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Zeit zum Erzählen und Zuhören

Canan Topçu
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Eine Kolumne von Canan Topçu
| 15.12.2021 09:28 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Canan Topçu
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Auf unserem Internetauftritt erscheint sechs Mal pro Woche eine Kolumne. Mittwochs geht es immer um Recht.

Mein Vater ist vor vier Wochen aus dem Bett gefallen. Obwohl er sehr starke Schmerzen hatte, wollte er nicht ins Krankenhaus. Ich bin aus Hanau angerückt, um ihn zu überzeugen, dass er sich wenigstens mal röntgen lässt. Das Ergebnis war so, wie wir drei Schwestern es vermutet hatten: Er hatte sich beim Sturz einen Oberschenkelhalsbruch zugezogen. Nach intensivem Abwägen haben wir uns für eine Operation entschieden. Es ist nämlich so, dass der alte Herr (86 Jahre) es „mit dem Herzen hat“ und die Nieren auch nicht mehr so funktionieren.

Die OP hat er Gott sei Dank gut überstanden, körperlich jedenfalls. Im Kopf ist er aber nicht mehr ganz der, der er war – will meinen: Er ist nicht im Hier und Jetzt, sondern sehr viel in der Vergangenheit. Wenn ich bei ihm bin, dann erzählt er von Ereignissen aus seiner Kindheit und Jugend, von den beschwerlichen Reisen zu seinem Dienstort im Osten der Türkei, wohin er als junger Lehrer abgeordnet war.

Er erzählt so, als wäre das alles gerade erst passiert und nicht vor fünfzig, sechzig und noch mehr Jahren. Er weint darüber, dass seine Mutter starb, als er sechs Jahre alt war, dass er im Winter keine warmen Schuhe hatte und es im Dorf keinen Strom gab und er bei im Licht der Petroleumlampe Bücher gelesen hat.

Wahnsinn, denke ich, wenn ich ihm zuhöre, was das Gehirn doch so für Spielchen mit einem treibt. Was mir klar wurde, während ich am Bett meines Vaters saß: Dass ich viel weniger über ihn weiß als ich dachte. Wie es für ihn war, als meine Mutter nach Deutschland ging und er mit uns drei Kindern zurückblieb, wie er die ersten Jahre in Deutschland erlebte, er der Lehrer, der hier in einem Schlachtbetrieb arbeitete, bis seine Berufsanerkennung durch war. Ich habe mir vorgenommen, die nächsten Wochen viel Zeit mit ihm zu verbringen. Wer weiß, wie viel Zeit zum Erzählen und Zuhören uns noch bleibt. Wie traurig, dass ich zu dieser Erkenntnis gelangte, nachdem er aus dem Bett fiel und sich den Knochen brach.

Kontakt: kolumne@zgo.de

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