Begegnung

Überraschender Besuch in Leer: Ein Franzose auf der Durchreise

Katja Mielcarek
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Von Katja Mielcarek
| 12.12.2021 18:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
„Die nettesten Leute, die ich bisher getroffen habe“: Nathan Pigourier (rechts) mit Jessica Heine, ihrem Lebensgefährten Sebastian Wurps und Sohn Elias. Foto: privat
„Die nettesten Leute, die ich bisher getroffen habe“: Nathan Pigourier (rechts) mit Jessica Heine, ihrem Lebensgefährten Sebastian Wurps und Sohn Elias. Foto: privat
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Der 28-jährige Nathan Pigourier ist auf dem Weg von Nizza zum Nordkap – mit dem Fahrrad. Er sammelt Geld für die Multiple-Sklerose-Forschung und nimmt dafür einiges auf sich. Kürzlich kam er durch Leer.

Leer - Mit Besuch hatte Jessica Heine in Bingum an diesem Nachmittag eigentlich nicht gerechnet – und schon gar nicht mit so einem: „Da stand ein junger Mann in Fahrrad-Kluft vor mir und fragte auf Englisch, ob er für eine Nacht sein Zelt in unserem Garten aufschlagen darf“, erinnert sie sich.

Der junge Mann war der 28-jährige Nathan Pigourier aus Nizza. Er ist mit seinem Fahrrad auf dem Weg zum Nordkap in Norwegen – im Dienst der guten Sache. „Ich sammle Geld für die Multiple-Sklerose-Forschung und möchte das Bewusstsein für diese Krankheit stärken.“ Sein Konzept: Er fährt, solange die Muskeln und das Tageslicht mitmachen, und sucht sich dann eine Unterkunft für die Nacht, genauer einen Platz für sein Zelt. Seine Erlebnisse schildert er Tag für Tag auf seiner Facebook-Seite (www.facebook.com/nathenrouelibre), auf der auch der Link zu finden ist, über den gespendet werden kann. „Eine fünfstellige Summe am Ende wäre toll“, sagt Pigourier. Bis jetzt sind knapp 6000 Euro zusammengekommen.

Corona macht die Menschen zurückhaltender

„Wegen Corona ist es manchmal schwierig, einen Platz zu finden. Die Leute wollen keine Fremden in der Nähe haben“, erzählt der 28-Jährige. Auch in Bingum wollte es nicht gleich klappen: „Fünf bis zehn Absagen habe ich wohl bekommen.“

Für Jessica Heine war es keine Frage, dass der unangekündigte Besuch im Garten bleiben darf: „Ich war zwar erstmal ziemlich perplex, aber ich bin ein ziemlich offener und neugieriger Mensch, deshalb fand ich das spannend.“ Und nach Rücksprache mit ihrem Lebensgefährten Sebastian Wurps entschieden sich beide, Pigourier spontan ihr Büro freizuräumen, damit der nicht in der Kälte übernachten muss. „Wir sind hier erst vor wenigen Tagen eingezogen, deshalb war das Büro vollgestellt mit Kartons.“

So sehen die Schlafplätze von Nathan Pigourier meistens aus: einigermaßen regengeschützt, aber draußen. Foto: privat
So sehen die Schlafplätze von Nathan Pigourier meistens aus: einigermaßen regengeschützt, aber draußen. Foto: privat

„Jessy und Sebastian sind, glaube ich, die nettesten Menschen, die ich bisher auf meiner Reise getroffen habe“, sagt der Franzose. Nicht nur, dass sie ihm einen warmen und trocken Schlafplatz verschafft hatten, auch ein heißes Bad, ein gutes Abendessen und spannende Gespräche bis tief in die Nacht hätten sie ihm beschert. In den meisten Fällen böten ihm die Menschen nur einen Platz draußen an, oft aber wenigstens regengeschützt.

Kontakt soll bleiben

Nicht nur er ist begeistert: „Ich bin richtig wehmütig, dass Nathan wieder weg ist. Der Abend war total inspirierend. Ich bin ganz gespannt, wie seine Reise weitergehen wird“, sagt Jessica Heine. Sie ist sich sicher, dass der Kontakt zu dem Franzosen bestehen bleibt, auch wegen ihres achtjährigen Sohns Elias. „Die beiden sprachen zwar verschiedene Sprachen, haben sich aber trotzdem super verstanden. Elias war ganz enttäuscht, dass Nathan schon weg war, als er mittags aus der Schule kam.“

Warum hat er sich unbedingt das Nordkap als Ziel ausgesucht? Und warum um Himmels Willen im Winter? „Ganz einfach: Ich wollte Polarlichter sehen und dafür sind die Chancen im Winter in Norwegen besonders gut. Und außerdem habe ich schon mehrere Touren im Sommer gemacht. Dieses Mal sollte es eine neue Herausforderung sein. Mein Schlafsack ist auf Temperaturen bis minus zwölf Grad ausgelegt. Vielleicht werde ich mir unterwegs noch etwas besseres kaufen müssen“, sagt Pigourier. Das übrigens nicht von dem gespendeten Geld: „An das komme ich gar nicht ran.“ Seine Hoffnungen an die Reise fasst er so zusammen: spannende Leute treffen, Geld sammeln, Landschaft erleben.

Viel Gepäck hat Nathan Pigourier nicht dabei. Foto: privat
Viel Gepäck hat Nathan Pigourier nicht dabei. Foto: privat

Eine Herausforderung werde für ihn wohl das Weihnachtsfest sein: „Wahrscheinlich werde ich alleine in meinem Zelt sitzen. Das wird das erste Mal sein, dass ich nicht mit meinen Eltern und meiner Schwester feiere.“ Der 28-Jährige stellt sich schon darauf ein, dass gerade am Heiligen Abend die Suche nach einem Übernachtungsplatz schwierig werden könnte: „Vielleicht sollte ich es an dem Abend bei einer Kirche probieren“, sagt er.

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