Osnabrück

Nachschub fehlt - Produktion stockt und der Handel leidet

Dr. Berthold Hamelmann
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Von Dr. Berthold Hamelmann
| 23.12.2021 16:16 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Im chinesischen Hafen von Nanjing stapeln sich Frachtcontainer, die auf ihren weiteren Transport warten. Foto: AFP
Im chinesischen Hafen von Nanjing stapeln sich Frachtcontainer, die auf ihren weiteren Transport warten. Foto: AFP
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Es fehlt an allen Ecken und Kanten. Die Lücken machen sich bemerkbar. Rund um den Globus stocken Lieferketten. Ein Nadelöhr ist der asiatische Raum mit dem Wirtschaftsgiganten China.

Hier hakt es mit der Produktion und Logistik. Verbraucher und viele Wirtschaftszweige machen bittere Erfahrungen: Warten auf Produkte und Nachschub ist angesagt. Die Pandemie legt schonungslos Stärken und Schwächen einer global vernetzten Wirtschaft offen.

Der Konsument erlebt es täglich. Ob Notebook, Drucker oder Handy - Fehlanzeige! Lieferengpässe bestehen wohl auch über Weihnachten 2021 hinaus besonders im Bereich Haushalts- und Unterhaltungselektronik. Häufig sind gewünschte Modelle auf absehbare Zeit nicht verfügbar.

Dabei steht die Produktknappheit nicht im Widerspruch zum wirtschaftlichen Aufschwung. Die Welthandelsorganisation (WTO) geht für das laufende Jahr 2021 sogar von einer Zunahme des Warenhandels um acht Prozent aus. Angesichts des coronabedingten Nachholbedarfs rechnen die deutschen Einzelhändler mit einem Rekordumsatz. Der Handelsverband Deutschland (HDE) prognostizierte jüngst eine Steigerung um zwei Prozent auf 112 Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr. 

Nachschub kommt nicht mehr an

Aber Nachschub kommt nicht mehr an. Mancherorts herrscht purer Frust. Da lange bestens funktionierende Lieferketten zusammengebrochen sind, geht vielen Unternehmen das Material aus. Nachschub kommt nicht mehr an. Im November traf dieses weltweite Problem beispielsweise auch Osnabrück: Im kleinsten VW-Standort stockte die Produktion des T-Roc-Cabriolets.

Der Mangel an benötigten Vorprodukten bremst das verarbeitende Gewerbe aus. Die Folgen sind oft Kurzarbeit, die sich auf dem Gehaltszettel der Arbeitnehmerschaft negativ niederschlägt.

Seit Monaten stottert nicht nur die Autoindustrie. Der Materialmangel trifft fast alle Branchen. Besonders eklatant wirken sich fehlende Mikrochips aus. Durch die zunehmende Digitalisierung gehören sie seit Langem zu den unentbehrlichen Bausteinen von immer mehr Produkten: Ob Smartphones, Rasenmäher, Kühlschränke, Mähdrescher oder Autos. Das macht die Lieferketten zum Politikum.

Auswirkungen auf Preise

Schon jetzt ist klar: Die Schwierigkeiten wirken sich auf die Preise aus. Die Inflation ist zurückgekehrt. In der Eurozone kletterte im vergangenen Oktober die Teuerung auf über vier Prozent und war damit so stark wie seit 13 Jahren nicht mehr, ausgelöst aber besonders durch die fast explosionsartig gestiegenen Energiekosten.

Ob der Preisanstieg in der Logistik - massiv abhängig vom jeweiligen Verkehrsträger (Straße, Schiene, Luft- oder Seefracht) - an die Konsumenten weitergegeben wird, ist offen. Die Europäische Zentralbank geht derzeit davon aus, dass etwa die gestiegenen Containerpreise die generelle Teuerung nur wenig beeinflussen, da die Transportkosten nur einen kleinen Teil des Produktpreises ausmachten.

Teurere Rohstoffe und Vorprodukte beeinflussten die höheren Preise in einzelnen Branchen wie Elektro- oder Metallindustrie ungleich stärker.

Die Pandemie befeuert einen Trend, der - wie etwa bei der Stärkung regional produzierter Nahrungsmittel - zur Abkehr von Abhängigkeiten führen kann. Investitionen benötigen Planungssicherheit Die möglichen Veränderungen mit gravierenden ökonomischen und ökologischen Folgen benötigen nach Meinung von Experten aber lange Zeiträume und stabile politische Rahmenbedingungen. Investitionen ohne Planungssicherheiten gibt es nicht.

Der Wunsch nach wirtschaftlicher Autarkie einzelner Länder oder Branchen, nicht nur im Hightech-Sektoren, erscheint dabei in der vernetzten Welt utopisch, zumal sich das Verbraucherverhalten über den Preis definiert.

Die politischen Dimensionen zur Energiewende und zum Thema Klimaschutz sind offensichtlich, verdeutlichen aber auch an diesem Thema Abhängigkeiten und Folgen. Die energieintensive Produktion von Stahl, Aluminium und Zement leidet in China derzeit unter Stromausfällen. Und auch Schlüsselbranchen in der für China so wichtigen Hightech-Industrie kommen nicht ungeschoren davon.

Ausschlaggebend sind (politische) Lieferbeschränkungen etwa bei der Einfuhr australischer Kohle. Produktionseinschränkungen verschärfen unmittelbar bestehende Lieferengpässe.

 Trotz aller Aussagen der chinesischen Staatsführung zum Klimaschutz: 238 Kohlekraftwerke (250 Gigawatt Kohlekraft) sind derzeit in China in der Entwicklung oder im Bau. Schätzungen zufolge sollen dies mehr als die Hälfte aller neuen Anlagen auf der Welt sein. In China geht Produktivität noch lange vor Klimaschutz.

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