Gastronomie
Elan für Neueröffnungen ist bei Gastronomen raus
Die Corona-Pandemie setzt den Gastwirten sehr zu. Etliche ringen um ihre Existenz. Unter diesen Voraussetzungen sind Neueröffnungen rar. Im Landkreis Aurich hat sich nur einer vorgewagt.
Aurich - Hereinspaziert! Am Sonnabend öffnet sich die Glastür zur „Alten Uhrmacherei“ in Aurich geräuschlos. Der Blick des Gastes fällt auf bequeme Polsterstühle in Moosgrün und auf ein Empfangs-Team aus Kellnerinnen und Bistro-Chef Lennart Gerstmeier. Es ist der erste Tag einer probeweisen Eröffnung, offiziell geht die „Alte Uhrmacherei“ erst am 3. Januar an den Start. Anspannung liegt in der Luft. Hat sich der mehrmonatige Umbau gelohnt?
Was und warum
Darum geht es: Corona nimmt Gastronomen Mut zur Neueröffnungen.
Vor allem interessant für: Gäste und Gastwirte
Deshalb berichten wir: Die Neueröffnung der „Alten Uhrmacherei“ hat in der Redaktion die Frage provoziert, wie risikofreudig man für einen solchen Schritt sein muss. Die Autorin erreichen Sie unter: g.boschbach@zgo.de
Für den Gast stellt sich noch eine ganz andere Frage: Woher bezieht jemand die Nerven, mitten in der Corona-Pandemie eine Gaststätte zu eröffnen? Nach Recherchen dieser Zeitung ist die „Alte Uhrmacherei“ im Landkreis Aurich eine der wenigen Betriebe auf weiter Flur, was das anbelangt. Im Sommer hat in Großefehn ein Event-Lokal eröffnet, in Aurich empfängt eine Fast-Food-Kette seit zehn Monaten ihre Gäste. Eine exakte Aufstellung nur für den Landkreis Aurich war von der Industrie- und Handelskammer (IHK) nicht zu bekommen. Für Erich Wagner, den Vorsitzende des ostfriesischen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), ist klar: „Der Elan ist raus.“ Viele Gastronomen seien enorm verunsichert.
Junge Generation ist irritiert
Er habe gehört, dass der ein oder andere die Eröffnung eines neuen Objekts oder Übernahme eines etablierten geplant hatte. „Aber dann hat es doch nicht geklappt“, sagte der Wiesmoorer. Im Schnitt würden nach seiner Beobachtung normalerweise im Landkreis Aurich pro Jahr zwischen fünf und zehn Betriebe eröffnen. Dieses Engagement sei jetzt pandemiebedingt stark abgeflacht. Vor allen Dingen die junge Generation sei irritiert: „Die Gastronomie wird nicht mehr als zukunftssichere Branche angesehen.“
Die pandemiebedingten Schließzeiten im vergangenen Jahr werden für einige Betriebe nicht folgenlos bleiben. Das ein oder andere Lokal überlebe wahrscheinlich nicht, lauten die Unkenrufe. Lennart Gerstmeier hat sich von der Zukunftsangst nicht ins Bockshorn jagen lassen: „Ich wollte schon immer ein Bistro oder Café eröffnen.“ Dass der Zeitpunkt mitten in der Pandemie liegt, schüchtere ihn nicht ein. Er habe ein gutes Selbstbewusstsein, weil er ein qualitätvolles Produkt am Markt etablieren wolle. Um erstklassigen Kuchen produzieren zu können, habe er eigens eine Konditormeisterin eingestellt. Die Speisen im Bistro würden frisch zubereitet, ohne Konservierungs- und andere Zusatzstoffe. Es werde keine Convenience-Ware verwendet, also schon vorfabrizierte Produkte, die nur verfeinert oder aufgewärmt werden müssten.
Keine verlässlichen Kriterien
Das ist ein Teil der Wahrheit, der andere Teil besteht darin, dass Lennart Gerstmeier sein Geld im Hauptberuf als Immobilienmakler verdient. Sich mit einem Bistro selbstständig zu machen, ist für ihn somit vergleichsweise nur ein geringes Risiko. Was ihm allerdings zugutekommen kann, ist das Alleinstellungsmerkmal, das er durch den besonderen Stil seines Betriebs schafft. Damit könne man punkten, meint Birgit Kolb-Binder. Die Vorsitzende des ostfriesischen Dehoga sagte, dass Geldinstitute diesen Aspekt bei der Gewährung von Krediten unter Umständen berücksichtigen. Verlässliche Kriterien gebe es dafür nicht. Grundsätzlich bezeichnete sie die aktuelle Situation in der Gastronomie und Hotellerie als „dramatisch“. Niemand wisse, wann sich die Lage wieder normalisiere.
Birgit Kolb-Binder betreibt selbst mehrere Objekte auf Langeoog und in Bad Zwischenahn. Derzeit seien alle verunsichert: die Gäste, aber auch das Personal in ihren Betrieben. Wegen der ständigen Änderung der Corona-Verordnung wisse niemand so recht, was er jetzt für den Besuch eines Restaurants oder eines Hotels beizubringen habe. Deshalb ist für die Unternehmerin klar: „Wer sich jetzt selbstständig macht, ist sehr mutig.“ Wer auf den Betrieb und dessen Umsatz angewiesen sei, um damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen, gehe derzeit ein sehr hohes Risiko ein.
Jeweilige Konzept wichtig
Wie entgegenkommend sind die Banken? Den Geldinstituten eilt der Ruf voraus, bei Krediten für die Gastronomie besonders kritisch zu sein. Das stellt Johann Kramer in Abrede. Der Vorstandsvorsitzende der Raiffeissen-Volksbank (Aurich) sagte, dass gastronomische Betriebe wie jedes Unternehmen der Prüfung nach der „nachhaltigen Kapitaldienstfähigkeit“ unterliegen. „Dabei spielt natürlich auch das jeweilige Konzept und die Ausrichtung eine Rolle. Hier gilt es jeweils das Geschäftsvorhaben des konkreten Einzelfalls zu analysieren. Dieses ist aber ein Prozess im Rahmen der ,normalen‘ Kreditprüfung und unterscheidet sich insofern auch nicht von den Prüfungskriterien für eine Kreditgewährung an Unternehmen anderen Branchen“, sagte Kramer. Nach dem Ende des ersten Lockdowns vor einem Jahr habe es vereinzelt lockere Anfragen von potenziellen Gastronomen wegen eines Kredits gegeben. Die hätten sich aber im Zuge des weiteren Lockdowns mehr oder weniger zerschlagen.
Wegen der unsicheren Lage haben die neuen Betreiber des Traditionslokals Kukelorum in Aurich-Rahe die für Mitte Dezember geplante Wiederöffnung verschoben. „Wir hätten eigentlich unseren Hannes-Flesner-Abend am 11. Dezember feiern wollen. Wegen der gestiegenen Corona-Fallzahlen haben wir das aber abgesagt“, sage Bärbel Wermerßen-Birnbaum. Die Eigentümerin des Lokals sprach davon, dass es auch schon Anmeldungen für Weihnachtsfeiern gegeben habe. Diese seien ebenfalls storniert worden: „Weil man keine Aussagen zur Zukunft treffen kann, renovieren wir jetzt erstmals weiter bis Ostern und sehen, was dann ist.“
Die Gaststätte Kukelorum ist seit zwei Jahren geschlossen. Die letzten Pächter sind 2019 vorzeitig aus dem Vertrag ausgestiegen. Die in der Nähe von Düsseldorf lebende Eigentümerin hatte sich dann Zeit mit der Verpachtung gelassen. Im Frühjahr hieß es, dass ein ernsthafter Pächter gefunden worden sei, der war dann aber abgesprungen, weil es keine Einigung über die Modalitäten für den Pachtvertrag gab. Im Spätherbst wurde ein neuer Pächter gefunden, dessen Identität Bärbel Wermerßen-Birnbaum aber nicht preisgeben möchte. Das Kukelorum ist vor allen Dingen durch den ostfriesischen Liedermacher Hannes Flesner (1928-1984) bekannt geworden. Für das ostfriesische Original war das Kukelorum so etwas wie sein zweites Zuhause.