Corona-Demo in Emden

Die Verschwörung läuft weiter mit

Claus Hock
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Von Claus Hock
| 12.12.2021 14:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Vordergründig sollte es bei der Demo am 11. Dezember in Emden um das Wohl der Kinder und um den Zugang zur Bildung gehen. Viele erwachsene Teilnehmer nahmen ihre Kinder mit (Unkenntlichmachung von uns). Foto: Hock
Vordergründig sollte es bei der Demo am 11. Dezember in Emden um das Wohl der Kinder und um den Zugang zur Bildung gehen. Viele erwachsene Teilnehmer nahmen ihre Kinder mit (Unkenntlichmachung von uns). Foto: Hock
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An den vergangenen beiden Wochenenden zogen Hunderte Menschen durch Emden und protestierten gegen die Corona-Maßnahmen. Unsere Zeitung hat einen Blick auf Teilnehmer und Plakate geworfen.

Emden - An den vergangenen zwei Wochenenden wurde in Emden erneut „gegen die Coronamaßnahmen“demonstriert. Ein immer wiederkehrender Vorwurf: Bei diesen Demonstrationen laufen sowohl Neonazis als auch Verschwörungsideologen mit. Doch stimmt das?

Unsere Zeitung hat sich zwei der Demos – die erste mit rund 250 Teilnehmern, die zweite am vergangenen Wochenende mit rund 350 Teilnehmern – angesehen. Schwerpunkte der Beobachtung: Wer läuft da mit, welche Botschaften werden über Schilder und Plakate vermittelt? Das Ergebnis: Verschwörungsideologien mischen sich weiter mit Verunsicherung. Wie wir zu dieser Einschätzung gelangen, zeigen wir anhand einer Analyse. Bei einer Analyse handelt es sich – ähnlich wie bei einem Kommentar – um einen Meinungsbeitrag.

Was und warum

Darum geht es: Verschwörungsideologien werden weiterhin auch bei den Corona-Demos in Emden verbreitet.

Vor allem interessant für: Teilnehmer der Demonstration, die eigentlich nicht an Verschwörungen glauben.

Deshalb berichten wir: Wir wollten wissen, wie sich die Demonstrationen jetzt, nachdem lange wenig passiert ist, zusammensetzen.

Den Autor erreichen Sie unter: c.hock@zgo.de

Wer läuft da eigentlich mit?

An der Demo nahmen ganz unterschiedliche Menschen teil. Da es vordergründig eigentlich um Bildung und Kinder gehen sollte, waren im Demozug auch viele Eltern mit ihren Kindern. Ausgehend von den zur Schau gestellten Protestplakaten, auf die nachfolgend eingegangen wird, wird aber auch deutlich, dass Verschwörungsideologien weiterhin eine große Rolle bei den Protestierenden spielen. Die nachfolgenden Beispiele sind eben das – Beispiele. Es gibt auch Plakate, in denen die Angst vor einer Spaltung der Gesellschaft zum Ausdruck gebracht wird oder auf denen man sich um das psychische Wohl der Menschen (oft: Kinder) aufgrund von sozialer Distanz sorgt. Nicht alle dieser Sorgen sind von der Hand zu weisen, aber gleichzeitig gilt: Die Verschwörungsideologien werden akzeptiert, zum Teil sogar bejubelt. Eine Abgrenzung durch die Demoteilnehmer, auch durch die, die in guter Absicht und frei von Verschwörungsideologien auf die Straße gehen, findet nicht statt.

Demo vom 11. Dezember. Foto: Hock
Demo vom 11. Dezember. Foto: Hock

So finden sich unter den Teilnehmern auch unbehelligt diejenigen, die ihre Gesinnung mehr oder weniger offen zur Schau tragen. Sei es der Teilnehmer am 4. Dezember, der den Pullover eines Blogs beziehungsweise Telegram-Kanals von Schweizer QAnon-Anhängern trug. QAnon ist eine amerikanische verschwörungsideologische Bewegung, die an eine geheime Elite glaubt, die im Untergrund die Welt regieren soll. Die Mitglieder dieser Elite sind wahlweise Superreiche, wie Bill Gates oder George Soros, „Linke“ wie Hillary Clinton oder Joe Biden, oder Juden, womit gleich der Kreis zu den antisemitischen Elementen vieler Verschwörungsideologien geschlossen wird.

Ein Beispiel von der Demonstration am 11. Dezember: Thor Steinar. Diese Modemarke wird an sich ausschließlich von Neonazis getragen. Das bedeutet jetzt nicht, dass der ganze Demozug rechts ist. Es bedeutet aber, dass sich die am Sonnabend so gekleideten Teilnehmer im Demozug wohlfühlten.

„NRNBRG“

Ein guter Indikator dafür, worum es bei Demonstrationen geht, sind die Schilder, Plakate und Banner, die von den Teilnehmern gezeigt werden. Während manche einfach zu verstehen sind, benutzen andere Codes, die innerhalb der verschwörungsideologischen Szene verstanden werden, für andere aber mitunter harmlos daherkommen.

Demo vom 4. Dezember. Foto: OZ
Demo vom 4. Dezember. Foto: OZ

Auf der Demonstration am 4. Dezember trug ein Teilnehmer ein Plakat mit der Aufschrift „NRNBRG“. Dies steht für Nürnberg (es wurden einfach die Vokale weggelassen) und verweist auf eins von zwei Dingen: die Nürnberger Prozesse oder den Nürnberger Kodex. Führende Vertreter der „Querdenken“-Bewegung ziehen immer wieder Parallelen zwischen heute und den Nürnberger Prozessen. Der Tenor: Auch die hetzige Regierung würde Verbrechen gegen die Menschlichkeit begehen, die denen der Angeklagten in den Nürnberger Prozessen um nichts nachstehen. Und: Man wolle Politikern, aber auch Wissenschaftlern heute ebenfalls einen „Nürnberger Prozess“ machen, Todesurteile inbegriffen.

Demo vom 11. Dezember. Foto: Hock
Demo vom 11. Dezember. Foto: Hock

Eine andere Möglichkeit ist die Bezugnahme auf den Nürnberger Kodex. Auf der Demonstration am 11. Dezember wurde ein Schild mit dieser Aufschrift in der Demo gezeigt. Der Nürnberger Kodex von 1947 geht auf die Nürnberger Ärzteprozesse rund um die medizinischen Experimente der Nationalsozialisten zurück und umfasst mehrere Punkte, die bis heute gelten und medizinische Experimente an Menschen regeln. Zu den Punkten gehört unter anderem, dass die Menschen, an denen experimentiert wird, damit einverstanden sind und die Experimente jederzeit wieder abbrechen können. Was das mit der Corona-Pandemie zu tun hat? Die verschwörungsideologischen Teilnehmer gehen in der Regel davon aus, dass die komplette Corona-Impfung ein Experiment an der Menschheit ist. Was dabei (bewusst) verschwiegen wird: Weder die Zulassung der Impfstoffe noch die Verwendung verstößt gegen den Nürnberger Kodex. Im Gegenteil: Der Kodex wurde beim Test der Impfstoffe befolgt und auch die Impfung an sich ist kein Verstoß gegen medizinische Grundsätze.

Irgendwas mit Diktatur

Stark verbreitet sind auch Schilder, die die jetzige Zeit mit einer Diktatur gleichsetzen. In diese Kategorie, nur mit stärkerem Bezug auf den Nationalsozialismus, fallen auch Schilder wie „Stoppt den Impffaschismus“, was auf beiden Demos gezeigt wurde. Wie man skandierend und unbehelligt durch die Straße ziehen kann und sich in einer Diktatur oder gar in irgendeiner Form des Faschismus lebend sieht, ist eine ganz eigene Logik.

Alles eine Verschwörung

Einen Schritt weiter als die Diktatur-Plakate gehen die Schilder, die ganz klar einen verschwörungsideologischen Hintergrund haben. Sehr prominent auf der Demonstration am 11. Dezember war ein Plakat, das mit „Totalitäres Sy$tem“ überschrieben war. Es zeigte unter anderem ein Dreieck, umgeben von Wörtern, in dessen Mitte das Coronavirus als Zeichnung zu sehen war.

Demo vom 11. Dezember. Foto: Hock
Demo vom 11. Dezember. Foto: Hock

Dieses Plakat ist eine Anlehnung an das sogenannte „Auge der Vorsehung“. Dieses auch als „allsehendes Auge“ bezeichnete Symbol hat mehrere Hintergründe, in Verbindung mit einem Dreieck steht es in der Regel für Freimaurer – und dann darüber hinausgehend für den Verschwörungsglauben, dass irgendwelche Eliten die Welt kontrollieren. Welche Eliten das in diesem Fall sind, machten die Plakathersteller gleich mit deutlich: Wissenschaft, Medizin und RKI sowie Lothar Wieler und Christian Drosten bilden eine Seite des Dreiecks. „Big Pharma“, die Wallstreet und die Weltgesundheitsorganisation sowie Pfizer, Geld (als Dollarzeichen) und Bill Gates bilden die zweite Seite. Die Basis wird durch den Staat (CDU, SPD, Politiker, Grüne, FDP) gebildet. Alle Seiten zusammen bilden dann eine angenommene Weltverschwörung. Dieses Plakat nimmt Anleihen bei gleich mehreren Verschwörungserzählungen, die in „Querdenken“-Kreisen die Runde machen.

Der Glaube, dass die Corona-Pandemie inszeniert sei, wird auch durch ein Lied transportiert, dass wiederholt lautstark auf der Demo am 11. Dezember gespielt wurde: „Deutschland, zeig dein Gesicht“ von Alex Olivari. Olivari ist so etwas wie der Barde der „Querdenken“-Bewegung. In dem Lied heißt es unter anderem: „Sie sind Meister im Täuschen und Manipulieren // Ich frag‘ mich wer verdient daran“.

Demo vom 11. Dezember. Foto: Hock
Demo vom 11. Dezember. Foto: Hock

Auf einem anderen Plakat auf der Demonstration am 11. Dezember war von einem „Umbau des menschlichen Körpers“ durch das „trojanische Pferd“ Covid die Rede. Dies ist wahrscheinlich ein Bezug auf die (mRNA-)Impfstoffe, die, so die Verschwörung, eigentlich nur den menschlichen Körper verändern sollen, um entweder den sogenannten Transhumanismus oder wahlweise auch eine Beeinflussung der Menschen zu erreichen.

Das Infomaterial

Die Angst vor den Impfstoffen findet sich auch in den Flyern und Broschüren wieder, die von den Teilnehmern verteilt werden. In diesen ist beispielsweise davon die Rede, dass die Covid-19-Impfung an Kindern „ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ sei oder dass die Impfung sowieso gar nicht wirke. Dabei werden diese Informationen immer als „Wahrheit“ gegenüber dem wahrgenommenen Mainstream oder der „Systempresse“ verkauft. Das übliche Vorgehen dabei ist, dass Informationen aus dem Zusammenhang gerissen werden und mit den Aussagen vermeintlicher Experten kombiniert werden. Dabei wird auch die Gefährlichkeit von Covid-19 in Zweifel gezogen.

Interessanterweise wird mit diesem „Infomaterial“ genau das betrieben, was dem „Mainstream“ immer vorgeworfen wird: Fakten und Zusammenhänge werden entstellt und in einen konstruierten, immer ein bestimmtes Ziel verfolgenden neuen Kontext gesetzt.

Fazit: Die Verschwörung bleibt

Vordergründig sollte es bei der Demo am vergangenen Sonnabend um Kinder und Bildung gehen. In der Praxis zeigte sich aber, dass erneut zahlreiche Themen sowohl in Redebeiträgen als auch auf den Plakaten angeschnitten wurden, viele davon aus dem verschwörungsideologischen Bereich. Dies wird von den Teilnehmern, die nicht dem Verschwörungslager zuzuordnen sind, weiter akzeptiert und trotz zahlreicher Berichte und Quellen zu eben diesem Bereich nicht kritisiert. Wer mitläuft, beflügelt und unterstützt das, was seit Anbeginn dieser Demonstrationen immer wieder kritisiert wird.

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