familie gewesen zu sein „war anfangs wirklich komisch, auch wenn wir sehr gründlich darauf vorbereitet wurden“, sagt Angelika Vollmer. „Ronja war anfangs total zerfleddert, von Albträumen geplagt, innerlich tief verwundet. Mit Blick auf das, was ihr widerfahren war, war es gut, dass bei uns kein Mann im Haus lebte“, sagt Angelika Vollmer und fügt an: „Trotz der eigenen Berufserfahrung waren wir plötzlich unsicher in vielem, wollten nichts falsch machen, waren Übermütter.“ Und dann mussten plötzlich auch neue Rituale zu Weihnachten her. Aber welche? „Sowas wächst mit der Zeit, wenn man einen Säugling hat. Aber bei einem achtjährigen Kind ist das anders.“

Die Familie ist gewachsen

Nun blieb es nicht bei einem Kind. „Schon ein halbes Jahr später kam ein Anruf, ob wir auch bereit wären, ein einjähriges Mädchen – Lini – aufzunehmen, das durch Gewalteinwirkung infolge eines Schütteltraumas geistig und körperlich behindert ist“, sagt die 49-Jährige. Wenig später zog Lini ein.

Nur ein weiteres halbes Jahr später kam die Frage, ob auch Linis Bruder Philipp, damals drei Jahre alt, ein Zuhause bei den Vollmers finden könnte. „Klar“, sagt Angelika Vollmer. Auch er hatte viel durchgemacht, schrie anfangs fast durchgehend. „Was etwas hilft, ist ein Überschreiben der schlimmen Erinnerungen durch möglichst viele gute Begegnungen, durch schöne Erlebnisse. Das versuchen wir. Und dabei hilft uns unser Netzwerk im Ort. Eine ganz tolle Nachbarschaft, ein ganz toller Pastor, ein großes Umfeld“, sagt Angelika Vollmer. „Unsere Familien tragen das ganz schön toll mit. Meine Mutter ist die Oma, Yasmins Vater der Opa. Die machen auch zwischen angenommenen und leiblichen Enkeln keinen Unterschied. Und in unserem Umfeld finden die Kinder auch die männlichen Vorbilder, die sie ja brauchen, selbst wenn sie bei zwei Frauen leben.“

Zuckerwatte, Crêpes und Lego-Unfug

Ronja, heute 23, ist schon vor Jahren ausgezogen, absolviert jetzt eine Ausbildung, kommt aber nun zu Weihnachten wieder zu den Vollmers. „Es ist immer noch ihr Zuhause“, sagt Angelika Vollmer. Doch die Familie ist weiter gewachsen. Drei weitere Mädchen, Aylin (Name geändert), Molly und Finja, ebenfalls von Jugendämtern zum Schutz aus ihren Herkunftsfamilien genommen, sind eingezogen. Weil Molly und Finja Schwestern sind, durften beide gemeinsam einziehen, obwohl eigentlich nicht mehr als vier Pflegekinder in einer Familie leben sollen. Zu den Vollmers gehören außerdem noch ein Pony, zwei Hunde, vier Laufenten sowie fünf Ziegen und 13 Hühner – sowie eine Zuckerwattemaschine und ein Crêpe-Bräter. „Die sind die Highlights des kleinen Weihnachtsmarktes, den wir für unsere Familie, Nachbarn und Freunde hinterm Haus aufgebaut haben, so dass wir es trotz Corona, aber coronakonform heimelig haben, mit Zuckerwatte, Crêpes, Lagerfeuer und Stockbrot“, sagt Yasmin Vollmer. „Auch wenn die Voraussetzungen für die Kinder schwieriger sind als für andere, wollen wir es ja gerade miteinander schön haben.“

Wer die Familie besucht, erlebt vor allem einen liebevoll aufeinander bezogenen Haufen. Die drei kleinen Mädchen toben wild durcheinander und erschaffen aus einem Haufen Legosteine auf dem Wohnzimmertisch eine Weihnachtsstadt. Mit Forschern, die sich ums Skifahren kümmern, wie Finja erzählt. Und mit einem Wald, der aus einem einzigen Baum besteht. Sie fahren „Mima“ (Yasmin) und „Geka“ (Angelika), wie sie die Frauen statt Mama und Papa nennen, mit Spielzeugautos durch die Haare, klettern auf den Schoß, springen runter. Umbellt von den beiden Familienhunden. Auch Lini, die es entgegen aller negativen Prognosen der Ärzte durch Zutrauen und Therapien geschafft hat, sprechen und laufen zu lernen, spielt mit und steckt Legosteine an den Stadtrand. Philipp, „der Mann im Haus“, inzwischen 15 Jahre alt, sieht dem quirligen Treiben zu.

„Riesige Herzenswärme“

Pastor Martin Kaminski, der die Familie seit Langem gut kennt, schwärmt von der „riesigen liebevollen Herzenswärme der Vollmers – unkompliziert, unkonventionell, zugewandt, aber auch konsequent und auf angenehme Weise streng, denn so eine Rasselbande muss man ja auch bändigen“. Und wie die Frauen auch Freunde und Nachbarn etwa beim kleinen Weihnachtsmarkt einbinden würden und wie sie auch für andere Menschen im Dorf, die es schwer haben, da seien, „das ist schon wirklich besonders“. Nun haben Yasmin und Angelika Vollmer nicht nur ihre eigene besondere Familie gegründet, sie haben die Familie auch zu ihrem Beruf gemacht. Offiziell nennt sich das, was die Vollmers bilden, eine Erziehungsstelle. Profifamilie nennt die Kinder- und Jugendhilfe Backhaus aus Meppen das, die auch in Aurich ein Pädagogisches Zentrum betreibt, wo die Erzieherin Angelika und die Heilerziehungspflegerin Yasmin Vollmer angestellt sind und für die Betreuung der Kinder ein Gehalt beziehen. 32 Profifamilien mit rund 50 Kindern werden von Aurich aus betreut. 231 Profifamilien hat Backhaus insgesamt in Nordwestdeutschland, in denen 556 Kinder leben. Im Landkreis Aurich gibt es laut Sprecher Rainer Müller-Gummels zurzeit insgesamt 258 Pflegestellen. 399 Kinder befinden sich in Pflegefamilien, 25 Kinder davon sind in familiärer Bereitschaftsbetreuung untergebracht.

„Viele denken tatsächlich, wir haben ein lockeres Leben, sitzen zu Hause und kriegen auch noch Geld dafür“, sagt Angelika Vollmer. „Manche sagen sogar, wir bereichern uns an den Kindern, was aber völliger Quatsch ist. Wir investieren sehr viel auch selbst, haben etwa den Reitunterricht für Lini bezahlt, dank dem sie tatsächlich Laufen gelernt hat, und sind auch sonst andauernd auf Achse“, sagt „Geka“ und fügt an: „Die Kinder bekommen Therapien, zu denen wir sie fahren, wir sind regelmäßig zur Supervision mit der pädagogischen Leitung in Aurich, die Kinder haben auch Hobbys, zu denen wir sie fahren – und in unserem Fall muss man da gern auch mal weit fahren. Wegen ihrer Vorgeschichte kann man sie eben doch nicht unbedingt im nächstgelegenen Sportverein anmelden, sondern braucht da schon besondere Angebote, wo die Betreuer auch mit Kindern mit Traumata umgehen können. So sehr wir uns bemühen, den Kindern ein glückliches und normales Leben zu ermöglichen, so sehr darf man eben auch nicht vergessen, dass sie Dinge erlebt und Wunden erlitten haben, die man eben nicht einfach heilen kann.“

„Wichtig ist, dass man zusammenhält“

Und auch wenn sich Beruf und Familie mischen, sagt Yasmin Vollmer: „Wir könnten nicht glücklicher sein. Klar ist es manchmal hart und anstrengend, klar sind auch die Nächte hart, denn die Kinder haben Schlafstörungen. Aber wir haben uns unsere Familie aussuchen können und wir haben sie uns von Herzen ausgesucht. Und die Kinder haben sich bei allen Schwierigkeiten wundervoll entwickelt.“ Und es stelle sich die Frage, was Familie eigentlich ist. „Klar kann man sagen, Familie ist klassisch Papa, Mama, Kind oder Kinder. Wir sind Mima und Geka und Kinder. Und wichtig ist doch, dass man zusammenhält, sich lieb hat. Wer allein einen Tisch trägt, verknackst sich schnell den Rücken. Gemeinsam ist das aber ein Kinderspiel.“ Auch Angelika Vollmer sagt: „Familie ist für mich ein geschützter Raum, wo man innig zueinander steht, wo man auch schreien darf und sein darf, wie man ist und alle miteinander mithelfen, dass es allen gut geht. Und genau das haben wir.“

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