Kundgebungen
Montagabend in Leer: Erst demonstrieren die einen, dann die anderen
Der Montagabend in Leer versprach lebhaft zu werden. Seit drei Wochen demonstrieren jeden Montag Gegner der Corona-Maßnahmen. Dem traten Leeraner mit einer Menschenkette entgegen.
Leer - Dieser Montagabend hatte Potenzial für eine Menge Ärger. Die Parteien in Leer – abgesehen von der AfD – und das Bündnis „Leer zeigt Haltung“ hatten zu einer Menschenkette aufgerufen, mit der „ein Zeichen für unsere Demokratie und für eine gewaltfreie Meinungsäußerung in Leer“ gesetzt werden soll. Sie ist auch eine Reaktion auf die Kundgebungen von Gegnern der Corona-Maßnahmen, die schon an den beiden vorangegangenen Montagen stattgefunden haben. In dieser Woche rechnen viele mit einem Aufeinandertreffen beider Gruppen.
Was und warum
Darum geht es: Gegner von Querdenkern und Gegner der Corona-Maßnahmen haben am Montag in Leer demonstriert. Die Ersteren hielten sich an das Versammlungsrecht, Letztere trieben ein Verwirrspiel.
Vor allem interessant für: alle, die eine Meinung zum Sinn oder Unsinn der Corona-Maßnahmen haben, und die, die sich über die vielen Polizeiautos wundern, die sich neuerdings jeden Montag in Leer versammeln
Deshalb berichten wir: Für diesen Montag waren gleich zwei Kundgebungen angemeldet: Von Gegnern der Corona-Maßnahmen und denjenigen, die denen entgegentreten wollen. Die Autorin erreichen Sie unter: k.mielcarek@zgo.de
Es fängt aber ganz entspannt an: Um 17 Uhr beginnt die Menschenkette sich zu formieren. Aus allen Richtungen kommen die Teilnehmer, teils alleine, teils in Gruppen. Den Hinweis der Polizei, keine Metallstangen oder mehr als anderthalb Meter lange Stöcke mit sich zu führen, nehmen sie weitgehend regungslos zur Kenntnis. Die Menschenkette wächst, am Anfang recht schnell, nach einer halben Stunde deutlich langsamer. Die Ordner achten darauf, dass zwischen den Teilnehmern, die nicht zu einem Haushalt gehören, ein Abstand von anderthalb Metern eingehalten wird.
Unbekannte fotografieren Menschenkette
Das hat neben der Erfüllung der Corona-Regeln noch einen anderen Vorteil: Es macht die Schlange länger. Bald ist nämlich klar: Bis zum Rathaus, wie die Initiatoren gehofft hatten, wird es an diesem Abend nicht reichen. Aber bis zur Wörde kommt die Menschenkette nach einer Stunde. „300 Teilnehmer sind ein Super-Ergebnis“, sagt Mechthild Tammena, die die Aktion bei der Stadt angemeldet hatte. Sie freut sich auch, dass es keinerlei Zwischenfälle oder Aggressionen gegeben habe. Dass mehrere Personen, die die Veranstalter alle nicht kennen, während der ganzen Stunde immer wieder Fotos von der Menschenkette machen, irritiert zwar, aber näher damit beschäftigen will sich niemand.
Ebenso stoisch nehmen die Menschen in der Kette einen jungen Mann zur Kenntnis, der an ihnen vorbeiläuft und lautstark den Marius-Müller-Westernhagen-Hit „Freiheit“ abspielt. Zweimal kommt er vorbei – den Blick starr nach vorne gerichtet. Um 18 Uhr beendet eine „Klatsch-Welle“ die Menschenkette: Der Applaus wandert vom einen Ende bis zum anderen. Beifall gibt es auch aus einigen Geschäften heraus und von Passanten.
Wo sind die Gegner der Corona-Maßnahmen?
Aber wo sind diejenigen, die unter anderem den Anlass für diese Menschenkette geliefert hatten? Die Personen, die an den beiden vergangenen Montagen mit ihren unangemeldeten Spaziergängen auch der Polizei einiges Kopfzerbrechen bereitet haben? „Wir haben gehört, dass sie vielleicht dieses Mal gar nicht kommen“, sagt Bruno Schachner, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Leeraner Rat und Ordner bei der Menschenkette. Sie sollen dieses Mal nach Papenburg ausgewichen sein, wo an diesem Montagabend ebenfalls eine Kundgebung gegen Corona-Maßnahmen stattfindet.
„Wir wissen nichts. Wir haben keine Erkenntnisse“, sagt am späten Montagnachmittag Svenia Temmen von der Pressestelle der Polizei. Die Polizei ist an diesem Abend deutlich weniger präsent als eine Woche zuvor, als gut zehn Mannschaftswagen durch die Fußgängerkurve kurvten. Ob tatsächlich weniger Ordnungskräfte in Leer sind, verrät die Polizei nicht: Man habe soviel Personal vor Ort, wie man eben brauche, so Temmen.
Ohne Plakate, ohne Fackeln
Was die Polizeisprecherin nicht verrät: Anders als an den beiden vorangegangenen Montagen haben die Gegner der Corona-Maßnahmen, namentlich Johann Redenius aus Rhauderfehn, dieses Mal für 18 Uhr einen am Denkmalsplatz startenden „Spaziergang“ bei der Stadtverwaltung angemeldet. Zur angekündigten Uhrzeit tut sich allerdings nichts. Aber um kurz vor 19 Uhr sammeln sich vor dem Zollhaus an die 30 Personen – ohne Plakate, ohne Fackeln und ruhig. Sie brechen auf in Richtung Fußgängerzone, treffen da auf eine weitere etwa 30 Mann starke Gruppe und kehren mit ihr zusammen zum Bahnhof zurück. Von da aus geht es durch die Fußgängerzone und die Altstadt bis zum Waageplatz. Ein Bulli der Polizei fährt hinterher.
Am Waageplatz geht es plötzlich ganz schnell: Aus mehreren Richtungen kommen Mannschaftswagen der Polizei mit Blaulicht angesaust, die Türen fliegen auf, zahlreiche Beamte springen raus, riegeln alle Ausgänge des Platzes ab und stoppen so den Spaziergang. Eine junge Frau, die schnell noch den Ort des Geschehens verlassen will, wird von zwei Beamten halb zurückgeschoben halb zurückgetragen, nachdem sie sich nicht überreden lässt, von alleine in den Kreis der anderen zurückzukehren.
Weihnachtslieder nach dem ersten Schrecken
Bei den jäh gestoppten Spaziergängern, unter denen auch Kinder sind, legt sich der erste Schrecken offenbar schnell. Es werden Weihnachtslieder angestimmt. Dann wird auffällig lautstark die nächste Kundgebung verabredet: „Nächsten Montag um 19 Uhr auf dem Denkmalsplatz? Oder lieber 18 Uhr?“ Man einigt sich auf den früheren Termin: „Und bringt eure Freunde mit.“ Auch, wie die Kommunikation innerhalb der Gruppe laufen soll, wird mehr als deutlich verkündet: über Telegram- und WhatsApp-Gruppen. Telegram und WhatsApp bieten die Möglichkeit, über das Internet innerhalb von geschlossenen Gruppen Nachrichten auszutauschen.
Am Dienstag beschreibt die Polizei das Geschehen so: Die Gruppe sei in der Nähe des Rathauses angetroffen worden und habe auf Befragen angegeben, einen Spaziergang zu machen, um gegen die Corona-Maßnahmen zu protestieren. Mit dem Versammlungsleiter, der sich erst vor Ort als solcher zur Verfügung gestellt habe, habe man eine Strecke besprochen und die Gruppe dann für ihren Protestzug durch die Stadt begleitet. Am Bahnhof habe eine Kundgebung die Versammlung beendet.
Wie geht es am kommenden Montag weiter? So richtig weiß das im Moment noch niemand. Die Stadt habe den Gegnern der Corona-Maßnahmen das Angebot eines Kooperationsgesprächs gemacht und warte nun auf eine Rückmeldung des Verantwortlichen, teilt Stadtsprecher Patrick Düselder auf Anfrage der Redaktion mit.