Gefahren-Analyse
Auricher Klinik behandelte zweijähriges Kind mit Corona
Kinder gegen das Coronavirus impfen, ja oder nein? Auch in ostfriesischen Kliniken mussten schon Minderjährige mit Covid-19 behandelt werden. Der jüngste Corona-Patient in Aurich war gerade mal zwei Jahre alt.
Ostfriesland - Was ist riskanter für ein Kind – eine Impfung gegen Corona oder das Virus selbst? Das ist vermutlich die Frage, die sich derzeit besonders viele Eltern stellen – nachdem neuerdings ein Kinder-Impfstoff von Biontech für Fünf- bis Elfjährige zugelassen ist. Objektiv entscheiden lässt sich die Frage nicht.
Was und warum
Darum geht es: Eine Corona-Infektion verläuft bei Kindern oft symptomfrei – aber manche müssen ins Krankenhaus, auch in Ostfriesland.
Vor allem interessant für: Eltern, die gerade überlegen, ob sie ihre Kinder impfen lassen sollen.
Deshalb berichten wir: In der Diskussion um Corona-Impfungen geht es oft um seltene Impfreaktionen. Dabei wird teilweise ausgeblendet, welche Risiken vom Virus selbst ausgehen. Den Autor erreichen Sie unter: a.ellinger@zgo.de
Wie immer, wenn ein neuer Impfstoff auf den Markt kommt, gibt es noch relativ wenige Erfahrungswerte. „Das Risiko seltener Nebenwirkungen der Impfung kann aufgrund der eingeschränkten Datenlage derzeit nicht eingeschätzt werden“, teilte die Ständige Impfkommission (Stiko) jüngst mit. Je mehr Personen geimpft sind, desto zuverlässiger lässt sich statistisch feststellen, welche seltenen Impfreaktionen wie häufig beziehungsweise wie selten auftreten.
Entzündung der Kinder-Organe nach Corona-Infektionen
Gleichzeitig lässt sich weiterhin nur bedingt einschätzen, welche Langzeitfolgen das Virus bei Kindern auslösen kann – womöglich auch bei Kindern, die symptomlos infiziert waren. „Seit April 2020 berichten Experten zunehmend von einem seltenen Krankheitsbild, das in Verbindung mit einer Infektion durch Sars-CoV-2 bei Kindern und Jugendlichen auftritt“, berichtet der Klinik-Konzern „Helios“ auf seiner Internetseite. Es geht um eine Krankheit, die unter den Namen MIS-C (Multisystem Inflammatory Syndrome in Children) und PIMS (Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome) bekannt ist: „MIS-C zeichnet sich durch Entzündungen in Organen wie Haut, Herz, Magen-Darm-Trakt, Schleimhäute, Lunge, Leber und Nieren aus.“
Erste Symptome von MIS-C treten demnach nicht direkt nach einer Corona-Infektion auf, sondern etwa zwei bis sechs Wochen später. Experten nähmen an, dass die körpereigene Immunabwehr gegenüber dem Corona-Virus überreagiere und einen akuten Entzündungsprozess in Gang setze. „Bisher gibt es keine genauen Aussagen über die Häufigkeit der Erkrankung“, erläutert Professor Dr. Tim Niehues, Chefarzt des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin im Helios Klinikum Krefeld. „In großen Kliniken liegen die Fälle geschätzt etwa zwischen zehn und zwanzig. Bundesweit gesehen, ist diese Häufung beachtlich.“ Weiter berichten die Helios-Kliniken: „MIS-C ist ein relativ neues Phänomen in der Kinderheilkunde, deshalb gibt es bislang keine Aussagen über Langzeitfolgen. Die Chancen, dass die Erkrankung bei Kindern vollständig ausheilt, sind gut. In seltenen Fällen werden die Organe so schwer geschädigt, dass langfristige Schäden zurückbleiben.“
Die Corona-Inzidenz bei Kindern in Ostfriesland
Hinzu kommt, dass sich das Virus verändert. Die Delta-Variante hat während der vierten Corona-Welle mehr Kinder infiziert als die Vorgänger-Varianten in früheren Wellen. Die Ansteckungen der vergangenen Wochen und Monaten sind nach Erkenntnissen des Robert-Koch-Instituts (RKI) fast zu 100 Prozent auf Delta zurückzuführen. Unter Sechs- bis Elfjährigen in Ostfriesland, also den ungeimpften Grundschülern, stieg die Sieben-Tage-Inzidenz im November und Dezember auf mehr als 500. Das geht aus der Melde-Statistik des RKI hervor. Genauso, dass die Inzidenz bei den Sechs- bis Elfjährigen in der vergangenen Woche auf 345,92 sank, während die Inzidenz der Gesamtbevölkerung in Ostfriesland nur bei 144,8 lag.
Dabei ist zu berücksichtigen, dass Kinder in der Schule tendenziell häufiger getestet werden als Erwachsene und bei ihnen folglich überdurchschnittlich viele symptomlose Infektionen entdeckt werden dürften. Dass die Inzidenz aber mehr als doppelt so hoch ist, könnte trotzdem so interpretiert werden, dass ungeimpfte Kinder von der Delta-Welle überdurchschnittlich betroffen sind. Dass das Virus Kinder derart zahlreich befällt, ist neu. Um etwaige Langzeitfolgen ermitteln zu können, die daraus resultieren könnten, muss natürlich erst mal Zeit vergehen.
Virus-Varianten verursachen beständigen Erkenntnis-Mangel
Derweil beginnt sich die Omikron-Variante in Deutschland zu verbreiten. Es gibt die Befürchtung, dass sie für Kinder gefährlicher als die Delta-Variante sein könnte. Bewiesen ist das aber nicht. Denn zwangsläufig wird für Studien eine gewisse Zahl an Infektions- und Krankheitsfällen gebraucht. Unterdessen muss zudem untersucht werden, wie gut die Impfstoffe gegen Omikron wirken. Das gilt auch für den Kinder-Impfstoff.
Die Corona-Pandemie ist so dynamisch, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse zwangsläufig immer hinterherhinken. Auf neue Erkenntnisse zu warten, ehe beispielsweise Impf-Entscheidungen getroffen werden, macht folglich nur bedingt Sinn. Denn sobald die erwarteten Erkenntnisse da sind, gibt es neuen Wissensbedarf. Insofern dürfte es auch ein bisschen auf das Bauchgefühl ankommen, ob man dem Virus oder dem jeweiligen Impfstoff mehr vertraut – das gilt auch für Kinder und ihre Eltern.
Wie viele Kinder mit Covid-19 waren in ostfriesischen Kliniken?
Aus Ostfriesland lässt sich berichten, dass es trotz einer Kinder-Inzidenz von mehr als 500 zu keinem Ansturm von Covid-19-Patienten auf Kinderarzt-Praxen gekommen ist. Das ging in der vergangenen Woche aus einer Stellungnahme von Kinderarzt Götz Gnielka aus der Emder Praxis am Kattewall hervor. Gnielka ist Obmann des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte im Bezirk Ostfriesland-Papenburg.
Wie sieht es in den ostfriesischen Krankenhäusern aus? Dort wurden – Stand Mittwoch – zehn Covid-19-Patienten intensivmedizinisch behandelt und sieben davon invasiv beatmet. Minderjährige Covid-19-Patienten hätten aber noch nie auf den Intensivstationen gelegen, teilten die Betreiber der ostfriesischen Kinderkliniken Anfang der Woche mit – die Trägergesellschaft der Krankenhäuser Aurich, Emden und Norden sowie das Klinikum Leer. Auf Normalstation haben sie hingegen Covid-19-Patienten unter 18 Jahre behandelt – insgesamt 27.
Im Jahr 2020 seien sechs von 71 Covid-19-Patienten, also knapp 8,5 Prozent, nicht volljährig gewesen, berichtet das Klinikum Leer – im Jahr 2021 seien es 14 von 241 gewesen (5,8 Prozent). In Aurich sind laut Trägergesellschaft insgesamt sieben Minderjährige mit Covid-19 stationär behandelt worden. „Andere wurden ambulant versorgt.“ Der jüngste Corona-Patient sei erst zwei Jahre alt gewesen. „Die Durchseuchung“ mit dem Corona-Virus sei bei Kindern „noch in den Anfängen“, erklärt Dr. Gerhard Däublin, Chefarzt der Auricher Kinderklinik. „Um einen Schutz vor der noch anstehenden Infektion zu bekommen, ist daher die Impfung jetzt sinnvoll.“