Finanzen

Fluch und Segen: Emden und die VW-Millionen

Gordon Päschel
|
Von Gordon Päschel
| 16.12.2021 18:12 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Montage im Emder VW-Werk: Brummt der Umsatz beim Automobilhersteller, profitiert die Stadt von höheren Gewerbesteuereinnahmen. Foto: Ortgies
Montage im Emder VW-Werk: Brummt der Umsatz beim Automobilhersteller, profitiert die Stadt von höheren Gewerbesteuereinnahmen. Foto: Ortgies
Artikel teilen:

In guten Jahren profitiert Emden von sprudelnden Gewinnen bei Volkswagen. Stottert der VW-Motor, fehlen im Haushalt schnell Millionen. Wie will die Stadt sich von dieser Abhängigkeit lösen?

Emden - Die Rechnung ist simpel: Gute Verkaufszahlen gleich hohe Gewinne gleich hohe Steuern. In erfolgreichen Jahren für den Autohersteller Volkswagen profitiert die Stadt Emden von Millionenbeträgen aus Wolfsburg. Doch die einfache Formel hat einen ebenso wirkungsvollen Haken. Stottert beim Hauptgewerbesteuerzahler der Konjunkturmotor, wirkt sich das ebenfalls unmittelbar aus. Weniger Gewinn gleich weniger Steuern. Für die Zahlungsfähigkeit der Stadt werden die deutlich geringeren Einnahmen der vergangenen Jahre zum Problem: „Im Moment knallt uns das voll in die Finanzen rein“, sagt Kämmerer Horst Jahnke.

Was und warum

Darum geht es: die Abhängigkeit der Stadt Emden von Volkswagen

Vor allem interessant für: diejenigen, die in Emden leben oder von einer finanzstarken Stadt profitieren

Deshalb berichten wir: In Emden wird das Geld knapp. Der Kämmerer hat im Finanzausschuss des Rates angesichts des schlechten Jahresergebnis Alarm geschlagen. Wir wollten genauer wissen, wie stark die Stadt auf ihren Hauptsteuerzahler angewiesen ist und wie es bei den anderen Einnahmequellen aussieht.

Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de

Wie sehr Emden auf das Wohl ihres Hauptsteuerzahlers angewiesen ist, zeigen die Zahlen der vergangenen Dekade (siehe Grafik). Die Einnahmen schwanken enorm. Flossen im Rekordjahr 2012 noch mehr als 76 Millionen Euro nach Emden, schrumpften die Gewerbesteuerzahlungen im vergangenen Jahr auf unter 22 Millionen Euro. Nicht alles ist dem Automobilkonzern zuzuschreiben. Aber es gebe „ohne Wenn und Aber eine große Abhängigkeit“ von VW, den Zulieferfirmen und den Unternehmen, denen es nur gut geht, wenn es bei Volkswagen brummt. Jahnke bezeichnet es als „Monostruktur“. Zusammen macht die Autoindustrie etwa 70 Prozent des gesamten Gewerbesteueranteils für die Stadt aus, rechnet er vor. Er appelliert deswegen schon länger, dass sich Emden stärker auch um andere Branchen bemühen und sich breiter aufstellen müsse.

Wirtschaftsförderer setzt auf Wasserstoff

Aber was kann das sein? Stefan Klaassen ist Emdens oberster Wirtschaftsförderer. Im November 2020 trat er den Geschäftsführerposten einer neu geschaffenen Gesellschaft an, deren Zweck die Vermarktung der Stadt ist. Auch er sieht die Notwendigkeit, neben Volkswagen neue Standbeine aufzubauen. Sein Ziel sei es, „eine krisensichere Wirtschaft zu etablieren“. Im Blick hat er dabei das Thema erneuerbare Energie und Wasserstoff. Es bekomme dutzende Anfragen. „Emden ist der perfekte Standort“, glaubt Klaassen.

Seit November 2020 steht Stefan Klaassen an der Spitze der neu gegründeten Wirtschaftsförderung der Stadt Emden. Foto: Päschel
Seit November 2020 steht Stefan Klaassen an der Spitze der neu gegründeten Wirtschaftsförderung der Stadt Emden. Foto: Päschel

Die Stadt wird seit Jahren zur Energiedrehscheibe ausgebaut. Bislang soll der Strom aus den Offshore-Windparks allerdings überwiegend weiterfließen. Klaassen hofft, einen Teil davon zur Elektrolyse, also zur Herstellung von Wasserstoff vor Ort nutzen zu können. Dafür braucht es starke Partner und gute Argumente gegenüber konkurrierenden Regionen, die ebenfalls im größeren Stil in die Schlüsseltechnologie der Energiewende einsteigen wollen. Noch sei das Rennen offen, sagt der Wirtschaftsförderer. Das nächste Jahr könnte entscheidend sein. „Ich hoffe, dass wir 2022 wissen, wo es hingeht“, so Klaassen.

Zartes Pflänzchen KMU

Zur Strategie der Stadt, sich langfristig unabhängiger von Volkswagen zu machen, zählen aber auch kleinere und mittelständische Unternehmen, KMU genannt. Sie könnten zwar „nicht ersetzen, was uns ein großer Player wie VW in guten Jahren gibt“, sagt Horst Jahnke, und dass es „ein zähes Geschäft“ sei, neue Firmen nach Emden zu holen. Aber in der Summe brächten sie wichtige Arbeitsplätze und sicherten der Stadt stabile Einnahmen. Zahlen nennt der Kämmerer nicht, aber „ihr Anteil an der Gewerbesteuer ist gestiegen“, sagt er. Als Beispiel für eine positive Entwicklung wird oft auf den Flugplatz verwiesen. Dort hatten sich in den vergangenen Jahren mehrere Offshore-Dienstleister und Unternehmen angesiedelt.

Horst Jahnke ist im Verwaltungsvorstand der Stadt Emden für die Finanzen verantwortlich. Foto: Päschel
Horst Jahnke ist im Verwaltungsvorstand der Stadt Emden für die Finanzen verantwortlich. Foto: Päschel

Den Wert der KMU hat auch die Stadt Aurich für sich wiederentdeckt. Was in Emden VW ist, war dort für einige goldene Jahre der Windenergieanlagenhersteller Enercon. 2018 folgte das böse Erwachen. Es war das Jahr, in dem die zuvor üppig sprudelnde Steuerquelle abrupt versiegte. Der Industrieriese war ins Straucheln geraten. Spätestens seit dieser Erfahrung muss Aurich wieder auf andere Wirtschaftszweige setzen, „in der Regel sind es KMU“, sagt Bürgermeister Horst Feddermann (parteilos). Damit bestehende Betriebe wachsen oder neue nach Aurich kommen können, wurden mehrere Gewerbegebiete ausgebaut. Damit lässt sich das verlockend hohe Steueraufkommen vergangener Jahre zwar nicht ersetzen. Aber Feddermann freut sich nach dem Absturz über „moderate Steigerungen“ auf der Einnahmenseite.

Für die finanzielle Situation in Emden wird Volkswagen in den nächsten Jahren entscheidend bleiben. Jahnke gibt sich wohl auch deswegen zuversichtlich, dass die heftigsten Turbulenzen durch Dieselgate, die Pandemie und die kraftraubende Transformation des Konzerns zur Elektromobilität bald überstanden sind. Sein Optimismus, der sich auf Gespräche mit der Konzernzentrale in Wolfsburg gründe, lässt sich in seiner Steuerprognose für die kommenden Jahre ablesen. Der Kämmerer prophezeit einen steilen Anstieg der Emder Gewerbesteuereinnahmen. 2025, so seine Erwartung, werde diese wieder knapp 50 Millionen Euro betragen.

Ähnliche Artikel