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Aus dem netten Chat wird plötzlich ein Albtraum

Marion Luppen
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Von Marion Luppen
| 15.12.2021 15:48 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Wer beim Chatten belästigt wird, sollte keine Hemmungen haben, den Gesprächspartner zu blockieren. Foto: Stratenschulte/dpa
Wer beim Chatten belästigt wird, sollte keine Hemmungen haben, den Gesprächspartner zu blockieren. Foto: Stratenschulte/dpa
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Die Awo-Vertrauensstelle gegen Gewalt in Aurich warnt vor Cyber-Grooming. Das ist eine digitale Form des sexuellen Missbrauchs. Die Täter tarnen sich geschickt.

Aurich - Nette Leute kennenlernen und über interessante Themen quatschen: Gerade in Corona-Zeiten sind Online-Plattformen verlockend. Doch Vorsicht: Dort tummeln sich auch Straftäter. Leute wie Fred. Er ist 40 Jahre alt. In Chats gibt er sich als 15-jähriger Schüler Jonas aus und will intime Gespräche mit Jugendlichen führen. Das ist Cyber-Grooming, eine digitale Form des sexuellen Missbrauchs. Menschen wie Fred wollen junge Nutzerinnen und Nutzer zu sexuellen Handlungen überreden. Das geht vom Versenden intimer Bilder bis zu echten Treffen. Die Awo-Vertrauensstelle gegen Gewalt in Aurich warnt aus aktuellem Anlass vor Cyber-Grooming.

Wie läuft Cyber-Grooming ab?

Über Komplimente und Schmeicheleien versuchen die Täter, sich das Vertrauen der Opfer zu erschleichen. Rein zufällig hat der freundliche neue Chatpartner dann dieselben Hobbys oder hört dieselbe Musik.

Nach dem Erstkontakt wollen Cyber-Groomer rasch in private Chaträume wechseln oder erfragen die Handynummer, um den Chatpartner telefonisch oder per WhatsApp kontaktieren zu können. Alsbald wird das Gespräch auf sexuelle Inhalte gelenkt („Hast du schon Schambehaarung?“).

Die Täter versuchen, an intime Fotos oder anzügliche Videos ihrer Opfer zu kommen – um sie dann damit zu erpressen und zu persönlichen Treffen zu drängen. Von sich selbst geben die Täter kaum etwas preis.

Die Polizei Aurich/Wittmund erfasst dieses Phänomen in ihrer Kriminalstatistik nicht gesondert. Es falle unter sexuellen Missbrauch von Kindern, sagt Pressesprecherin Wiebke Baden. „Wir gehen von einem hohen Dunkelfeld aus.“ Davon ist auch Susanne Hirschmann überzeugt. Die Diplom-Psychologin von der Vertrauensstelle gegen Gewalt weist auf die gestiegene Nutzungsdauer hin: Aufgrund der Corona-Pandemie verbringen Kinder und Jugendliche momentan noch einmal deutlich mehr Zeit im Netz als in Vor-Corona-Zeiten.

Vier von zehn Jugendlichen wurden schon belästigt

Aktuelle Zahlen belegen das: Der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest legt seit 1998 jährlich eine repräsentative Studie zur Mediennutzung Jugendlicher in Deutschland vor, die Jim-Studie. Laut Jim-Studie 2021 sind 12- bis 19-Jährige im Schnitt vier Stunden täglich online. 94 Prozent von ihnen haben ein eigenes Smartphone, 76 Prozent einen Computer oder ein Laptop.

„Die sitzen da nicht nur und machen Hausaufgaben“, sagt Hirschmann. Die Zeit im Netz biete reichlich Gelegenheit für Cyber-Grooming, Mobbing und Hassbotschaften. „Vier von zehn Jugendlichen geben an, schon mal online belästigt worden zu sein“, sagt Hirschmann. Sie und ihr Kollege Klaus Ewald, Sozialpädagoge und Kinderschutzfachkraft beim Jugendamt des Landkreises Aurich, raten Kindern und Jugendlichen, aber auch Eltern zu mehr Vorsicht im Netz. Eltern sollte nicht egal sein, was ihre Kinder dort machen. „Man kauft ihnen ja auch kein Fahrrad und sagt: Fahr mal los“, sagt Ewald. Die Eltern könnten das nicht pausenlos überwachen, doch es sei wichtig, über Gefahren zu sprechen. Schon in der Kita müsse Medienkompetenz thematisiert werden, findet der Sozialpädagoge.

Am Freitag geht es vor Gericht um einen aktuellen Fall

Die Auricher Fachleute berichten von einem aktuellen Fall aus der Region: Eine 15-Jährige wurde von einem Erwachsenen per Chat zu einem persönlichen Treffen gedrängt, bei dem es prompt zu einem sexuellen Übergriff kam.

Vor dem Landgericht Aurich wird an diesem Freitag in einer Berufungsverhandlung über einen Fall aus dem vergangenen Jahr verhandelt. Ein 22-Jähriger aus dem Landkreis Leer soll über Chats Kontakt mit einer 15-Jährigen aufgenommen haben. Die Jugendliche schickte ihm Nacktbilder. Der Mann soll sie damit erpresst und so sehr unter Druck gesetzt haben, dass sie in ein persönliches Treffen einwilligte. Er soll sie dann auf dem Schulhof der Berufsbildenden Schulen vergewaltigt haben. Das Amtsgericht Leer hatte den 22-Jährigen zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten verurteilt.

„Das mag man sich nicht eingestehen“

Nur wenige Fälle werden der Beratungsstelle in Aurich bekannt. Das Thema sei mit viel Scham behaftet, sagt Hirschmann. „Das mag man sich nicht eingestehen, dass der nette Chat die komplette Verarsche war.“ Außerdem hätten Kinder und Jugendliche Sorge, dass ihnen die Eltern Handy- oder Internetverbot erteilen, wenn sie von ihren Problemen erzählen.

Die Täter – auch Täterinnen – täuschen häufig vor, jünger zu sein. Sie suchen auf Plattformen wie TikTok und Instagram oder über Online-Spiele wie Fortnite Kontakt zu Kindern und Jugendlichen. „Kinder und Jugendliche fühlen sich in den eigenen vier Wänden sicher“, sagt Hirschmann. Deshalb reagierten sie beim Chatten meist sehr viel naiver auf Kontaktaufnahmeversuche von Fremden, „wo sie im normalen Leben misstrauisch wären“. Gerade in Zeiten der Kontaktbeschränkung verfängt diese Masche, erklärt Hirschmann: „Wenn ich gerade mies drauf bin, meine Freunde nicht treffen kann und dann da jemand ist, der Interesse zeigt und die gleichen Dinge gut findet wie ich – besser kann ich′s doch nicht haben.“ Die Gefahr, sich einlullen zu lassen, sei groß.

Was kann man gegen Cyber-Grooming tun?

Auf Online-Plattformen äußerst sparsam mit persönlichen Daten umgehen: Keine Fotos, keine Klarnamen, keine Adressen und Telefonnummern herausgeben.

Niemals Treffen mit fremden Personen vereinbaren.

Bei Komplimenten und Schmeicheleien von Fremden misstrauisch bleiben.

Wenn sich im Chat irgendetwas komisch anfühlt oder einem blöd vorkommt, den Chat abbrechen und den anderen blockieren.

Wenn man doch etwas herausgegeben hat und belästigt wird: Beweise sichern, Screenshots von Chatverläufen und Fotos machen, den Täter der Plattform melden, die Polizei verständigen.

Weitere Tipps gibt es online unter www.klicksafe.de und www.handysektor.de.

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