Umwelt
Emden: Richtungsstreit unter Naturschützern
Uferschnepfe, Kiebitz und Co. sind vom Aussterben bedroht. In Emden soll solchen Wiesenvögeln geholfen werden. Unter Naturschützern schwelt dazu ein Streit. Warum eigentlich?
Emden - Es ist ein stilles Verschwinden: Seit Jahrzehnten gibt es immer weniger Wiesenvögel. Der Rückgang ist nach Angaben des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) dramatisch. Jan Schürings, Leiter der Nabu-Geschäftsstelle Ostfriesland, beziffert ihn für die besonders stark betroffene Uferschnepfe auf 57 Prozent in den vergangenen knapp 40 Jahren. Als Hauptgrund nennt er den immer knapper werdenden Lebensraum. Die Entwässerung und Versiegelung von Flächen sowie der Bedarf der Landwirtschaft setzten die Bodenbrüter unter Druck. „Es ist ein europaweites Phänomen“, so Schürings.
Was und warum
Darum geht es: Wie bedrohten Wiesenvögeln geholfen wird und ob dafür Bäume gefällt werden müssen
Vor allem interessant für: Umweltinteressierte sowie diejenigen, die über Naturschutzmaßnahmen entscheiden oder sie umsetzen
Deshalb berichten wir: In Emden rasseln Naturschützer immer wieder aneinander, zuletzt in einer öffentlichen Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses. Wir wollten wissen, woher der angestaute Ärger rührt. Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de
Um zu verhindern, dass Uferschnepfe, Kiebitz und Co. auch in Ostfriesland vollständig verdrängt werden, spielt Emden eine zentrale Rolle. Weil die Wiesenvögel rund um die Seehafenstadt ursprünglich ideale Bedingungen vorfanden und die Polderflächen auch heute für die verbleibende Population von großer Bedeutung sind, ist die Stadt nach EU-Recht zu besonderen Anstrengungen verpflichtet. So weit, so klar. Doch wenn es darum geht, wie den Bodenbrütern das Leben wieder erleichtert werden kann, schwelt unter Naturschützern seit Monaten ein Streit.
„Wir stehen vor einem Dilemma“
Im Kern geht es um die Frage, wie stark in die Natur eingegriffen wird, um die Natur zu schützen. Zum Ärger der beiden ehrenamtlichen Naturschutzbeauftragten der Stadt Emden, Habbo Wildeboer und Stefan Rölling, wurden und werden immer wieder dutzende Bäume und Gehölzgruppen gefällt. Sie bezweifeln, dass dieser Kahlschlag gerechtfertigt ist, und drängen auf ein Umdenken. „Wir stehen vor einem Dilemma“, sagt Wildeboer. „Die Natur reagiert eben nicht so, wie wir es wollen und vor allem reagiert die Natur nicht auf Knopfdruck.“ Er appelliert: „Wir brauchen sehr viel mehr Fingerspitzengefühl.“
Seine Kritik zielt auf das Umweltamt der Stadt Emden und die Ökologische Nabu-Station Ostfriesland, die der Geschäftsstelle von Schürings angegliedert ist. Die Nabu-Station hatte den Zuschlag auf eine Ausschreibung der Stadt bekommen. Im Auftrag der Unteren Naturschutzbehörde setzt sie in den beiden Vogelschutzgebieten „Krummhörn“ (im nordwestlichen Stadtgebiet) und „Ostfriesische Meere“ (nahe der Stadtteile Uphusen und Marienwehr) EU-Vorgaben zum Schutz von Wiesenvögeln um.
Fressfeinde im Unterholz
Im Zuge der Maßnahmen sollen bis zu 1000 Büsche, Bäume und andere aufschießende Gehölze gerodet werden. Dr. Christian Federolf, der Leiter des Fachdienstes Umwelt, begründet diesen Eingriff mit der Absicht, natürliche Fressfeinde von Wiesenvögeln im Zaum zu halten. Er spricht von einem „zunehmenden Ungleichgewicht“, weil Greifvögel und andere Prädatoren wie Fuchs, Marder und Igel dank dichtem Unterholz gegenüber Bodenbrütern im Vorteil seien. Federolf verweist auch darauf, dass das Vorgehen des Nabu an einem Runden Tisch abgestimmt worden sei. An ihm kommen unter anderem auch Landwirte und Jäger zu Wort.
Dass Bäume und Büsche ideale Rückzugs- und Angriffsorte für die Fressfeinde von Wiesenvögeln sind, sieht auch Wildeboer. Allerdings verfolgt der 70-jährige Naturschutzbeauftragte einen anderen Ansatz. „Es geht nur in enger Abstimmung mit Landwirten“, ist er sicher. Anstatt in gewachsene Strukturen einzugreifen und diese im Sinne der Wiesenvögel umzugestalten, will Wildeboer möglichst viele bestehende Brutstellen ausfindig machen und schützen.
Landwirte melden Gelege
In landwirtschaftlich genutzten Polderflächen in Uphusen und Wolthusen hätten ihm Landwirte in diesem Jahr 40 Gelege gemeldet. Danach werde in Zusammenarbeit mit den Eigentümern oder Bewirtschaftern der Flächen sowie Jägern versucht, die Brutstätten so lange zu schützen, bis der Nachwuchs flügge geworden ist. Konkret heißt das: Jäger stellen Fallen gegen Fressfeinde und Landwirte erklären sich bereit, die Gelege bei der Mahd auszusparen. „Der Aufwand ist immens“, räumt Wildeboer den Nachteil dieser Methode ein.
GPS-gestützte Ortungsverfahren hätten jedoch gezeigt, so Wildeboer: „Wiesenvögel sind unglaublich standorttreu.“ Für entsprechend wichtig hält er es deswegen einerseits, die Population dort zu schützen, wo sie anzutreffen ist. Andererseits bezweifelt er, dass es den Naturschützern des Nabu gelingt, Bodenbrüter ohne Weiteres in dafür auserkorene Gebiete anzusiedeln. Diese Art des Wiesenvogelschutzes sei ihm „zu theoretisch“. Wenn Bäume gefällt und bestehende Biotope verändert werden, sei das in seinen Augen „gegen den Artenschutz und gegen den Klimaschutz“, so Wildeboer. Er bezeichnet das Vorgehen als „blinden Aktionismus“.