Gesellschaft

Corona-Demos in Emden: Die Angst läuft mit

Gordon Päschel
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Von Gordon Päschel
| 19.12.2021 16:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Ein Polizist kontrolliert das Attest eines Demo-Teilnehmers, der keine Maske trägt. Foto: J. Doden
Ein Polizist kontrolliert das Attest eines Demo-Teilnehmers, der keine Maske trägt. Foto: J. Doden
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Tränen, Trommeln und Plakate: Die Stadt Emden erlebt zwei Aufmärsche und den Einsatz einer Hundertschaft. Vordergründig bleibt alles friedlich. Aber die Verunsicherung ist greifbar.

Emden - Die Demonstranten sind gekommen um zu kämpfen. Für oder gegen etwas. Das ist der Tenor, der am Samstag in Emden zu hören ist. Es geht um Freiheit und Demokratie, Kinder und Zukunft, Fakten und Halbwahrheiten, Impfstoff und Corona. Für einige geht es sogar um Obst, Gemüse und Flüchtlinge. All das und noch viel mehr steht auf Plakaten, die an diesem trüben Dezembertag in die Höhe gehalten werden, während auf dem Weihnachtsmarkt im Stadtgarten Musik spielt und die Omikron-Variante durchs Nachbarland Dänemark rauscht.

Was und warum

Darum geht es: In Ostfriesland bringen die Pandemie und die gesellschaftliche Spaltung immer mehr Menschen auf die Straße.

Vor allem interessant für: diejenigen, die ein objektives Bild von den Geschehnissen und den Demonstrationszügen in Emden haben wollen

Deshalb berichten wir: Am Samstag fand in Emden am dritten Wochenende nacheinander eine Demonstration statt. Weil an den beiden ersten Versammlungen verschwörungsideologische und anti-demokratische Plakate gezeigt worden waren, hatte sich diesmal dazu eine Gegenbewegung formiert.

Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de

Das Leben ist für viele unsicher geworden, ungewiss und unbequem. Es braucht diesen Zusammenhang, um besser einordnen zu können, was da an diesem Wochenende in Emden passiert ist und um zu verstehen, warum mehr als 650 Menschen auf die Straße gehen – verteilt auf zwei Demonstrationszüge, begleitet von einer Hundertschaft Polizisten in schwerer Schutzmontur. Die Angst geht um und sie könnte diffuser kaum sein.

„Lasst uns die Hände reichen“

Auf einem großen Parkplatz in Hafennähe spricht eine Frau im roten Wintermantel unter Tränen ins Megafon. Sie sagt, dass sie eine besorgte Mutter ist und hat für diesen Tag einen Demonstrationszug angemeldet. Das Motto: „Eltern gegen Rechts und für freie Impfentscheidung“. Ihren Namen will die Frau nicht in der Zeitung lesen, darauf bestehe sie – zum Selbstschutz und aus Angst um ihre Familie. Auf dem Platz sagt sie laut vor Kameras: „Lasst uns doch die Hände reichen. Hören wir auf mit der Spaltung!“. Und sie ruft der Menge zu: „Ich bin nicht gegen die Impfung.“ Es gibt Applaus.

Als „überwiegend ganz normale Bürger“ fasst die Polizei die Teilnehmer der beiden Demonstrationen in Emden zusammen. Foto: J. Doden
Als „überwiegend ganz normale Bürger“ fasst die Polizei die Teilnehmer der beiden Demonstrationen in Emden zusammen. Foto: J. Doden

Es ist die dritte Kundgebung dieser Art in Emden. Vor zwei Wochen kamen rund 250 Teilnehmer, eine Woche darauf etwa 350. Diesmal sind noch es noch mehr. „460“, zählt Martin Wegbünder, Leiter des Ordnungsamtes der Stadt. Weil bei den ersten beiden Aufmärschen verschwörungsideologische und demokratiefeindliche Transparente und Symbole gezeigt wurden, hat sich nicht nur der Staatsschutz angekündigt, sondern auch eine Gegendemonstration. Angemeldet hat sie ein Aktionsbündnis aus der „Arbeitsgemeinschaft gegen Rechts“, der Hochschule Emden/Leer, der Partei „Die Linke“ und der Gruppe „Tegenkrabben – gegen Fake-News & Hetze“. Zu diesem Marsch durch die Innenstadt werden gut 200 Teilnehmer von Wegbünder gezählt. Aber das ist erst zwei Stunden später.

Stoff-Virus mit großen Augen

Vorher nimmt die erste Veranstaltung auf dem Parkplatz ihren Lauf. Unter den Teilnehmern sind viele Familien und Kinder, aber auch Jugendliche und Senioren. Ein Junge trägt ein luftballongroßes Stoffkissen: ein purpurfarbenes Coronavirus mit großen gelben Augen. Ein Mann in blauen Joggingschuhen hat ein in Aluminium verpacktes Cappy auf dem Kopf. An seiner Jacke baumeln mehrere Schilder: „Ich wünsch mir ein Impfstoff gegen das ,Linksvirus‘“, steht auf einem. Das Plakat einer Frau in den Dreißigern verkündet die Botschaft „Obst und Gemüse statt Spritzen und Masken!“. Das Bild sowohl der Teilnehmer dieser als auch der anderen Demonstrationen fasst die Sprecherin der Polizeiinspektion Svenia Temmen am Abend als „überwiegend ganz normale Bürger“ zusammen. Sie sagt außerdem: Es habe „keine Auffälligkeiten gegeben“.

Der Marsch der Impfpflicht-Gegner führt durch die Friedrich-Ebert-Straße. Foto: J. Doden
Der Marsch der Impfpflicht-Gegner führt durch die Friedrich-Ebert-Straße. Foto: J. Doden

Ob die Frau im roten Mantel und Demo-Veranstaltungsleiter Frank Blaß es verhindern wollen oder nicht: Zu den Eltern und Impfpflichtgegnern gesellen sich nicht nur „ganz normale Bürger“. Mit dabei ist unter anderem AfD-Mann Dr. Reiner Osbild, jener Professor der Emder Hochschule, der die Zuwanderung von Geflüchteten in der Vergangenheit als „Teil eines satanischen Generalangriffs“ bezeichnete. Was er am Samstag von der Aufforderung der Polizei hält, die Atteste von denjenigen sehen zu wollen, die ohne Mund-Nasen-Schutz mitlaufen, sagt er einem Bekannten, der neben ihm geht: „Die kontrollieren sie, die Papiere von Einwanderern aber nicht.“

AfD-Mann Dr. Reiner Osbild (rechts) marschierte am Samstag bei der ersten Demo unter dem Motto „Eltern gegen Rechts und für freie Impfentscheidung“ mit. Foto: J. Doden
AfD-Mann Dr. Reiner Osbild (rechts) marschierte am Samstag bei der ersten Demo unter dem Motto „Eltern gegen Rechts und für freie Impfentscheidung“ mit. Foto: J. Doden

Ins rechte Licht gerückt

Und dann ist da noch jener Mann, den die Polizei anzeigt, weil er am Rande der Demo den Hitler-Gruß gezeigt haben soll. Angesprochen auf den Vorfall und die Gefahr der Unterwanderung ihrer Veranstaltung durch rechtsradikale Gruppen oder Anhänger von Verschwörungsideologien, sagt die Frau vom Veranstalterteam: „Natürlich ist mir nicht egal, wer mitläuft.“ Sie wolle nicht, „dass die gute Sache in ein anderes Licht gerückt“ werde, könne aber „nicht kontrollieren, wer von außen dazu kommt“.

Mit Plakaten zogen die Demonstranten durch die Straßen. Foto: J. Doden
Mit Plakaten zogen die Demonstranten durch die Straßen. Foto: J. Doden

Maike Richtler, die die Gegendemo für Samstag im Namen des Aktionsbündnisses angemeldet hatte, hat daran so ihre Zweifel. Sie ist sicher, dass Corona-Demos und die Ängste der Teilnehmer gezielt „von antisemitischen, rassistischen und rechtsextremistischen Strömungen“ benutzt würden. Die wechselnden Titel der Veranstaltungen und die wechselnden Namen derjenigen, die sie anmelden bezeichnet sie als „subtilen Versuch, darüber hinwegzutäuschen, dass es immer der gleiche Kern ist“, der zum Aufmarsch in Emden aufrufe.

„Wirr ist das Volk“

Vor dem Bahnhof beginnt am Nachmittag der zweite Demonstrationszug durch die Stadt. Es versammeln sich weniger Familien und Kinder, dafür mehr Studenten und Vertreter des Emder Rates aus unterschiedlichen Parteien. Sie wollen ein Zeichen setzen, ihre Botschaften auf den Plakaten sind breit gestreut: „Unsere Stadt ist demokratisch“, „Wirr ist das Volk“, „Flüchtlinge willkommen“ oder „Wissenschaft & Fakten gegen rechtes Geschwurbel“ ist zu lesen.

Vom Bahnhof aus machte sich ein zweite Gruppe auf den Weg durch die Stadt, darunter viele Studenten. Foto: J. Doden
Vom Bahnhof aus machte sich ein zweite Gruppe auf den Weg durch die Stadt, darunter viele Studenten. Foto: J. Doden

Auch hier geht die Angst mit. Das Corona-Virus, die Folgen der Pandemie und der Spaltung haben alte Gewissheiten ins Wanken gebracht. In den vergangenen zwei Jahren wurden Grenzen verschoben. Unter einem Pavillon der Linken hält der Vorsitzende des konservativen Emder CDU-Kreisverbandes, Wilke Held, eine Rede. Etwas abseits steht eine Gruppe in die Jahre gekommener Antifa-Fahnenträger und hört ihm zu. Es ist nicht lange her, dass diese Konstellation ebenso abwegig schien wie die Vorstellung, dass Naturheilfreunde und die AfD Seite an Seite stehen.

Zu den beiden Demonstrationen erhielt die Polizeiinspektion Leer/Emden Verstärkung von einer Hundertschaft der Einsatzbereitschaft Oldenburg. Foto: J. Doden
Zu den beiden Demonstrationen erhielt die Polizeiinspektion Leer/Emden Verstärkung von einer Hundertschaft der Einsatzbereitschaft Oldenburg. Foto: J. Doden

Auf zum nächsten Einsatzort

Mit Beginn der Dämmerung setzt sich der Marsch vom Bahnhofsvorplatz in Bewegung. Bevor die ersten Teilnehmer diese zweiten Zuges skandierend die Fußgängerzone erreichen, kreuzt eine Fahrzeugkolonne der Bereitschaftspolizei ihre Route. Es sind Beamte, die das Ende der ersten Demo abgesichert haben, auf dem Weg zu ihrem nächsten Einsatzort. Die Hundertschaften haben in diesen Tagen viel zu tun. Emden, Weener, Leer. Alleine in den Zuständigkeitsbereich der Polizeiinspektion Leer/Emden fallen in dieser Woche drei Veranstaltungsorte.

Für Montag ist erneut eine Versammlung in Leer angemeldet. Wer kommt und was passieren wird, ist auch diesmal für die Beamten nicht klar ersichtlich. „Wir bewerten die Lage immer neu“, sagt Sprecherin Svenia Temmen. Und Emden? Der nächste Samstag fällt auf den ersten Weihnachtsfeiertag, eine Woche später ist Neujahrstag. Mit Stand von Freitagvormittag schreibt die Pressestelle der Stadt Emden, dass bei ihr momentan keine weitere Demos angezeigt seien.

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