Analyse
Krisen, Kurzarbeit und Klimawandel: Die Lage bei VW in Emden
Die Automobilbranche steht unter Druck. Wie sehr, das hat sich dieser Tage besonders in Emden gezeigt. Eine Analyse.
Ostfriesland - Ohne hier zu viel aus dem Nähkästchen plaudern zu wollen: Pressekonferenzen haben ganz oft ihre eigene Dynamik. Da werden unbedachte Bemerkungen losgelassen, „unter Drei“ vermeintliche „Vertraulichkeiten“ platziert oder die tatsächliche Nachricht versteckt sich in einem gemurmelten Nebensatz. Bei der Pressekonferenz der IG Metall und des Emder VW-Betriebsrats war es ein kurzer Seufzer von Manfred Wulff, als die Journalisten schon ihre Kameras, Handys und Notizblöcke verstaut hatten. „Kurzarbeit ist kein Spaß“, sagte der Betriebsratschef am späten Mittwochnachmittag. Ein harmlos klingender Satz, der allerdings viel über die Situation von VW in Emden, in Niedersachsen und in der kompletten Automobilbranche Deutschlands aussagt.
Genau 72 Tage Kurzarbeit im VW-Werk Emden in diesem Jahr: Das bedeutet, dass die rund 8500 Beschäftigten, auf Grundlage einer Fünf-Tage-Woche, annähernd vierzehneinhalb Wochen zusätzlich nicht zur Arbeit erscheinen müssen. Hinzu kommt, dass der Konzern seinen Mitarbeitern – anders als in den meisten Unternehmen – das Kurzarbeitergeld auf 100 Prozent aufstockt. Von außen betrachtet sieht das wie eine satte Verdreifachung bis Vervierfachung des Urlaubs aus – ohne einen Cent weniger in der Tasche zu haben. Und das soll keinen Spaß machen?
„Letzte Maßnahme vor Arbeitslosigkeit“
Betriebsrat Wulff reagiert auf solche Zahlenspielchen berufsbedingt wenig erfreut, räumt aber auf Nachfrage unserer Redaktion ein, dass er auch die Kollegen immer mal wieder an den Ernst der Lage erinnern müsse. „Klar, wir sind in einer super herausragenden Situation“, sagte Wulff am Donnerstag. „Aber man muss auch wissen: Kurzarbeit ist die letzte Maßnahme vor Arbeitslosigkeit.“ Die Lage sei „bedrohlich“. Sie habe „irgendwann auch Auswirkungen auf die Beschäftigung“. Und: „Das alles kostet halt viel, viel Geld.“ Wulff weiß, um welche Beträge es sich handelt; er bekommt sie regelmäßig von der Werksleitung vorgelegt, weigert sich aber, öffentlich eine Summe zu nennen. Auch auf die Frage, ob es sich bei den Produktionsausfällen um einen zwei- oder dreistelligen Millionenbetrag oder noch mehr handelt, antwortet er nur: „Netter Versuch.“
Betriebsräte kommen an ihre Grenzen
Die Personalausgaben – in Emden gib es zusätzlich zu den 8500 Stammbeschäftigten noch 800 Mitarbeiter in Altersteilzeit –, die Umsatzverluste, die Gewinneinbrüche: Das alles ist von außen kaum seriös einzuschätzen. Sicher ist aber, dass die Auswirkungen auf die Beschäftigung nicht „irgendwann“ kommen, sondern schon längst da sind. Knapp 150 Leiharbeiter haben gerade in Emden ihre Stellen verloren. Kurz vor Weihnachten. Und an so gut wie jedem Job hängt auch eine Familie.
Der Betriebsrat in Emden, aber auch die Arbeitnehmervertreter der anderen Werke kommen hier offenbar an ihre Grenzen. Im Wolfsburger Stammwerk werden rund 500 zeitlich befristete Verträge nicht verlängert. Verbissen hatte Wulff am Mittwoch vorgerechnet, dass man dem Werk in Emden nicht knapp 150 Stellen wegnehmen, sondern eigentlich 1000 mehr zur Verfügung hätte stellen müssen. Ein angesichts der vielen Kurzarbeit etwas verrückt wirkender Vorschlag, den der Betriebsrat aber mit der kommenden Zweigleisigkeit der Produktion, also von Verbrennern und von neuen E-Autos, begründen konnte. Die Werksleitung in Emden lehnte es am Donnerstag übrigens ab, die von Wulff vorgetragenen Zahlen zu kommentieren – logischerweise auch nicht, ob der ID.4 tatsächlich von Frühjahr an gebaut werden kann.
Solche Auskünfte erteilen mittlerweile andere. Wie das „Manager-Magazin“ unter Berufung auf „beteiligte Krisenmanager“ am Donnerstag berichtete, wird VW wohl seine in der vergangenen Woche beschlossene Fünfjahresplanung nicht ganz erfüllen können. Die für 2022 angepeilten Verkäufe von knapp zehn Millionen Autos und von fast elf Millionen im Jahr 2023 seien wohl zu optimistisch.
Auf die falschen Zulieferer gesetzt?
Der Emder Wulff teilte auf Nachfrage diese Einschätzung. Er geht davon aus, dass auch die in Emden für das nächste Jahr avisierten 260.000 Fahrzeuge nicht wie geplant vom Band laufen werden. Und was bedeutet das für die Arbeitnehmer und letztlich auch für die Kaufkraftentwicklung in der Region? „Wenn das hier ein rein renditegetriebener Konzern wäre, wüsste man ja, wie das ausgeht“, sagte Wulff. „Zum Glück haben wir hier die Beschäftigungsgarantie bis Ende 2029.“ In der Tat könnten sonst schnell die vielzitierten Lichter ausgehen. Dreh- und Angelpunkt der ganzen Misere ist der Halbleitermangel; es fehlen einfach die Computer-Chips. Dass das so ist, haben sich die Autobauer selbst zuzuschreiben. Als Anfang 2020 die corona-bedingte Absatzkrise ausbrach, wurden eiligst Chip-Bestellungen storniert. Nun fehlen diese Bauteile. Autos können nicht fertiggebaut werden. Die Mitarbeiter müssen nach Hause gehen. Hinzu kommt bei VW, dass der niedersächsische Konzern nach Darstellung von Wulff und anderen hauptsächlich mit deutschen Premium-Unternehmen wie ZF, Bosch und Conti zusammenarbeitet. Andere Autobauer wie BMW seien näher an den Chipherstellern in Taiwan dran, heißt es häufig.
Kürzlich hatte VW-Konzernchef Herbert Diess nach einem Bericht der Deutschen Presse-Agentur bei Bosch zum Thema Halbleiterkrise vorgesprochen. Demnach wollen die Schwaben für die nächste Zeit rund 30 Prozent weniger zusichern, als bei ihnen bestellt wurde. Es habe sich aber immerhin wohl etwas bewegt, wurde ein Teilnehmer des Treffens zitiert. Bei Volkswagen kümmert sich mittlerweile eine eigene Taskforce um die Chip-Beschaffung.
„Das Schlimmste noch vor uns“
Die Konzernbetriebsratschefin Daniela Cavallo klingt inzwischen pessimistischer als die Konzernführung selbst. „Die kommenden Monate werden hart, vor uns liegt eine echte Durststrecke“, sagte Cavallo vor Kurzem. „Noch das ganze nächste Jahr wird Mangelversorgung herrschen. Und auch 2023 wird es nicht plötzlich besser werden. Wir haben das Schlimmste noch vor uns.“
Kurzarbeit ist kein Spaß. Sie macht Angst. Ein nüchterner Blick auf die vorhandenen Zahlen reicht aus. Und wenn die Chipkrise dann irgendwann einmal vorbei ist, dann müssen noch eine praktikable Lade-Infrastruktur her, genügend erneuerbare Energien zur Verfügung stehen, ausreichend Batterien produziert werden – und letztendlich die vielen E-Autos von den Kunden auch noch gekauft werden. Aber das sind schon wieder andere Themen für eine Pressekonferenz in Emden.
VW in Emden sucht mehr als 1000 neue Mitarbeiter
VW Emden hofft auf Entscheidung am Mittwoch