Interview
Warum lassen sich Menschen nicht impfen?
Ein Krummhörner hat mit unserer Zeitung darüber gesprochen, warum er sich bisher nicht hat impfen lassen. Im Gespräch geht es aber nicht nur um die Gründe, sondern auch um den Umgang mit den Folgen.
Krummhörn - Die aktuell in Deutschland und Niedersachsen geltenden Regeln erhöhen ohne Frage den Druck auf Ungeimpfte. Die Impfquote liegt in Niedersachsen bei ungefähr 71 Prozent.
Unsere Zeitung hat mit jemandem gesprochen, der noch nicht geimpft ist. B. (echter Name ist der Redaktion bekannt) ist ein Mann mittleren Alters, berufstätig und „kein Impfgegner“, wie er betont. Auch mit Verschwörungsideologien habe er „nichts am Hut“. Im Interview erklärt er seine Entscheidung. Bestimmte Äußerungen haben wir redaktionell mit einem Faktencheck begleitet.
Grund 1: Die Wirksamkeit
OZ: Warum haben Sie sich bislang nicht impfen lassen?
B.: Es ist nicht so, als hätte ich keine Gelegenheit gehabt. Ich bin aber skeptisch, ehrlich gesagt. Das betrifft die Impfstoffe, aber auch die Maßnahmen sowie das Vorhandensein von Daten, die die Realität nicht wiedergeben.
OZ: Fangen wir bei den Impfstoffen an. Ein grundsätzlicher Impfgegner sind Sie nicht?
B.: Nein. Ich bin ja beispielsweise auch gegen Tetanus, Masern und so weiter geimpft. Was mich stört: Wenn man etwas angeboten bekommt, wie einen Impfstoff, dann will man ja auch wissen, was der Stoff für Merkmale hat, was er verspricht und so weiter. Das ist ja bei anderen „Produkten“ nicht anders, da informiert man sich ja auch. Und dann entscheide ich mich, ob ich das möchte oder nicht. Wenn ich mir jetzt die vorhandenen Impfstoffe angucke: Die funktionieren ja offenbar nicht so gut, wie man sich das erhofft hat. Und dann lassen sich die Leute damit auch noch boostern, das kann ich für mich persönlich nicht nachvollziehen – ich würde ein „Mängelprodukt“ nach bereits wenigen Monaten nicht noch einmal kaufen beziehungsweise haben wollen.
Faktencheck 1: Die Wirksamkeit des Impfstoffes
Die Impfung wirkt grundsätzlich. Das betont auch das Robert-Koch-Institut. Mit Stand 3. Dezember heißt es in den „Häufigen Fragen“ zum Coronavirus: „Alle verfügbaren Covid-19-Impfstoffe haben eine gute Wirksamkeit gegen Covid-19. [...] Impfstoffe werden nur zugelassen, wenn sie einen substanziellen Schutz vor Covid-19 bieten. Sollte man dennoch erkranken, ist das Risiko, schwer zu erkranken, sehr gering.“ Weiter heißt es: „Derzeit empfiehlt die STIKO allen Personen im Alter ≥18 Jahren eine Covid-19-Auffrischimpfung mit einem mRNA-Impfstoff. Ob und wenn für wen in Zukunft weitere Auffrischimpfungen nötig sein werden, ist unsicher. Hierzu fehlen noch wissenschaftliche Erkenntnisse, die die Wirksamkeit nach drei Impfstoffdosen über einen langen Zeitraum untersuchen.“
Mit einer der Gründe für diese Unsicherheit sind auch die auftretenden Mutationen, für die die Impfstoffe gegebenenfalls angepasst werden müssen. Es stimmt, dass die Wirksamkeit gegen die Delta-Variante allgemein niedriger ist als gegen die vorherige Variante. Erste Studien legen zudem nahe, dass die Wirksamkeit (ohne Booster) gegen Omikron noch geringer ist.
Darüber hinaus gibt es Impfstoffe, die ein Leben lang wirken. Dies gilt zum Beispiel theoretisch auch für die Grippeschutzimpfung. Da sich hier die Stränge aber auch regelmäßig verändern, wird eine regelmäßige jährliche Auffrischung empfohlen.
Grund 2: Der Impfstoff
OZ: Was stört Sie noch am Impfstoff?
B.: Die Impfstoffe sind neu. In der Forschung zwar nicht, da ist mRNA schon länger bekannt, Vektorimpfstoffe genauso. Dass man es als Impfung verwendet, das ist aber neu. Und der Mechanismus gefällt mir nicht, dass etwas in meinen Körper gespritzt wird, was ihn dazu anregt, neue Zellen zu bilden, gegen die mein Immunsystem reagieren soll. Da habe ich es lieber mit dem sogenannten Totimpfstoff, aber das dauert ja noch. Die jetzt geplanten Impfstoffe, wie der von Valneva, kommen dem, was ich mir unter einem Impfstoff vorstellen, am nächsten.
Faktencheck 2: Wie funktionieren die Impfstoffe?
Die sogenannten mRNA-Impfstoffe enthalten laut des Paul-Ehrlich-Instituts „Erbinformation in Form von Boten-RNA“. Diese Erbinformation könne von den Körperzellen als Bauplan genutzt werden, um das spezifische Antigen selbst zu produzieren. Wird der Körper dann mit dem echten Virus konfrontiert, ist der Körper in der Lage, diesen zu bekämpfen. Wie der Bundesverband für Gesundheitsinformation und Verbraucherschutz auf seiner Internetseite erklärt, findet mRNA tatsächlich erstmals in Impfungen Verwendung.
Vektorbasierte Impfstoffe enthalten ebenfalls nicht den eigentlichen Krankheitserreger, sondern nur eine bestimmte genetische Sequenz. Im Gegensatz zu mRNA-Impfstoffen gelangen laut Paul-Ehrlich-Institut die genetischen Informationen bei Vektorimpfstoffen über harmlose Trägerviren in die menschlichen Zellen. Die sogenannten Totimpfstoffe enthalten hingegen abgetötete Krankheitserreger. Viele der gängigen Impfstoffe sind Totimpfstoffe, es gibt aber auch schon bei anderen Krankheiten erprobte Vektorimpfstoffe.
Grund 3: Die Zulassungsgeschwindigkeit
B.: Es stört mich aber auch noch eine andere Sache. Die eigentliche Phase 3 bei der Impfstoffzulassung wurde ausgelassen beziehungsweise zusammengeschmolzen, die Impfstoffe sind Notfallzulassungen. Da bin ich auch skeptisch, weil man bei der Zulassung gar nicht wissen konnte, wie es tatsächlich wirkt. Wie man da eine Impfpflicht mit diesen Stoffen in einer „Notfallzulassung“ verlangen kann, ist mir schleierhaft.
Faktencheck 3: Die Zulassung
Zunächst eine Begriffsdefinition: In Amerika und Großbritannien gab es eine Notfallzulassung der Impfstoffe. In der EU gab es eine sogenannte „bedingte Zulassung“. Bei der bedingten Zulassung, die zeitlich beschränkt ist, aber verlängert werden oder in eine Vollzulassung übergehen kann, wird das Arzneimittel zugelassen, obwohl noch nicht alle Daten vorliegen. Diese Daten müssen laut dem Paul-Ehrlich-Institut aber regelmäßig nachgeliefert und ergänzt werde: „Vom Zulassungsinhaber wird verlangt, dass er bestimmte Verpflichtungen (laufende oder neue Studien und in einigen Fällen zusätzliche Aktivitäten) in der vorgegebenen Zeit erfüllt, um umfassende Daten vorlegen zu können, die bestätigen, dass die Nutzen-Risiko-Bilanz weiterhin positiv ist.“
Die Aussage, dass die Phase 3 der Impfstoffzulassung (statistisch signifikante Daten zu Unbedenklichkeit und Wirksamkeit) ausgelassen wurde, ist falsch. Das ist nach europäischem Recht gar nicht möglich. Richtig ist, dass klinische Phasen kombiniert wurden beziehungsweise parallel abliefen. Zudem wurde das sogenannte „Rolling-Review-Verfahren“ für die Zulassung genutzt. Dies erlaubt es „dem Impfstoffhersteller, frühzeitig – noch während die klinische Phase-3-Prüfung läuft - einzelne Datenpakete zur Vorab-Bewertung für die Zulassung vorzulegen und Fragen, die sich während der regulatorischen Antragsbewertung stellen, zu beantworten“, so das Paul-Ehrlich-Institut.
Grund 4: Schlecht informiert
OZ: Mal ganz grundsätzlich: Wie gut fühlen Sie sich denn von offizieller Seite über das Coronavirus und die Pandemie informiert?
B.: Nicht gut. Natürlich gibt es viele Informationen von allen Seiten, da muss man sich erst durchwühlen. Was mich aber da auch stutzig macht: Die Todeszahlen werden ja beispielsweise als sehr hoch dargestellt. Wenn man dann weiter sucht, und beispielsweise beim Statistischen Bundesamt ganz andere Zahlen findet, dann gibt einem das schon zu denken. Gerade bei den Todeszahlen geht es ja auch um eine Risikoeinschätzung.
Faktencheck 4: Die Informationen
Tatsächlich gibt es keine so großen Diskrepanzen zwischen den gemeldeten Todeszahlen. Wie B. richtig sagt, hat das Statistische Bundesamt eine Sonderauswertung vorgenommen. Darin heißt es: „36.291 Todesbescheinigungen war im Jahr 2020 laut vorläufigen Daten der Todesursachenstatistik COVID-19 als Erkrankung vermerkt. In 30.136 Fällen war dies die Todesursache, in den anderen 6155 Fällen war es eine Begleiterkrankung.“ Hier ist zu beachten, dass für drei Bundesländer die Zahl der „an Corona Verstorbenen“ fehlt.
Das Ergebnis des Statistischen Bundesamtes unterscheidet sich kaum von anderen Auswertungen. Das Robert-Koch-Institut verzeichnet für 2020 ungefähr 43.990 Todesfälle im Zusammenhang mit Corona, Wissenschaftler der Universität Duisburg-Essen gingen in einer Studie von 34.000 Toten aus.
Nichtsdestotrotz gab und gibt es natürlich immer wieder Missverständnisse und schlechte Kommunikation rund um das Thema Corona. Das fängt bei Datenübermittlungsfehlern an und hört bei aufgebauschten Einzelmeinungen auf. Daher ist es leicht nachzuvollziehen, dass B. sich schlecht informiert fühlt. Im Gespräch ging es beispielsweise auch darum, ob es anfangs hieß, dass eine Impfung ausreichen wird, um vor Corona geschützt zu sein oder ob von Anfang an Booster-Impfungen nicht ausgeschlossen wurden. Das heißt: Es kommt darauf an, wem man wann zugehört hat.
Die Folgen des Ungeimpftseins
B.: Zur Risikobewertung zählt für mich auch, dass ich mir angucke: Für wen ist das Virus denn gefährlich. Und zu der Risikogruppe zähle ich mich nicht. Auch deswegen warte ich mit der Impfung noch.
OZ: Halten Sie sich denn dann aktiv von den Risikogruppen fern?
B.: Gerade halte ich mich allgemein fern. Zum einen, weil es Gesetze und Verordnungen von mir verlangen. Aber auch, weil: Geimpfte stecken zwar auch an, aber Ungeimpfte noch mehr. Daran zweifel’ ich gar nicht. Deswegen halte ich mich an die Abstandsregeln, ich will ja niemanden gefährden. Ich wohne auch allein und die, mit denen ich regelmäßig näheren Kontakt habe, wissen, dass ich ungeimpft bin. Mit denen gibt es ganz klar die Absprache, dass man sich über das Risiko im Klaren ist, wenn ich bei ihnen bin oder sie zu mir kommen.
OZ: Finden Sie die bestehenden Regelungen, die zunehmend Ungeimpfte benachteiligen, gerechtfertigt?
B.: Wenn ich nicht bereit bin, mich impfen zu lassen, dann weiß ich ja, was auf mich zukommt. Die Ungeimpften müssen viel erleiden, aber das ist zumindest in meinem Fall ja selbstgewähltes Leid. Was ich aber nicht mag: Wenn man mich zwingen will, etwas zu tun, ohne mir schlüssig den Sinn zu erklären. Ich bin da ein nachfragender Mensch und bei staatlichem Druck kommt bei mir Misstrauen auf. Viele Maßnahmen machen überdies keinen Sinn.
OZ: Was zum Beispiel?
B.: 2G+ auf dem Weihnachtsmarkt, aber ins Kino durfte ich noch mit 2G? Das kann man nicht mehr nachvollziehen. Außerdem, da ja auch Geimpfte anstecken können – mal mit Blick auf die Kranken- und Pflegeeinrichtungen: Wer ist denn da gefährlicher? Der frisch getestete Ungeimpfte oder der nicht-geteste Geimpfte? Ob der Druck, der jetzt auf Ungeimpften lastet, fair oder moralisch ist, mag wer anderes beurteilen.
OZ: Wie sind denn die Reaktionen aus dem Umfeld? Gehen Sie offen damit um, dass Sie ungeimpft sind?
B.: Mein Arbeitgeber weiß das. Im Umfeld gehe ich damit offen um. Da gibt es auch die, die mich beschimpfen. Mancher Geimpfter lässt da schon seinen Hass raus. Das ist auch gar nicht so selten. Wer gerade nicht mitmacht beim Impfen, der wird sofort abgestempelt. Ich werde gefragt, ob ich an Verschwörungstheorien glauben würde oder die AfD wähle. nein, tue ich beides nicht. So einen Kokolores muss man sich da anhören. Ich wurde auch schon als Parasit beschimpft. Egoistisch sei ich auch. Das verstehe ich nicht. Wenn der Ungeimpfte mit der Lage vernünftig umgeht, dann sehe ich da kein Problem. Dann kann man sie auch ungeimpft lassen.